Flipped-Vernetzung bei Digitalveranstaltungen

Flipped Learning beschreibt den Ansatz, das Teile einer Veranstaltung zeitlich bereits vor dem jeweiligen Event platziert werden. Wie das mit den richtigen Interaktions- und Vernetzungsangeboten gelingt, verrät uns Nele Hirsch vom eBildungslabor.

Symbolbild für Flipped Vernetzung: Foto eines Straßenschild, das gegen den Uhrzeigersinn lenkt.

Was mir bei synchronen Online-Veranstaltungen oft fehlt, ist die Möglichkeit zur Vernetzung und zum Austausch – auch unabhängig vom direkten Lerninhalt. Zwar gibt es auch hier einiges an Möglichkeiten wie z.B. offene Mittagspausenräume oder einen bewusst eingeplanten ‘Vernetzungs-Slot’. Häufig werden solche Angebote (von mir und so wie ich es beobachte auch von anderen) nur wenig wahrgenommen, da im Homeoffice andere Herausforderungen warten, man endlich mal eine Bildschirm-Pause braucht oder gerade eine wichtige Mail reinkommt, die beantwortet werden will.

In diesem Beitrag möchte ich Ideen vorstellen und Erfahrungen teilen, wie Vernetzung auch als Flipped-Angebot, d.h. im Vorfeld einer Videokonferenz, gestaltet werden kann. Meine Hoffnung ist, dass die ‘Online-Vernetzungs-Lücke’ damit besser gefühlt werden kann, als wenn man diese nur in der synchronen Form oder nachträglich anstößt. Einige dieser Erfahrungen stammen übrigens noch aus der Pre-Corona-Zeit mit Veranstaltungen an einem physischen Ort, aber lassen sich wunderbar auch auf Videokonferenzen übertragen.

Herausforderungen und Grundlagen

Flipped-Vernetzung im Vorfeld von Videokonferenzen anzubieten ist aus mehreren Gründen herausfordernd: Die Teilnehmenden kennen sich untereinander oft noch nicht. Als Lernzeit ist oft nur die Zeit der Videokonferenz eingeplant – aber kein Drumherum z.B. zur Vorbereitung. Und es gibt bei Online-Veranstaltungen eine relativ hohe ‘Absagequote’. D.h. Menschen melden sich zu einer Videokonferenz an, aber können dann doch nicht teilnehmen. Damit fallen sie dann auch für eine mögliche Flipped-Vernetzung weg.

Ich finde deshalb die folgenden Elemente für funktionierende Flipped-Vernetzung wichtig. So lässt sich das Angebot, bei den in den aktuell meistens gegebenen kontaktlosen Rahmenbedingungen, dennoch zu einem Erfolg zu machen:

  • Freiwilligkeit: Die Flipped-Vernetzung ist ein freiwilliges Angebot: Man kann sich dafür anmelden oder beteiligen, aber muss es nicht.
  • Zusätzlichkeit: Die Flipped-Vernetzung ist nicht erforderlich für das Gelingen der anschließenden Videokonferenz.
  • Niederschwelligkeit: Wer mitmachen will, hat dazu ganz einfach und unkompliziert die Gelegenheit und wird bestmöglich unterstützt.

Ideen und Vorschläge

Die folgenden Vorschläge zur Flipped-Vernetzung bewegen sich zwischen den beiden Settings ‘Nicht mehr nur Videokonferenz’ und ‘Noch nicht Online-Kurs’. Wenn man im Rahmen einer Kursstruktur denken würde, wäre sicherlich noch weitaus mehr möglich – unter anderem, weil die Lernenden dann meist registrierte Nutzer:innen auf einer Lernplattform sind. In dem hier betrachteten Fall sind sie aber ‘nur’ zu einer Videokonferenz angemeldet – aber als lehrende Person möchte ich versuchen, aus dieser Videokonferenz ein bisschen mehr zu machen.

