#d3unterwegs im digitalen Exil: Die re:publica 2020

Zwar kein Gedränge vor Halle 1, aber Gedränge auf der Website, spannende Sessions und BeerPong im virtuellen Innenhof. Wir haben uns angeschaut, wie die re:publica im digitalen Exil funktioniert.

Foto von einem Laptop, auf dem der Stream der re:publica 2020 im Raum ASAP 1 zu sehen ist. Eingeblendet wird der Text #d3unterwegs

Ein Prototyp geht live – so beschreibt es der re:publica Geschäftsführer Andreas Gebhard bei der Eröffnung im republica.tv. Nur 30 Tage hatten die Veranstalter:innen Zeit, um aus der größten (Präsenz-) Digital-Konferenz Europas ein Digital-Event zu machen. Wir waren neugierig – und haben uns angeschaut, wie ihr Prototyp aussieht.

11.30 Uhr: Die virtuelle re:publica öffnet ihre Live-Streams

Eigentlich. Oder doch getreu dem diesjährigen Veranstaltungsmotto ASAP. ASAP steht im Internetsprech für „as soon as possible“, also „so schnell wie möglich“. Ein passendes Motto für die diesjährig re:publica: Sie widmet sich der „realen und gefühlten Dringlichkeit, in der sich unsere globale und digitale Gesellschaft aktuell befindet.”

Ein 15 Minuten verspäteter Start – das gehört doch zum Programm! Echtes Live-Gefühl! Wird zumindest bei Twitter gemunkelt:

Dann geht es doch los – mit Grußworten aus dem Veranstalter:innenteam. Sie erzählen, wie es hinter den Kulissen aussah, als klar wurde, dass die Veranstaltung nicht wie gewohnt stattfinden konnte – und wie die Köpfe rauchten, als es an die Entwicklung eines digitalen Prototypens ging.

Sympathisches Mitnicken beim Team von Stiftung Bürgermut und D3 – so geht digital, insbesondere aber bei unseren Kolleginnen vom Digital Social Summit, den ein ähnliches Schicksal ereilte und der sich gerade auch für ein Digital-Event am 25./26. Mai rüstet. Noch nicht angemeldet? Hier entlang!

53 Sessions mit 89 Sprecher:innen – die Berliner Zeitung hat nachgezählt. In einem Multi-Channel-Stream von 11.30 bis 23 Uhr. Wahnsinn!

Wie gestaltet man eine so große Konferenz digital?

Das interessiert uns neben den Inhalten dieses Jahr mindestens genau so sehr. Auf vier Kanälen wird gestreamt und die Programmansicht ist filterbar: Gesamtprogramm oder kanalspezifisch, übersichtlich mit ausklappbaren Zusatzinfos.

Wie macht man aus einer offenen Hauptbühne und vielen weiteren Räumen voller Podiumsdiskussionen eine digitale Konferenz – mit Interaktionsmöglichkeit?

Das Fernsehstudio republica.tv

Eine Moderatorin eröffnet die re:publica in einem Fernsehstudio mit auffälligem Design – die Meinungen darüber gehen auseinander:

Auf den vier Kanälen mit unterschiedlichen Schwerpunkten wird in 25minütigen Programmpunkten ein breites Spektrum abgedeckt. Den Überblick gibt es hier. Einige Gespräche wirken live, andere sind aufgezeichnet, wieder andere haben eingespielte Beiträge von Speaker:innen. Manche halten Vorträge, andere führen Zweier- oder Dreiergespräche.

Die Deep Dives

Die verschiedenen Sessions werden live gestreamt – direkte Interaktion währenddessen gibt es nur über Social Media. Aber: Jeder Kanal hat einen interaktiven Kanal, den so genannten Deep-Dive, in dem nach der Session mit den Speaker:innen diskutiert werden kann.

Der Innenhof – das soziale Herzstück

Ohne Frage – das Programmangebot auf der re:publica ist auch im digitalen Exil ein echter Hingucker. Aber bei Veranstaltungen geht es doch vor allem auch um die Pausen – die Gespräche bei einer Tasse Kaffee, das Stolpern über bekannte Füße, sich schnell eine:n Speaker:in schnappen, mit dem oder der man schon immer sprechen wollte. Der Innenhof ist bei jeder re:publica inoffizieller Dreh- und Angelpunkt. Daher gibt es diesen nun digital: Als riesengroßen Zoomraum mit Mitmachaktionen.

Ein Blick in das Hof-Gespräch zu „Vernetze deine Stadt“. Im Mittelpunkt standen Fragen wie: Sind SocialBars in großen Städten durchgespielt – oder hat das Format eine Zukunft? Nutzt ihr Facebookgruppen, um mit euren Herkunftsorten in Verbindung zu bleiben – auch von anderswo? Über 60 Personen im lockeren Gespräch, wie es in Bonn, Frankfurt und Berlin aussieht – und alle halten sich an lockere, ungeschriebene Gesprächsregeln.

Wirklich alle? Leider nein. Ein offener Zoomraum bei so einer großen Konferenz lockt Störer(bots) an. Phasenweise startet in kurzem Abstand ein Account sein Video+Ton mit einem Störersound. Anstrengend – zum Glück reagieren die Hosts schnell. Danke für eure starken Nerven!

Später wurde es im Hof noch wild, zunächst mit Singen, dann mit einer Runde virtuellem BeerPong.

Blicke ins Programm

Fluch und Segen der Online-Konferenzen: Man kann viel einfacher teilnehmen, aber man kann sich so auch schlechter aus anderen Aufgaben herausnehmen – aber trotzdem haben wir so einige Sessions besucht.

