Was tun gegen Hate Speech?

Die Flut an Hasskommentaren, Beleidigungen und Morddrohungen im Internet scheint oft überwältigend – wir zeigen euch, wie ihr dem Hass im Netz den Kampf ansagen könnt.

Auf einer stark abgenutzten Außenwand klebt ein Plakat in großen schwarzen Buchstaben auf weissem Grund auf dem steht: Post no hate.

Machtlos, niedergeschlagen, einsam – so fühlen sich Menschen, die Hass im Internet ausgesetzt sind: „Mit der Zeit und über die Masse an Kommentaren ist es zu einer krassen Traurigkeit gekommen. Es hat mich einfach schwer getroffen“, sagt der Journalist und Fotograf Philipp Awounou, der 2018 zur Zielscheibe eines rassistischen Shitstorms wurde.

Nun könnte man denken, dass Hasspostings und Shitstorms nur Menschen des öffentlichen Lebens treffen – Prominente, Journalist:innen und Politiker:innen. Tatsächlich kann so ziemlich jede:r zur Zielscheibe von aggressiven und beleidigenden Beiträgen werden. Laut der von Campact in Auftrag gegebenen Studie war jede:r Zwölfte bereits direkt von Hate Speech im Netz betroffen. 40 % der Befragten haben schon einmal online Hasspostings wahrgenommen. Besonders gefährdet: Jüngere und Menschen aus Einwandererfamilien. Laut BKA hatten 2018 über 77% aller Hasskommentare einen rechtsextremen Hintergrund.

Das Internet nicht den Hatern überlassen

Das Ziel der Hater im Internet: Menschen aus dem Netz verdrängen und die Diskussion dominieren. Und das leider mit Erfolg. Etwa die Hälfte der Internetnutzenden gibt an, sich als Reaktion auf Hassrede im Internet seltener zu ihrer politischen Meinung zu bekennen und sich weniger an Diskussionen im Netz zu beteiligen.

Tanja Haeusler, Gründerin der Netzkonferenz re:publica, forderte unlängst, die virtuelle Welt nicht den Arschlöchern zu überlassen. Aber wie? Was tun gegen Hate Speech im Netz? Zum Glück so einiges: In der digitalen Zivilgesellschaft haben sich eine Reihe von Organisationen und Initiativen gegründet, um der entgleisten Debattenkultur im Netz etwas entgegenzusetzen.

Hier findet ihr eine Übersicht mit konkreten Tipps und Anlaufstellen für Betroffene von Hass im Netz und alle, die sich informieren und engagieren wollen:

Photo by Oliver Cole on Unsplash

Dokumentieren, Melden, Blockieren

In eurer Timeline tauchen Kommentare und Beiträge auf, die gegen Community-Standards der Sozialen Netzwerke verstoßen oder sogar strafrechtlich relevant sind? Dann gibt es mehrere Möglichkeiten:

  • Da ist die Tür: Überschreiten User:innen eure Grenzen, ist es selbstverständlich legitim, Kommentare zu löschen und Nutzer:innen stumm zu schalten oder zu blockieren.
  • Die Plattformen in die Pflicht nehmen: Ihr solltet den Hassbeitrag bei der jeweiligen Plattformbetreiber:in melden, damit die Inhalte so schnell wie möglich verschwinden.
  • Say cheese: Um einen Kommentar später möglicherweise zur Strafanzeige bringen zu können, solltet ihr richtig dokumentieren. Macht einen Screenshot, auf dem Datum und Uhrzeit des Hasskommentars zu erkennen sind. Außerdem ist es wichtig, dass der Kontext des Kommentars zu erkennen ist (vorige Kommentare, der kommentierte Beitrag etc.) und dass ihr die User-ID der Verfasser:in ebenfalls abfotografiert. Falls ihr euch unsicher seid, könnt ihr euch auch an Organisationen wie hassmelden.de wenden (mehr dazu im Absatz „Online Strafanzeige stellen“).

Ausführliche Informationen zum Thema Hate Speech und zur Dokumentation von Hasspostings findet ihr auch auf der Website der Initiative No Hate Speech Movement und im Leitfaden „Wetterfest durch den Shitstorm“.

Erste Hilfe bei Shitstorms

„Wie komme ich da wieder raus?“ Betroffene von Hass und Shitstorms sind oft ratlos und überfordert mit der Situation. Die Organisation HateAid hat sich auf Betroffenenberatung von Hasskriminalität im Internet spezialisiert. Sie vermittelt kompetente Ansprechpartner:innen, wenn ihr digitalen Hass erfahrt. Das Team bietet emotionale Unterstützung und liefert euch Informationen und Strategien zum Umgang mit Hasspostings.