1. Vorgezogene Vorstellungsrunde

Gerade bei kleinen Gruppen sehr wirkungsvoll (sonst kann es schnell eher nervig werden) ist eine vorgezogene Vorstellungsrunde via Mail. Als lehrende Person schreibt man dazu über einen offenen Verteiler, an alle die zuvor ihre Einwilligung dazu gegeben haben (oder alternativ auch an einen Mailverteiler, der dazu eingerichtet wurde und in den sich Interessierte selbst eintragen konnten), eine kurze Vorstellungsmail zu sich selbst. Anschließend lädt man dazu ein, dass die Teilnehmenden sich über die Antworten-Funktion selbst vorstellen. Lernende können darauf antworten, wenn sie möchten – und haben bei den Mails der Mitlernenden auch die Möglichkeit, bei mehr Vernetzungsinteresse direkt an die jeweils interessante Person zu mailen und mit ihr Kontakt aufzunehmen.

Anstelle des Mediums E-Mail lässt sich auch eine Messenger-Gruppe oder ein Chat einrichten. Meine Erfahrung in der Erwachsenenbildung ist hierzu allerdings, dass die Bereitschaft zum Beitritt in eine Messenger-Gruppe nur für einen Workshop eher gering ist. Noch weiter erschwert wird das Unterfangen, da es in Bezug auf Messenger oft unterschiedliche Vorlieben gibt.

2. Impulsfrage und Antworten

In eine ähnliche Richtung, d.h. auch als Vorstellungsrunde gedacht, geht die Methode der Impulsfrage. Das Verfahren ist ähnlich: Die lehrende Person gibt eine Frage vor – und die Teilnehmenden, die möchten, schreiben eine Antwort. Das kann eine Frage sein, die sich direkt auf das Thema des Lernangebots bezieht (‘Warum hast Du Dich zu diesem Lernangebot angemeldet? Warum ist das Thema für Dich von Interesse?’), eine eher allgemeinere Frage oder auch ein Erzähl-Impuls – beispielsweise ein Bild mit der Frage ‘Was verbindest Du hiermit?’ sein.

Die Umsetzung kann, wie unter 1. beschrieben, als Mail erfolgen. Neu zur Verfügung gestellt habe ich außerdem das Tool Nurkurz.online. Hier kann für 1-7 Tage(n) eine Website mit Kommentierungsfunktion eingerichtet werden. Nach der eingestellten Zeit wird sie automatisch gelöscht. Die lehrende Person kann die Impulsfrage (oder auch das Impulsbild) somit eintragen und dann den Link teilen – Teilnehmende können als Kommentar antworten.

3. Fragen/Themen sammeln

Flipped-Vernetzung kann auch so aussehen, dass Teilnehmende gemeinsam den Inhalt der dann folgenden Videokonferenz (mit)gestalten. Je nach Art der Videokonferenz sieht das unterschiedlich aus: Eine eher als Meeting konzipierte Videokonferenz kann im Vorfeld wunderbar dadurch gestaltet werden, dass Teilnehmende die Agenda kollaborativ erstellen. Die moderierende Person kann dazu ein grobes Raster vorgeben; dann können alle ihre Punkte dazu eintragen – und sehen jeweils auch, was andere eintragen. Das funktioniert z.B. über ein einfaches Etherpad, welches ich mir gerne über die offen nutzbare Yopad Installation einrichte.

Für Videokonferenzen als Lernangebot können im Vorfeld Fragen oder Themen gesammelt werden, auf die Antworten gesucht werden. Wenn das in Richtung Flipped-Vernetzung wirken soll, ist es entscheidend, dass alle sehen können, was von anderen genannt und eingebracht wird. Wiederentdeckt habe ich außerdem das Tool AllOurIdeas. Es handelt sich dabei um ein Online-Abstimmungstool, das mögliche Fragen oder Themen gewichtet und priorisiert. Außerdem können Teilnehmende auch eigene Punkte ergänzen.

Die inhaltliche Gestaltung durch die Teilnehmenden wird sehr umfassend, wenn man aus dem Lernangebot ein ‘richtiges’ Barcamp macht, bei dem die Programmpunkte von den Teilnehmenden (bzw. dann ‘Teilgebenden’) kommen. Flipped-Vernetzung findet insofern statt, dass die Themen für alle sichtbar eingetragen werden. Auf diese Weise weiß man, ob schon jemand anders etwas zum eigenen gewünschten Thema macht und man sich dort evtl. anschließen kann.

