Mehr APIs braucht das Land: ein persönliches Resümée

In fünf Monaten mit der #D3API, unserer zivilgesellschaftlichen Netzwerkschnittstelle, haben wir viel angestoßen, einiges bewegt und noch mehr gelernt. Wir beschließen den Piloten zur Beförderung von kollaborativem Wirken mit der Überzeugung, dass mehr davon der Zivilgesellschaft gut täte. Carolin wirft einen persönlichen Blick zurück auf die Outputs und besonderen Qualitäten des konsequenten Wirkens im Miteinander.

Festplatten und Verbindungskabel liegen auf einem Tisch.

Im April, mitten im Lockdown, saßen Katarina Peranić, noch geschäftsführende Vorständin der Stiftung Bürgermut, und ich digital zusammen. Wir sprachen über diese große Frage: Was lässt sich tun? Belastbares gesellschaftliches Engagement und soziales Wirken ist nie so wichtig wie in Krisenzeiten. Die Landschaft sozialer Organisationen war gerade aus dem Tritt geworfen – die Ankunft der Pandemie in Deutschland hat Programmlogiken blockiert, Finanzierungpläne auf den Kopf gestellt und die Pausetaste gedrückt für gewohnte Wege zu Intimität und zwischenmenschlichem Austausch. In einer solchen Situation ist wichtig, dass jede:r beiträgt, in den jeweiligen Stärken und Möglichkeiten.

Es war beeindruckend zu sehen, wie schnell sich viele diesem Anliegen verschrieben hatten. Felix Dresewski, Geschäftsführer der DOHLE Stiftungen, hat flugs die Förderstiftungen zusammengetrommelt, um eine gemeinsame Linie abzustimmen. Sie hat sozialen Organisationen im Weiteren das Anpassen ihrer Arbeit an die Pandemie deutlich erleichtert. Phineo hat sich in die Bresche geworfen, damit gemeinnützige Organisationen und Sozialunternehmen nicht durch das Raster finanzieller Hilfsmaßnahmen fallen.

ZiviZ im Stifterverband hat in Windeseile wichtige Einblicke zur Lage gemeinnütziger Organisationen erhoben. Für die Corona-App haben Civic Tech und Digitalwirtschaft zusammen die Köpfe rauchen lassen, und sieben soziale Organisationen und die Bundesregierung haben sich zusammengetan, um mit #WirVsVirus das Format Hackathon in nicht gekannte Skalierung zu bringen und Open Social Innovation in Deutschland anzustoßen. Das sind nur Beispiele für die wichtigen Qualitäten, die die Zivilgesellschaft in Deutschland in der Corona-Krise zeigt: Agiles Lernen im Tun, eine systemische Perspektive und gemeinschaftlichen Handeln.

Unser Beitrag: die API

Katarinas und meine Möglichkeit beizutragen, aus unserem Austausch heraus, war die API: eine Netzwerkschnittstelle, die sich genau diese Stärken vornimmt, sie explizit zu machen und weitertreibt, und damit stabilisiert. Sie ist nicht Außenvertretung einer Organisation, sondern Sensor für zivilgesellschaftliche Innovationspotentiale, Verbindungspunkt und Brückenbauerin.

Die API war als Pilot gedacht, den wir auf unseren gemeinsamen Stärken aufgebaut haben: Meine Erfahrung, meine Kontakte als ehemalige Außenministerin im betterplace lab und Vorständin der gut.org konnten auf dem systemisch-unterstützenden Ansatz der Stiftung Bürgermut und der redaktionellen Reichweite von ‘D3 – so geht digital’ ideal aufsetzen. Die Schnittstelle sozial-digital als unser geteiltes Themenfeld bot sich umso mehr an, als der coronabedingte Digitalisierungsschub die gesamte Zivilgesellschaft erfasst hat.

Für fünf Monate sollte diese temporäre Funktion nicht an der Krisenbewältigung selbst arbeiten, sondern an den Entwicklungspotentialen, die in systemischen Erschütterungen liegen. Diese fünf Monate sind mit dem Oktober vorbei, und es ist Zeit für ein Resümée.