Beim Helpdesk des No Hate Speech Movement könnt ihr euch ebenfalls Rat und konkrete Hilfe gegen Hate Speech im Internet holen: Hier gibt es Tipps zur Vorbeugung von Hassrede im Netz. Dazu gehören Hinweise zum Schutz der Privatsphäre im Internet, schnelle Hilfe durch Anti-Hass-Strategien und Nachsorge für Betroffene mit Informationen zur Rechtslage und Links zu Meldestellen.

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Online Strafanzeige stellen

Seht ihr einen Kommentar, von dem ihr denkt, dass er strafbar sein könnte – beispielsweise im Falle von Beleidigungen, Volksverhetzung oder Morddrohungen – könnt ihr euch an Organisationen wie hassmelden.de wenden. Das Team prüft jede Meldung unter strafrechtlichen Gesichtspunkten. Beiträge, die wahrscheinlich strafrechtlich relevant sind, leiten sie an die Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität zur Ermittlung von Tat und Täter:in weiter. Für euch ganz anonym und sicher.

Neben der Erstberatung für Betroffene von Gewalt im Netz hilft auch HateAid dabei, Hassbotschaften rechtlich zu prüfen und Zivilklagen gegen die Verfasser:innen zu finanzieren. Der prominenteste Fall bisher: HateAid vertritt die Bundestagsabgeordnete Renate Künast im Verfahren gegen einen Twitter-User, der sie online beleidigt hat. Zuletzt legten Renate Künast und HateAid Beschwerde ein, weil das Landgericht Berlin die Äußerungen von der Meinungsfreiheit gedeckt sah.

Kontern

Unabhängig davon, ob ihr direkt betroffen seid oder Hass im Netz beobachtet – durch Counter Speech habt ihr die Möglichkeit, zu widersprechen. Mit euren Postings bildet ihr ein Gegengewicht zu den Hasskommentator:innen und demonstriert auch den stillen Leser:innen: Hass ist keine Meinung. Und das kann sogar echt Spaß machen, denn gegen Hetze gibt es ein einfaches, aber bewährtes Gegenmittel: Humor! Vom No Hate Speech Movement gibt es dazu eine ganze Seite voller Memes, Gifs, Videos und Sprüchen.

Download auf no-hate-speech.de

Engagieren

Die Netzaktivistin Kübra Gümüşay forderte bei der re:publica 2016: „Wir müssen Kommentarspalten fluten und Danke sagen! Wir müssen Liebe organisieren.“ Bei der Initiative LOVE-Storm könnt ihr genau das tun: als Teil einer Community gegen Hass im Netz argumentieren. Meldet jemand einen Hassvorfall im Internet, werdet ihr als Task-Force alarmiert und startet einen LOVE-Storm. Mit positiven und ermutigenden Kommentaren könnt ihr Angegriffene stärken und die Hater in ihre Schranken weisen.

Wenn ihr die gesamte Debatte in einer Kommentarspalte zum Positiven verändern wollt, könnt ihr euch bei der Initiative #ichbinhier engagieren und Mitstreiter:innen für eine bessere Diskussionskultur finden. In der Facebook-Gruppe von #ichbinhier versammeln sich mehr als 45.000 Mitglieder, um täglich konstruktive Kommentare zu schreiben. Und das mit Erfolg: Durch sachliche Argumente hat #ichbinhier die Debatte in mehr als 2.000 Kommentarspalten in eine konstruktive Richtung gelenkt.

Für ihren Einsatz hat die Initiative 2019 den Deutschen Engagementpreis in der Kategorie „Demokratie stärken“ erhalten – herzlichen Glückwunsch!

Organisierte Liebe

Betroffene von Hate Speech fühlen sich oft alleingelassen. Die Gewalt, die sie im Netz erfahren, hat weitreichende Folgen. Laut der Studie von Campact berichtet jede:r zweite Betroffene von emotionalem Stress, mehr als jede:r Dritte von Angst und Unruhe und fast genau so viele leiden unter Depressionen. Durch Beratung, Information und Rechtsbeistand tragen die vorgestellten Initiativen dazu bei, die Situation für die Betroffenen zu verbessern.

Wenn ihr diese und ähnliche Organisationen unterstützt und euch durch Counter Speech positioniert, kommen wir dem Ziel eines freundlicheren Internets Schritt für Schritt näher. So wie im Fall von Philipp Awounou, mit dem sich in Folge des Shitstorms tausende User:innen durch positive Kommentare solidarisierten: „Ich war überwältigt: So unvermittelt mich wenige Wochen zuvor der Hass traf, so unvermittelt überschwemmte mich nun die Solidarität unzähliger Menschen“.

Photo by Kyle Glenn on Unsplash

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