Ein Chat mit… Gender Equality Media e.V. – Online engagiert gegen Diskriminierung

Gewalt in Worten ist reale Gewalt – und wird gerade in Zeiten des Internets und sozialer Medien zum Alltag. Doch nicht nur in sozialen Medien, Kommentarspalten und der Anonymität des Internets gibt es Fälle von Diskriminierung – auch klassische Medien nutzen diskriminierende Sprache, Headlines oder Verharmlosungen – zum Beispiel wenn es um Gewalt gegen Frauen geht. Der Verein Gender Equality Media e.V. hat es sich zur Aufgabe gemacht, diese Fälle im Netz aufzudecken, zu kommentieren und die Autor:innen der Artikel darauf aufmerksam zu machen. Auf Twitter, Facebook und Instagram betreiben sie so Aufklärung gegen Sexismus und Diskriminierung.

Gewalt in Worten ist reale Gewalt – und wird gerade in Zeiten des Internets und sozialer Medien zum Alltag. Doch nicht nur in sozialen Medien, Kommentarspalten und der Anonymität des Internets gibt es Fälle von Diskriminierung – auch klassische Medien nutzen diskriminierende Sprache, Headlines oder Verharmlosungen – zum Beispiel wenn es um Gewalt gegen Frauen geht. Der Verein Gender Equality Media e.V. hat es sich zur Aufgabe gemacht, diese Fälle im Netz aufzudecken, zu kommentieren und die Autor:innen der Artikel darauf aufmerksam zu machen. Auf Twitter, Facebook und Instagram betreiben sie so Aufklärung gegen Sexismus und Diskriminierung.

Wie sie dabei vorgehen und weshalb das Vorgehen gegen Hatespeech und Co. im Internet so wichtig ist, hat Britta von Gender Equality Media e.V. uns im Slack-Interview verraten! Im Video seht ihr das Live-Interview – inklusive GIFs (in diesem Fall besonders wichtig!). Keine Sorge: Wer die klassische Interview-Variante bevorzugt, findet unten darunter das Interview in schriftlicher Form!

 

„Medien haben einen sehr großen Einfluss auf unsere Meinungsbildung und Gesellschaft!“ – Ein Chat mit Gender Equality Media e.V.

Photo by Vlad Tchompalov on Unsplash

Franziska [12:30 Uhr]: Liebe Britta – kann`s losgehen?

Britta [12:30 Uhr]: ja!

Franziska [12:30 Uhr]: Super! Vielen Dank, dass Du an unserem ersten „Live-Chat“ teilnimmst!

Britta [12:31 Uhr]: Na sehr gerne!

Franziska [12:31 Uhr]: Magst Du uns kurz etwas zu Gender Equality Media e.V. erzählen – was genau macht ihr und seit wann gibt es euch?

Britta [12:31 Uhr]: Kurz gesagt: Wir sind sind ein aktivistischer Verein, der gegen Sexismus in den Medien kämpft. Sexistische Berichterstattung in den Medien ist Gewalt in Worten und hat reale Auswirkungen. Wir machen Workshops, sitzen auf Podien, halten Vorträge, screenen die Medien und konfrontieren vor allem die Redaktionen mit ihrem Sexismus. Gleichzeitig fördern und produzieren wir selbst feministische Inhalte und connecten mit Journalist*innen, damit sich endlich etwas ändert.

Franziska [12:32 Uhr]: Wow, das ist ja einiges! Wie seid ihr auf die Idee zu GEM e.V. gekommen?

Britta [12:32 Uhr]: Ach: Und wir arbeiten nun schon fast seit 5 Jahren gegen Sexismus…

Franziska [12:32 Uhr]: Kurze Zwischenfrage – ward ihr von Anfang an online aktiv?

Britta [12:33 Uhr]: Ja wir organisieren und zu 90% online! Natürlich treffen wir uns auch offline und wollen uns jetzt auch vermehrt offline und online verknüpfen.
Wir sind aus der Kampagne #StopBILDsexism entstanden. Da ging es erst einmal nur um die Herabwürdigung des BILD-Girls – also wirklich nur eine Art von Sexismus. Schnell wurde aber klar, dass in so gut wie jedem journalistischen Medium Sexismus und auch Rassismus Platz hat, die spielen sich übrigens auch gern mal in die Hände. Es kann einfach nicht sein, dass Gewalt gegenüber Frauen sprachlich total verharmlos wird. Zum Beispiel lesen wir von „Sex“, wenn eigentlich über eine Vergewaltigung berichtet wird. Und nur um es noch mal und ganz klar zu sagen: Für das Opfer war es bestimmt kein Sex.

