Mehr Gamification wagen!

„Auf ein Megabit mit …“ ist ein Format, in dem Digitalisierungsexperten zu Wort kommen. Im Interview erklärt Prof. Dr. Hans Fleisch, wie man Vorgesetzte für Gamification begeistert, warum Lösungen kein Vermögen kosten müssen und wieso wir eine neue Förderlogik brauchen. Im April 2018 erschien sein Buch „Gamification4Good. Gemeinwohl spielerisch stärken“.

Gamification ist derzeit ein beliebtes Buzz Word. Handelt es sich um einen kurzen Hype oder hat Gamification etwas zu bieten, das dauerhaft interessant für Non-Profits sein kann?


Zwischen 2012 und 2016 war ein gewisser Hype zu beobachten, was die Chancen von Gamification vor allem für größere Unternehmen betrifft. Das ist mittlerweile in einen gesunden Pragmatismus gemündet. In der Wirtschaft wird immer besser verstanden, wie Gamification dabei helfen kann, Menschen zu informieren, zu motivieren und Prozesse effektiver zu gestalten. Im Non-Profit-Bereich wird diese Chance noch nicht ausreichend genutzt. Aber auch dort gibt es einige Organisationen, die schon mit Spielelementen oder -mechaniken arbeiten, übrigens meist ohne den Begriff „Gamification“ dafür zu verwenden. Von diesen Beispielen und von der Wirtschaft können andere NGOs und Förderer lernen.

Ein Lego-Auto auf einem Holztisch.
Photo by Markus Spiske on Unsplash

Mit welchem Argument kann ich meine Geschäftsführung oder meinen Vorstand davon überzeugen, über den Einsatz von Gamification nachzudenken?

Ich würde den Gremien oder Vorgesetzten zuerst einen anschaulichen Youtube-Vortrag zum Thema, zum Beispiel von dem Wissenschaftler und Game-Designer Sebastian Deterding, zeigen. Der dauert vielleicht zwölf Minuten und fasst das Potenzial von gamifizierten Lösungen sehr gut zusammen. Zudem würde ich ein paar erfolgreiche Projekte nennen, die vielleicht schon bekannt sind, aber bisher nicht mit Gamification in Verbindung gebracht wurden. Auch das kann für einen Aha-Effekt sorgen. Schließlich empfehle ich, wenn die Gremien für die Thematik gewissermaßen geöffnet sind, einen Berater oder anderen Experten einzuladen, der direkt aus der Praxis berichten kann.

Der Einwand, das sei zu kostspielig – lassen Sie den gelten?

Es muss nicht teuer sein! Man braucht gamifizierte Lösungen nicht unbedingt völlig neu zu erfinden. Man kann digitale Baukästen nutzen, wie etwa das Online-Spiel Minecraft, das sich vielfältig einsetzen lässt. Zudem gibt es Beispiele wie „SuperBetter“, eine der erfolgreichsten Gesundheits-Apps überhaupt, die gerade einmal zwei Beratertage und 500 Dollar für die Programmierung gekostet hat. Außerdem existieren natürlich auch kostengünstige analoge Gamification-Ansätze. Wichtig ist, beim Design der Lösung nicht zu sparen, also jemanden einzubeziehen, der sehr fundierte Kenntnisse mitbringt. Das ist gut investiertes Geld und vielleicht gewinnt man sogar jemanden, der pro bono berät.

Eine Figur aus dem Spiel Minecraft.
Photo by Nina PhotoLab on Unsplash

Angenommen, es gibt dann grünes Licht. Wie sehen die nächsten Schritte aus?

Auch hier gilt es, strategisch vorzugehen. Zunächst einmal sollten Ziele und Rahmenbedingungen geklärt werden: Welche Wirkung soll bei welcher Gruppe erreicht werden? Welche Ressourcen stehen uns zur Verfügung? Solche grundlegenden Fragen müssen beantwortet werden, bevor man mit einem ersten Designprozess startet. Im Vorfeld ist es zudem sinnvoll, dass sich mindestens eine oder einer im Team mit dem Thema Gamification intensiver vertraut macht. Das kann in Form eines Basis-Seminars sein oder indem er bzw. sie die entsprechende Literatur liest. Zuerst muss schlicht das Thema verstanden werden, um dann näher zu beleuchten, wo und wie Gamification sinnvoll zum Einsatz kommen kann.

Eine Hand hält einen Pilz aus einem Super Mario Spiel.
Photo by Geeky Shots on Unsplash

In Ihrem Buch fordern Sie auch eine veränderte Förderlogik, die bei Gamification- und anderen Lösungen stärker den Projektentwicklungs- oder Design-Prozess in den Blick nimmt. Warum ist das so wichtig?

Das ist ein Appell, der sich sowohl an Förderer als auch an Mittelsuchende richtet. Es ist letztlich ineffektiv, wenn nur bereits fertig konzipierte Lösungen unterstützt werden; denn dann fehlt es oft an der nötigen Investition in das Erarbeiten eines guten Konzepts. Förderer sollten mehr als bisher ein Wagnis eingehen, indem sie einen Vorprozess für die Projektkonzeption mit noch offenem Ausgang unterstützen. Und auch NGOs sollten es verstärkt wagen, für diese Vorprojektphase – als eigenständiges Pre-project – gesondert Mittel einzuwerben. Hier geht es nicht um große Summen, sondern um ein paar Beratertage und vielleicht einen Kreativworkshop. Für den gemeinnützigen Sektor und seine Innovationsfähigkeit wäre das ein wichtiger Schritt nach vorn.


Bild: Behrendt und Rausch

Prof. Dr.Hans Fleisch ist seit mehr als 25 Jahren in Geschäftsleiterfunktionen und als Berater von Stiftenden, Stiftungen und Non-ProfitOrganisationen tätig, davon elf Jahre als Generalsekretär des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen. Der promovierte Jurist ist zudem Honorarprofessor der Universität Hildesheim.


Mehr zum Thema

Dieser Text ist in dem E-Book „Digitalisierung – vom Buzzword zur zivilgesellschaftlichen Praxis“ erschienen.

Das E-Book ist eine Orientierungshilfe, die das Großthema herunter bricht und konkrete Vorschläge macht, wie das Thema Digitalisierung angegangen werden kann. Schlagworte werden erklärt und mit Praxisbeispielen illustriert. Zahlreiche Tipps sollen zudem dazu inspirieren, sich aktiv in die Debatte um den digitalen Wandel einzuschalten.

Lizenz: CC BY-SA 3.0 de, Herausgeber: Stiftung Bürgermut

Hier geht es zum Download des barrierefreien PDFs.


Gastbeitrag

Auf "D3 - so geht digital" veröffentlichen wir regelmäßig redaktionelle Gastbeiträge zu Digitalisierungsthemen aus Vereinen, Verbänden und Social Sart-ups. Wir möchten zeigen, was der Nonprofit Sektor digital zu bieten hat.