Die Corona-Krise hat zwar inhaltlich einen starken Einfluss auf das Programm, das Wort fällt aber erstaunlich selten. Wie es zu einer Digital-Konferenz passt, geht es in vielen Sessions um den Einfluss der neuen Gegebenheiten auf unsere Arbeitswelt und Formen der Zusammenarbeit.

#Zwangsdigitalisierungsbefürworterin

Mit diesem Hashtag stellte sich New Work Expertin Katharina Krentz in der Session „Become a HomeOffice Hero!“ vor. Und das fasst einige Sessions ganz gut zusammen. Auch in „Die Arbeitsgesellschaft nach Corona: Lehren aus der Krise“, „Die unfreiwillige Chance: Corona und die Digitalisierung der Verwaltung“, in „ASAP und Open End: Remote working als Stresstest für kreative Teams oder „As Team as Possible“ – Interne Kommunikation für dezentrale Teams“ ging es viel um die Chancen, die aus der notwendigen Umstellung auf remote work in den letzten Wochen entstanden sind – und was wir daraus in die Zukunft mitnehmen und lernen können.

Claudio Gallio, Geschäftsführer der Agentur Familie Redlich, fasste die Lernerfahrungen aus sieben Wochen Homeoffice als Agentur so zusammen:

  • effiziente Prozesse und klare Zuständigkeiten im analogen machen recht schnell einen guten digitalen Prozess. Andersrum genauso.
  • Zu Kommunikation gehört mehr als effiziente digitale Prozesse. Wir brauchen auch die interaktive, menschliche Begegnung – das ist nicht so leicht zu reproduzieren.
  • Das was die Kultur einer Organisation ausmacht (Feedbackkultur, Solidarität, Vertrauen, Zuverlässigkeit…) kommt auch im digitalen zu tragen und fungiert wie ein Sicherungsnetz.
  • Es wird selbstverständlicher, Tools in den Alltag zu integrieren. Sicher auch nach Corona.
  • Derzeit gibt es fast ausschliesslich fokussierte, effizient (gewünschte), strukturierte Meetings – die zufällige Begegnung kommt zu kurz.
  • Überraschungsmomente in der Küche werden wir nach Corona noch mehr zu schätzen lernen

.

Digitalisierung, Nachhaltigkeit, Gesellschaft

Starke Worte für die aktuelle Situation fand auch Ansgar Oberholz, Gründer des legendären Co-Working Cafés St. Oberholz in Berlin. Er verglich die digital bedingte Corona-Situation mit einer globalen Nahtoderfahrung und kollektivem Heilfasten. Die große Frage dahinter: Ändern wir unser Verhalten, behalten wir neu gewonnene Verhaltensweisen, Erkenntnisse bei? Hinterfragen wir langfristig unseren Kurs? Gibt es eine neue Klarheit? Die Fragen blieben offen – wir sind sehr gespannt.

In diesen Worten stecken viele Bezüge zu der auf Twitter populären Forderung: Let’s flatten this curve, too. Gemeint ist, nicht nur die Ausbreitungskurve des Corona-Virus, sondern auch die der Erderwärmung massiv abzuflachen. Den Schulterschluss zwischen den Themen Digitalisierung, Nachhaltigkeit und Corona-Erfahrungen gab es gleich zu Beginn im Eröffnungspanel und auch zum Abschluss im Kanal ASAP 1 mit der Klimashow, die Mut macht. Ein wichtiges Thema – gut besetzt!

Und sonst? Viele spannende Learnings. Zum Beispiel, das falsch geschriebene Hashtags bei Twitter leichter trenden – hätten wir so nicht erwartet:

Alles am Internet ist super!

Ein absoluter Nachschautipp zum Aufheitern ist die Session von Kathrin Passig und Leonhard Dobusch: Alles am Internet ist super.

Mit sehr viel Witz und tiefem Graben in den digitalen Archiven skizzierten die beiden, wie Corona uns mit dem Internet vor 20 Jahren erwischt hätte. Oder auch vor 10 Jahren. Zugrunde lag die These, dass viel darüber geschimpft wird, dass das Netz nicht mehr so „super“ ist wie früher – und dass das in vielen Bereichen einfach nicht stimmt. Eine kurzweilige Reise durch Entwicklungsstufen und Chancen des Internets.

Die Ankündigung der Session passt: „Ein Wellnessvortrag voll schöner Slides und guter Nachrichten.“ Kathrin Passig versprach zum Einstieg: Blinden Optimismus in Vortragsform – und das brauchen wir gerade alle mal. Oder?

Fazit: Gelungene Veranstaltung – aber wir freuen uns auch auf eine analoge (+digitale?) re:publica 2021

Hut ab vor dem Orga-Team für den reibungslosen Ablauf und die Möglichkeit, kostenlos teilnehmen zu können. Gigantisch, was in so kurzer Zeit auf die Beine gestellt wurde und – von außen betrachtet – ziemlich stabil ablief. Zwar war die Seite selbst die meiste Zeit überlastet, aber der youtube-Stream hielt. Eine leichte Verspätung gegen Ende und Stör-Bots im Zoom-Raum: Kein großer Aufreger.

Ganz großes Kino mit Rührseligkeits-Partyfaktor 1000: Team-Quaraoke zum Abschluss mit dem re:publica Klassiker Bohemian Rhapsody. 100 Stunden Schnittmaterial – wow!

Was aber auch ein virtueller Pausenhof nicht ersetzen kann: Zufällige Begegnungen, verschwörerische Blicke, Umarmungen und das Ausschau halten nach und Wiedersehen von Bekannten. Und den vertrauten Klang umfallender Mate-Flaschen. Daher freuen wir uns – dankbar für den heutigen Tag – schon sehr auf Mai 2021. Hoffentlich wieder in der STATION. Und im Netz.

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re:publica: So war es 2019

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