Franziska [12:35 Uhr]: Und was genau unternehmt ihr dann dagegen? Wie geht ihr dabei vor?

Britta [12:36 Uhr]: Mit unserer Kampagne #UnfollowPatriarchy wollen wir die Öffentlichkeit und Journalistinnen für medialen Sexismus weiter sensibilisieren und einen Kulturwandel in der Medienlandschaft schaffen. Sie richtet sich konkret an sexistischeMedienmacherinnen. Wir möchten „Sex-Skandal“, “Ehrenmord” und “Familiendrama” nicht mehr lesen.
Erst haben wir versucht, die Redaktionen mit ihrem medialen Sexismus zu konfrontieren, das ging aber schnell unter, also wenn man die Welt oder den Focus allgemein antwittert. Außerdem entsteht Sexismus ja nicht einfach so, das ist keine Naturgewalt! Die Headines kommen von Menschen und die ziehen wir jetzt zur Verantwortung und fordern sie auf, die Headline oder Texte zu ändern. Das ist ein bisschen so wie im Erste-Hilfe-Kurs, da lernt man ja auch, dass man personalisieren muss – also ungefähr so: „Du, im grünen Pulli! Bitte ruf jetzt sofort den Arzt!“

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Franziska [12:37 Uhr]: Also: Ihr sprecht die Journalist:innen direkt in den sozialen Medien an?

Britta [12:38 Uhr]: Genau! Wir fordern sie auf, die betreffende Stelle in der Headline oder Text zu ändern. Außerdem sprechen wir die problematische Stellen an und schlagen Alternativen vor.

Franziska [12:39 Uhr]: Hand auf’s Herz – wie oft funktioniert das?

Britta [12:40 Uhr]: Ganz unterschiedlich. Manche reagieren überhaupt nicht. Aber viele Journalist:innen gehen auf unsere öffentliche Kritik ein und ändern tatsächlich ihre Texte. Ich glaube, das hat auch ein wenig mit dem Zeitgeist zu tun. Nach #aufschrei und #metoo können sich SexistInnen nicht mehr alles erlauben, der öffentliche Druck wächst glücklicherweise. Und natürlich gibt es auch gendersensible Journalist:innen, die oft schon viel weiter sind als die konservativen Chef:innenetage.

Franziska [12:40 Uhr]: In Zeiten von Hatespeech und Co. stehen meistens die sozialen Medien und Kommentarspalten in der Kritik. Von den etablierten Medien bekommt höchstens mal die BILD-Zeitung öffentlich ihr Fett weg. Ihr geht nun auf die „klassischen“ Medien zu. Welche Rolle spielen die Medien in diesem Themenfeld wirklich?

Britta [12:41 Uhr]: Was ist denn, wenn sexistische Medien diesen Frauenhass und somit auch die Trolle in den Kommentarspalten legitimieren? Studien belegen den Zusammenhang von sexistischer Berichterstattung und tatsächlicher Gewalt. Wir von GEM fordern, dass deutsche Medien aufhören Frauen auf ihr Äußeres zu reduzieren, zu objektivizieren, zu sexualisieren und Gewalttaten gegen Frauen zu verharmlosen. Denn solche Praktiken fördern ein negatives Debattenklima, in dem Diskriminierung, Beleidigungen und Gewalt gegen Frauen* fast normal erscheint.
Medien haben einen sehr großen Einfluss auf unsere Meinungsbildung und Gesellschaft!

Franziska [12:43 Uhr]: Allerdings – und wie du schon sagst, sie prägen die Diskurse und auch den vorherrschenden Ton. Was sind die Themen, die ihr in eurer Arbeit am häufigsten flaggen müsst?

Britta [12:44 Uhr]: Momentan konzentrieren wir uns vor allem auf die sprachliche Verharmlosung von Gewalt gegenüber Frauen. Nehmen wir das Beispiel „Familiendrama“:
Wenn in journalistischer Berichterstattung von einem “Drama” gesprochen wird, wird eigentlich über Femizide, Partnerschaftsgewalt, oder über toxische Männlichkeit berichtet – meistens werden Frauen* umgebracht. Das Wort “Drama” impliziert zum einen die Einmaligkeit der Tat, zum anderen erzeugt es aber auch den Eindruck, es handele sich lediglich um einen traurigen Einzelfall. Dabei steckt in Wirklichkeit systematische Gewalt dahinter. 2016 wurden 158 Frauen durch ihren aktuellen oder ehemaligen Partner getötet, 211 überlebten den Mordversuch oder den versuchten Totschlag.