Die Kehrseite des Vorher-Sammelns von Session-Vorschlägen bei Online-Barcamps ist meiner Erfahrung nach lediglich, dass Menschen, die eigentlich eine Session machen wollen würden, diese nicht eintragen, weil sie direkt schon sehen, dass im anvisierten Zeitslot eine andere Session stattfindet, die sie gerne besuchen würden. Zumindest ein bisschen abgeschwächt werden kann das, indem man Sessions nicht schon im Raster des Sessionplans sammelt, sondern einfach als Liste – und das Team des Barcamps daraus dann den Session-Plan zusammenbaut. Das ist mehr Aufwand, aber der ‘Überraschungseffekt’, den es auch bei einer spontanen Vor-Ort-Sessionplanung gibt, bleibt erhalten.

4. Freiwillige suchen

Verantwortung abgeben und aktives Lernen unterstützen kann auch insofern vorbereitet werden, dass bereits vor dem eigentlichen Lernangebot nach ‘Freiwilligen’ gesucht wird, die bestimmte Aufgaben oder Beiträge während der Videokonferenz übernehmen. Bei größeren Konferenzen können das ‘Technik- oder Moderationsengel’ sein. Bei einer einfachen Videokonferenz reicht es vielleicht auch schon, dass man zuvor fragt, wer z.B. zu einem Thema etwas präsentieren/vorstellen/teilen möchte. Zu Flipped-Vernetzung kommt es, wenn mehrere Teilnehmende auch gemeinsam Verantwortung für eine bestimmte Herausforderung übernehmen bzw. sich die Teilnehmenden insgesamt als Lerngruppe angesprochen fühlen.

5. Gemeinschaftserlebnisse schaffen

Vernetzung erfolgt auch über Gemeinschaftserlebnisse – zum Beispiel durch Aktivitäten, die alle Teilnehmenden vor der Veranstaltung machen. Möglich ist das unter anderem dadurch, dass zur Beteiligung an Internetquatsch eingeladen wird. Mögliche ‘Ergebnisse’ können dann zur Videokonferenz mitgebracht und dort gezeigt werden. Real zum Vorschein kommt die durch diese Methode erfolgte Flipped-Vernetzung dann zwar erst, wenn man sich in der Videokonferenz sieht, aber dort hat man dann direkt etwas, mit dem Gespräche eingeleitet werden – und auf das gemeinsam Bezug genommen werden kann.

Ich habe in meinen letzten Online-Workshops zum Beispiel diese Anregungen als ‘Flipped-Gemeinschaftserlebnis’ vorab verschickt:

  • Damit wir alle mit möglichst guter Laune im Workshop ankommen, kann es eine gute Idee sein, sich vorab optimistisch und ‘positiv-denkend’ zu stimmen. Wenn Du magst, dann gehe doch auf die Website Doppelfreude und teile völlig anonym einen positiven Gedanken. Per Zufall wird Dir dann ein positiver Gedanke einer anderen Person angezeigt. Du kannst Dich also doppelt freuen! Und zur dritten Freude wird es vielleicht, wenn wir uns im Workshop über unsere Zufalls-Anzeigen berichten 🙂
  • Um parallel neben dem Workshop alle gemeinsam etwas zu gestalten, laden wir Euch ein, mit dem Tool Aggie ein Bild zu malen, das darstellt, wie ihr die Corona-Zeit erlebt. Aus allen Bildern gestalten wir dann ein gemeinsames Mosaik.
  • Lasst, bevor wir uns in der Videokonferenz treffen, ein virtuelles Papierflugzeug losfliegen. Hier erklärt. Und ich bin neugierig darauf zu erfahren, welche Papierflugzeuge ihr ‘eingefangen’ habt.

6. Bastel- und Bauprojekte

Neben Gemeinschaftserlebnissen, die über Internetquatsch-Projekte funktionieren, lassen sich auch gemeinsame Bastel- und Bauprojekte am jeweils eigenen physischen Ort anstoßen, die dann in der Videokonferenz zum Einsatz kommen. Möglich ist es zum Beispiel etwas aufzumalen, was dann gezeigt wird, einen Lego-Videokonferenz-Halter zu bauen, der ein Legomännchen anstelle sich selbst in die Videokonferenz katapultiert – oder auch ein Keks-Rezept zu teilen, mit dem sich alle vorab ihre ‘Nervennahrung’ für die Veranstaltung backen können.

