„WOHN:SINN“: Die Balance aus online und offline finden

Zwei Rollstuhlfahrerinnen auf einem Festival.

Inklusives Wohnen – Freundschaft inklusive

Einige von Tobias Polsfuß‘ Mitbewohnerinnen und Mitbewohnern haben eine Behinderung, andere nicht. Um das Modell „inklusives Wohnen“ zu verbreiten, hat er inzwischen eine Plattform gegründet. Zusammen mit vielen anderen Akteuren unterstützt er online und offline andere WG-Gründerinnen und -Gründer. Ziel ist nicht weniger als ein grundsätzlicher Wandel in der Behindertenhilfe. Im Gastbeitrag erklärt Tobias, wie das Zusammenleben aussieht und wie er und sein Projekt die Balance aus online und offline finden.

Copyright: Timo Hermann | Gesellschaftsbilder.de

Was ist eine inklusive WG?

Unter inklusivem Wohnen verstehen wir bei WOHN:SINN, dass Menschen mit und ohne Behinderung freiwillig und gleichberechtigt zusammenkommen und selbstbestimmt miteinander leben können. In inklusiven Wohngemeinschaften sollte die Balance zwischen Individualität und gemeinschaftlichem Wohnen gewahrt und die notwendige Unterstützung von Bewohnerinnen und Bewohnern mit besonderem Unterstützungsbedarf nachhaltig gewährleistet sein. Inklusives Wohnen soll allen Mitbewohnerinnen und Mitbewohnern Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und eine Einbindung in den jeweiligen Sozialraum ermöglichen.

Bei uns funktioniert das so: Ich studiere und teile mir mit drei anderen Studierenden und fünf Menschen mit geistiger Behinderung eine Wohnung. Zusammen mit dem Gemeinsam Leben Lernen e.V. organisieren wir Studierende diejenigen Betreuungs- und Begleitungsaufgaben, bei denen die Übrigen Unterstützung brauchen. Als Ausgleich für unsere Früh-, Spät- und Wochenenddienste dürfen wir mietfrei wohnen. Abgesehen davon läuft unser WG-Leben wie in den meisten WGs ab: Wir kochen, lachen, streiten und spielen zusammen. Und um in die WG zu kommen, musste ich durch ein Casting, auch das also ganz „normal“.

Barrieren in den Köpfen abbauen – online und offline

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Andi Weiland | Gesellschaftsbilder.de

Unsere Internetplattform WOHN:SINN haben wir im Juni 2016 gestartet. Mit dabei waren einige Freundinnen und Freunde von mir, der Verein Gemeinsam Leben Lernen e.V. und die Kommunikationsagentur Drilling. Die Plattform besteht aus einer WG-Suchbörse, einem Blog und einem Infoportal. Im WOHN:BLOG erzählen wir Alltagsgeschichten aus inklusiven WGs, teilen Kochrezepte oder berichten von Besuchen in anderen WGs. Für unser nächstes Angebot, die WOHN:BÖRSE, arbeiten wir mit der Plattform wg-suche.de zusammen. Wir listen deren komplette Angebote, in denen WGs Interesse an inklusivem Zusammenleben angegeben haben. Über unsere Seite wird man direkt zu dem Angebot weitergeleitet. In unserem Informationsportal stellen wir außerdem Tipps und einen Leitfaden zur Gründung einer inklusiven WG bereit.

Obwohl wir so viele Informationen online zur freien Verfügung stellen, haben wir gemerkt, dass es noch eines zusätzlichen Offline-Angebots bedarf. Das Bewusstsein für die Themen und Fragestellungen rund um inklusives Wohnen fehlt bei vielen Menschen – das lässt sich nicht so einfach in einem digitalen Leitfaden erklären. Außerdem gibt es sehr verschiedene erfolgreiche WG-Modelle, jede (inklusive) WG funktioniert anders und steht vor anderen Herausforderungen. Das Antragswesen und die Gesetzgebung sind nach wie vor schwer zu durchschauen; es gibt rechtliche Grauzonen, z.B. bei der Ausgabe von Medikamenten. Deshalb bieten wir Offline-Workshops, -Infoveranstaltungen und -Beratungen an, um auf individuelle Fragen eingehen zu können, und wir beraten und begleiten bei der Gründung einer inklusiven WG. Meine Erfahrung ist, dass es für Menschen einen eigenen unschätzbaren Wert hat, jemanden persönlich vor sich stehen zu haben, der aus seiner WG erzählt und den die Idee dahinter begeistert sowie auf individuelle Fragen und Sorgen eingeht. Mein Prinzip ist deshalb: Möglichst viele Informationen online verfügbar machen und diese mit persönlichen Offline-Angeboten zu ergänzen, ohne die es nicht geht.

Bündnis inklusives Wohnen

Wir finden, dass Wohnen Menschenrecht ist: Alle sollten die Möglichkeit haben, zu entscheiden, wo, wie und mit wem sie leben möchten – unabhängig von der finanziellen Lage, Behinderung, Lebensform oder sonstigen persönlichen Merkmalen. Um künftig noch besser Öffentlichkeitsarbeit für unser Thema machen zu können und inklusive Wohnformen zu verbreiten, haben wir im April 2018 das Bündnis für inklusives Wohnen gegründet. Wir wollen die Forschung zum gemeinsamen Wohnen von Menschen mit und ohne Behinderung und die Vernetzung der entsprechenden WGs voranbringen. Außerdem wollen wir auch als Bündnis weiterhin bei Neugründungen informieren und beraten. Mit dabei ist deshalb ein wilder Mix aus inklusiven Wohnprojekten, Forschungsinstitutionen, Inklusionsaktivistinnen und -aktivisten, Stiftungen und Interessensverbänden. Zurzeit arbeiten wir an der Eintragung als gemeinnütziger Verein.

 

Tobias Polsfuß lebt und studiert in München. Dort gründete er 2016 die Onlineplattform WOHN:SINN, die über das Leben in gemeinsamen Wohngemeinschaften von Menschen mit und ohne Behinderung informiert. 2018 gründete er gemeinsam mit weiteren Akteuren das „WOHN:SINN – Bündnis für inklusives Wohnen“.



Mehr zum Thema

Dieser Text ist in dem E-Book „Digitalisierung – vom Buzzword zur zivilgesellschaftlichen Praxis“ erschienen.

Das E-Book ist eine Orientierungshilfe, die das Großthema herunter bricht und konkrete Vorschläge macht, wie das Thema Digitalisierung angegangen werden kann. Schlagworte werden erklärt und mit Praxisbeispielen illustriert. Zahlreiche Tipps sollen zudem dazu inspirieren, sich aktiv in die Debatte um den digitalen Wandel einzuschalten.

Lizenz: CC BY-SA 3.0 de, Herausgeber: Stiftung Bürgermut

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