Franziska [12:46 Uhr]: Und es bedient eine gewisse Schaulust… . Wenn ihr dann reagiert, welche Folgen hat das in den Kommentarspalten? Habt ihr selbst häufig mit Hatespeech und Co. zu tun?
Und noch ein Zusatz: Woran erkennt ihr, ob jemand an einer Diskussion interessiert ist, oder ob ein Troll am Werk ist?

Britta [12:46 Uhr]: Total! Frauenhass wird zur Unterhaltung.
Eigentlich ist alles ganz harmlos, wir diskutieren aber auch nicht mehr mit allen. Keine Zeit, keine Lust

Wir setzen uns lieber mit denen auseinander, wo wir konstruktiv etwas erreichen können. Auch unterstützen uns viele Menschen online und fordern zusätzlich die Journalist*innen auf, ihre sexistische Berichterstattung zu ändern.

Franziska [12:47 Uhr]: Ok, ihr bündelt also eure Kräfte, um mit denen in Dialog zu bleiben, bei denen ihr Hoffnung habt.
Habt Ihr Erfahrungen mit Bots gemacht? Wenn ja, welche? Wie gehen Bots vor und was kann man gegen einen “Angriff” machen?

Britta [12:49 Uhr]: Der einzigen „technische Angriff“, den wir wirklich bemerkt haben, hatten wir erst vor ein paar Wochen: Unsere Website wurde zweimal gezielt gehackt und mit einem Virus versehen.

Franziska [12:50 Uhr]: Ohje – ist hoffentlich nochmal gut gegangen?

Britta [12:50 Uhr]: Ja, aber nur dank ehrenamtlichen Unterstützer*innen aus der Community!

Franziska [12:51 Uhr]: Das freut uns zu hören – toll, dass ihr ehrenamtliche Unterstützer:innen habt!
Nach dem Negativen: Was war bisher euer größtes Erfolgserlebnis bei Eurer Arbeit?

Britta [12:52 Uhr]: Wir arbeiten alle ehrenamtlich ;-).

Franziska [12:52 Uhr]: Chapeau!

Britta [12:52 Uhr]: Jede Änderung eines Textet, wo vorher Gewalt gegen Frauen verharmlost wird, ist ein Erfolg! Außerdem wird jetzt vermehrt über Begriffe wie z.B. „Sex-Tat“ oder „Familiendrama“ diskutiert, vor zwei Jahren wurde das noch kaum in Frage gestellt.
Aber eine Soli-Aktion Anfang des Jahres war echt der Kracher. In ganz Berlin wurden Plakate ausgetauscht, hier ein Link zum Video: https://twitter.com/gem_ev_/status/1084713446493638656

Franziska [12:54 Uhr]: Wow – tatsächlich beobachte ich diese Effekte auch verstärkt, seit ich mich mit euch auseinandergesetzt habe – bei mir habt ihr definitiv schon etwas erreicht!

Franziska [12:55 Uhr]: Letzte Frage: Wie sieht eure Aufklärungsarbeit abseits von Kampagnen und SoMe-Screening aus? Und: Wie kann man bei euch mitmachen?

Britta [12:56 Uhr]: Also, wir halten Workshops, sitzen auf Panels oder starten Online-Kampagnen. Mit unserem nächstes großen Projekt wollen wir aber direkten Wandel erzeugen – von innen nach außen. Gemeinsam mit Journalistinnen, Aktivistinnen, Medienwissenschaftler*innen erarbeiten wir den „Recoding:Media“ – ein Kodex für die Beendigung sexistischer Berichterstattung. Das Ziel: Der Kodex etabliert sich deutschlandweit in Redaktionen und Verlagen.
Mitmachen können alle, die Zeit haben und Bock auf feministischen und intersektionales Aktivismus! Einfach auf www.genderequalitymedia.org gehen (die Website geht ja wieder :D) und uns anschreiben.

Franziska [12:58 Uhr]: Ein großes Vorhaben! Und zu dem Kodex sprechen wir dann noch einmal, wenn das Projekt ausrollt – wir sind super gespannt!

Britta [12:59 Uhr]: Seeehr gerne!

Franziska [12:59 Uhr]: Liebe Britta, danke, dass Du Dich auf das Experiment eingelassen hast – möchtest DU unseren Zuschauer:innen noch etwas mit auf den Weg geben? (bearbeitet)

Britta [12:59 Uhr]: Es war total cool, danke euch!
In der heutigen Zeit, wo Rechtspopulismus und Antifeminismus stärker wiederkommt, brauchen wir Leute, die sich dem ganzen entgegensetzen! Organisiert euch und bildet Banden, dann ist man nicht alleine und hat eine größere Schlagkraft!

Franziska [13:01 Uhr]: Vielen Dank für das Gespräch und bis bald!

Britta [13:01 Uhr]: Danke euch und bis bald!

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