Das haben wir angepackt

Was die API sich vornehmen würde, war zum Projektstart im Mai offen. Nach drei Dingen sollte es sich richten: Wir wollten Digitalisierungsbezug, deutlich spürbaren Bedarf und kollektive Energie, sprich: Aktivierungspotential. In 27 Reflexionsgesprächen mit zivilgesellschaftlichen Stakeholdern haben wir drei Schwerpunkte herausgearbeitet und in folgende Projektaktivitäten umgelegt:

Wir haben zusammen mit zahlreichen Inputgebenden und Co-Autorinnen ein virtuelles Handbuch zu digitalen Konferenzen geschrieben und veröffentlicht, das weiter wächst und neben vielen praktischen und technischen Fragen gerade fürs Soziale wichtige Themen wie Barrierefreiheit, Partizipation und zwischenmenschliche Nähe aufgreift.

Streetart. Zwei farbige Hände umfassen sich.

Wir haben sieben leitende Qualifizierungsakteure zusammengeholt, die die Zivilgesellschaft in ihrer digitalen Transformation begleiten, und die Gruppe beim Finden und Schmieden gemeinsamer Pläne begleitet. In vier Workshopsessions gelang es, eine geteilte Wirkungslogik aus der Perspektive der Zielgruppe heraus zu entwickeln. Die Gruppe startet nun in die Umsetzungsphase für eine zugänglichere und übersichtlichere Lernlandschaft, in der Nutzer:innen das für sie passende Angebot finden und auf ihrer learning journey nicht steckenbleiben.

Wir haben die Frage gestellt, welche Software soziale Akteure auswählen und nutzen sollten und uns für einen ganzheitlichen, teilhabe-sensiblen Qualitätsbegriff für digitale Anwendungen eingesetzt. Das Forschungspapier “Gute Software für soziale Teilhabe” macht das sperrige, technische Thema greifbar. In vier virtuellen Runden haben wir mit 20 Expert:innen aus Zivilgesellschaft, öffentlicher Hand und Open Tech Community über den Stand und die Chancen der vielen wertebasierten Software-Angebote jenseits von Zoom und Google diskutiert. Die daraus abgeleiteten Handlungsempfehlungen zeigen ein Feld, das ähnlich wie die Agrarwirtschaft oder die Energiewende große gesellschaftliche Innovationskraft besitzt und unsere Aufmerksamkeit als Anwender:innen und Systemgestaltende braucht.

In der begleitenden Blogpost-Reihe haben wir versucht, das eigene Erkunden und Lernen der API transparent zu machen. Zum Jahresende beschließt ein Report den Piloten.

Kollaborationsqualität lässt sich anstiften

Viel Output, der für sich wirkt und uns zufrieden macht mit dem Ergebnis. Der zentrale Mehrwert führt für mich allerdings weiter. Das Konzept der API setzt Anschlussfähigkeit und das Unterstützen von Austausch und Interaktion als erste Priorität. Diese Haltung hat meine Jahre als Außenministerin im betterplace lab geprägt – in dieser Unbedingtheit war sie dennoch neu. Es war bereichernd, inspirierend und ermutigend zu erleben, wie dieser Schwerpunkt aufs Miteinander und aufs gemeinsame Ausprobieren die Dynamik und Offenheit in der Projektarbeit positiv beeinflusst hat.

Besonders spürbar wurde das in der Gruppe der Digital-Qualifizierungsprogramme. Sie ist sehr ungewöhnlich, diese Koalition aus Menschen und Organisationen, die eigentlich miteinander in Konkurrenz um Fördermittel und Aufmerksamkeit stehen. Seit sie die Entscheidung zur Zusammenarbeit getroffen hat, ist sie sich selbst umso mehr Ansporn und Motivation. “Wie schön zu erleben, dass von #CollectiveImpact mal nicht nur gesprochen wird, sondern tatsächlich jemand danach handelt,” sagte eine der Teilnehmerinnen zum Abschluss unser letzten gemeinsamen Session.