Ob so etwas auf Zustimmung und Mitmachen trifft, hängt sehr an der jeweiligen Lerngruppe. Meine Erfahrung ist, dass – je länger die Corona-Pandemie andauert – die Freude etwas auch ohne Bildschirm und trotzdem gemeinsam zu machen, größer wird. Schön ist es, wenn aus dem Vorab-Projekt in der Videokonferenz dann etwas Gemeinsames entsteht: Zum Beispiel ein Screenshot mit allen Legomännchen, eine Präsentation mit gefalteten Origami-Figuren oder ein gemeinsames Kaffeekränzchen mit den selbst gebackenen Keksen zum Ausklang.

7. Mentor:innen-Programm

Das OERcamp-Team hat 2019 ein Mentor:innenprogramm für das Präsenz-OERcamp in Lübeck umgesetzt. Die Idee war simpel: Mit der Anmeldung hatte man die Möglichkeit, sich als Lotse oder Newbie zu melden. Je ein Lotse wurde dann einem Newbie zugeteilt. Beide erhielten im Vorfeld Kontaktdaten und konnten sich verabreden.

Diese Idee lässt sich ohne Schwierigkeiten auf Online-Veranstaltungen übertragen. Geeignet ist es natürlich vor allem für eher größere Veranstaltungen. Auch hier kann die Anmeldung erfassen, ob man eine Teilnahme wünscht und wenn ja in welcher Rolle. Lotse und Newbie können dann vorab in Kontakt treten – wie es ihnen am besten passt. Eventuell kann auch in der Ankommenszeit der Online-Konferenz die Möglichkeit zu BreakOut-Räumen für Lotse/Newbie-Teams angeboten werden.

8. Peer-to-Peer-Lerngruppe

In Anlehnung an das oben skizzierte Mentor:innen-Programm lässt sich ein Vorab-Matching natürlich nicht nur im Setting Lotse/Newbie gestalten – sondern auch zur Bildung von thematischen oder anderweitig sortierten Lerngruppen. Was ich bei meiner nächsten größeren Veranstaltung ausprobieren will, ist eine Peer-to-Peer-Lerngruppenbildung.

Teilnehmende würden hier im Vorfeld erstens gefragt, was sie gut können und an andere weitergeben würden, zweitens nach ihrer Frage, die sie beantwortet haben wollen, bzw. zu dem Thema, zu dem sie mehr lernen wollen. Im besten Fall lassen sich dann anbietende und fragende Personen zusammenbringen, die eine Peer-to-Peer-Lerngruppe bilden. Oder Menschen mit ähnlichen Fragestellungen werden zusammenbracht und können sich dann gegenseitig bei der Antwortsuche unterstützen.

Fazit: Online-Lernen hat noch viel Erkundungsraum!

Auch wenn ‘Zoom-Fatigue’ nach gut einem Jahr Corona-Pandemie in Deutschland sehr verständlich ist, so fällt mir bei der Vorbereitung von Online-Veranstaltungen doch immer wieder auf, wie vieles sich noch besser gestalten und neu erkunden lässt. Für das Thema Flipped-Vernetzung gilt das in jedem Fall.

In diesem Sinne wünsche ich Dir viel Freude beim Ausprobieren. Wie immer freue ich mich über weitere geteilte Erfahrungen.

Schmuckbild

Dieser Artikel wurde von Nele Hirsch im Blog des eBildungslabor am 7. März 2021 erstveröffentlicht. Das Angebot des eBildungslabor richtet sich an alle, die zeitgemäße Bildung realisieren möchten. Zielgruppe sind sowohl Bildungsinstitutionen als auch Organisationen der Zivilgesellschaft. Wer mehr erfahren möchte, kann sich hier umschauen.

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Mehr Peer-to-Peer-Ansätze für interaktive On- und Offline-Veranstaltungen findet ihr hier

Auch unsere Serie zu Sozialer Wärme im Digitalen ist einen Besuch wert!

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