Natürlich ist der außergewöhnliche Kontext relevant. Die große Verunsicherung, die das Jahr 2020 bedeutet, hat manche Türen aufgestoßen. Wer dankbar ist für die Hilfe von anderen, gibt auch selbst mehr von sich. Das gemeinsame Schreiben des Handbuchs ‘Virtuelle Konferenzen’ lässt eine interessante Kurve nachzeichnen: in der Zeit, in der alle die ersten wackeligen Schritte in digitalen Veranstaltungswelten gemacht haben, war die Bereitschaft, Erfahrung und Kontakte zu teilen, beinahe unbegrenzt. Je sicherer die Akteure, je stabiler die Nachfrage, je geld-werter das Wissen um gute digitale Tools, Formate und Methoden, umso spürbarer wurde ein Zögern: Teile ich meinen Vorsprung? Verliere ich dadurch etwas? Es war ein besonderer Moment für Schwarmwissen – wie schön, dass wir ihn nutzen konnten. Die Frage bleibt, wie wir Transferlernen und freies Wissen dauerhafter und in der Breite etablieren, auch und gerade, wenn es um gute Methoden geht.

Im dritten Themenfeld, der ‘Guten Software’, wuchs die Qualität vor allem durch den Austausch. Natürlich haben wir auch für unser Papier nachgedacht, recherchiert, mit Expert:innen und Praktiker:innen gesprochen. Ein tieferes Verstehen, ein besseres Greifen und die konkreten Ansatzpunkte entstanden aber nicht am Schreibtisch, sondern in den Diskussionsrunden. 

Wir reden noch zu wenig miteinander, vor allem über die Schnittstellen Theorie und Praxis und über Sektorengrenzen hinweg. Es ist erstaunlich, wie klein der Aufwand, und wie groß die Erkenntnisschritte sind, wenn sich qualifizierte, kleine Gruppen, gut gemischt, konzentriert eine Stunde austauschen. Ich frage mich kopfschüttelnd, wieso dieses Format nicht selbstverständlicher Alltagsbestandteil wirkungsorientierter Arbeit ist.

Mehr Schnittstellen braucht das Land

Unsere positive Erfahrung bestätigt die Erfolgsgeschichten von Ökosystem-Hirten wie SEND, dem Deutschen Fundraising Verband oder Das Nettz. Dass diese Beispiele ihre Wirkung und Strahlkraft haben, liegt nicht nur an ihrem Auftrag als Netzwerkorganisationen, sondern wesentlich an Markus und Katrin, an Larissa, an Hanna und Nadine, die über ihre direkte Interessensgemeinschaft hinaus für positiven gesellschaftlichen Wandel einstehen und dafür breite Netzwerke weben. 

Damit Informationen fließen, Austausch Räume findet und Kollaboration gelingt, braucht es zusätzliche Kapazität. Darum, liebe Förderer, dies ist eine nachdrückliche Empfehlung: Ermöglicht APIs. Sie werden eure gesellschaftlichen Anliegen über die Projektebene hinausheben und nachhaltiger voranbringen.

Und wie war’s für die Organisation? Die Geschäftsführung ist sich einig: “Für die Stiftung Bürgermut hatte die API eine Reihe erfreulicher ‘Neben’effekte, seien es thematische Impulse für den Digital Social Summit oder eine tragfähige Zukunftsvision für D3 – so geht digital,” meint Cathrin Heinrich, und Sebastian Gillwald ergänzt: “Die API hat eine Raum geöffnet für eine neue Art der Zusammenarbeit und Kollaboration. Nun liegt es an uns allen, diesen weiter mit Leben zu füllen.” Offenheit tut gut, und treibt wertvolle, ungeplante Blüten.

Darum, liebe Organisationen: denkt Eure Außenvertretung neu. Öffnet verlässliche Zugangspunkte für andere zum Andocken. Teilt, was wir könnt und wisst. Zeigt, wo ihr noch Hilfe braucht. Und gewinnt im Gegenzug: mehr echte Sichtbarkeit, mehr Vertrauen, breitere Wirkung, gemeinsame Erkenntnis und neue Ideen.

Einen ganz lieben, herzlichen Dank, liebe Bürgermuts, dass ihr Euch auf dieses Experiment eingelassen habt. In einer Phase, die durch Corona und Katarinas Wechsel zur DSEE mehrfach herausfordernd war, habt ihr mich als bis dahin unbekannte Dritte für Eure Organisation ins Draußen geschickt. Auch wenn Transferlernen und Community-Arbeit bei Euch Tradition haben, so hat das doch Mut und Offenheit gebraucht, und viel Vertrauen. 

Wenn die Zivilgesellschaft sich diese Qualitäten zu Herzen nimmt und ebenso überzeugend lebt, können Menschen, die sich als APIs verstehen, eine Menge dazu beitragen, dass er klappt: der #CollectiveImpact.

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