Man lernt nie aus: Wie Blended Learning die Arbeit von Ehrenamtlichen verändert hat.

Eine Leuchtreklame mit der Aufschrift "Work and play"

Blended Learning – was bedeutet das in der Praxis? In seinem Gastbeitrag erläutert Andreas Görner vom Bundesverband Niere e.V., wie sie mit einem neuen Lernkonzept und digitalen Vermittlungsformen die Arbeit mit Ehrenamtlichen verbessern konnten – und wie nun alle Beteiligten davon profitieren.

5 Jahre können eine Ewigkeit sein, zumal in Zeiten der Digitalisierung. Als unser Projekt PatientenBegleiter vor 5 Jahren startete, gingen die Einladungen an die Teilnehmer noch als Brief mit der Postkutsche raus. Das digitalste waren damals die Mails, mit denen wir als Projektleitung Termine abstimmten und die Buchung der Seminarhäuser bestätigten. Alles andere war analog,  drei Präsenzwochenenden mit Trainerin an verschiedenen Standorten in Deutschland, ein sehr schöner Handordner mit allen Lerninhalten und Kopiervorlagen, Visitenkarten, Flyer und Plakate. Alles auf gutem, altem Papier.

Die ersten Schritte… .

Der erste Meilenstein zur Digitalisierung war dann die Webseite des Projektes www.patienten-begleiter.de . Damals war sie als Content Management System mit Slider, Videos, Bildergalerien und einer interaktiven Google Maps Karte recht modern. Inzwischen ist sie das altmodischste unserer Tools und wird wohl noch in diesem  Jahr Platz machen für ein ganz neues WordPress-Template. Schicker, interaktiver und vor allem mit einem Twingle-Account, der Spenden für das Projekt ganz einfach macht. Aber wir greifen vor, also bitte eins nach dem anderen.

In jedem Jahr bilden wir im Projekt rund 25 chronisch nierenkranke Menschen zu zertifizierten PatientenBegleitern aus. Nach zwei Jahren wurden die Postbriefe mühselig und auch immer teurer, da wir regelmäßig Informationen an alle Teilnehmer senden und umgekehrt Nachrichten und Feedback erhalten wollen. Deshalb haben wir die Kommunikation auf Mails umgestellt. Bis auf vier Personen, die damals wie heute keine Mailadresse und keinen Internetzugang haben. Und das sind, nebenbei bemerkt, nicht die ältesten Personen im Projekt. Online-Affinität ist nicht zwangsläufig eine Frage des Alters.

Vom Dickschiff zum Schnellboot

Ein Schnellboot fährt auf dem offenen Meer.
Photo by Jordan Cormack on Unsplash

Nach drei Jahren wurde deutlich, dass die Lerninhalte bei den ersten Gruppen schon wieder verblassen. Vor allem die aktivierende Gesprächsführung bedarf der stetigen Übung. Aber wie soll das gehen bei inzwischen mehr als hundert chronisch kranken Menschen verstreut auf ganz Deutschland, die oft in ihrer Mobilität und damit in ihrer Reisefähigkeit eingeschränkt sind. In jedem Jahr bieten wir ein Jahrestreffen mit Updates zu Sozialrecht, Krankheitsbewältigung und Selbsthilfe an. Jedes Jahr werden es mehr Teilnehmer und die Kosten bringen unser Projekt an dem Rand des Machbaren. Und dennoch ist es nie genug.

So entstand die Idee einer digitalen Akademie, einer Plattform, die alle Inhalte bündelt, die regelmäßig aktualisiert wird und die ein zeit-und ortsunabhängiges Lernen zuhause ermöglicht. Unsere Recherche bei den Dachverbänden der Selbsthilfe war ernüchternd, vielleicht gibt es da draußen im digitalen Universum ganz wunderbare Vorbilder. Allein, wir konnten sie nicht finden. Und mussten so unsere Fehler selbst machen. Nach eingehender, aber rückblickend doch wohl recht einseitiger Beratung haben wir uns für die open source Lösung „Moodle“ entschieden, ein Dickschiff des E-Learning aus dem Bereich der Unis oder Volkshochschulen. Und die kostenlose Lösung kam uns teuer zu stehen, am Ende hatten wir gut 15.000 Euro ausgegeben, unendlich viel Zeit am Rande des Nervenzusammenbruchs investiert und – nichts erreicht. Ja, wir waren online und das war schon mehr als viele vergleichbare Projekte sagen konnten. Aber es war nicht genug, die Akademie war sperrig, schon an der Registrierung scheiterten viele Teilnehmer. Gestaltung und Interaktion waren so unattraktiv, dass kaum jemand Lust hatte, darin zu arbeiten.

Blended Learning – oder was?

Zwei Menschen sitzen gemeinsam an einem Tisch und lernen.
Photo by Helloquence on Unsplash

Die Learntec – Branchenmesse für digitales Lernen – hat uns dann zum ersten Mal ein Gefühl dafür vermittelt, was Blended Learning leisten kann und wie das in einer kleinen Struktur wie unserem Projekt umzusetzen ist. Schweren Herzens haben wir uns von unserem Dickschiff „Moodle“ und damit von 12 Monaten harter Arbeit verabschiedet und stattdessen ein wendiges Schnellboot zu Wasser gelassen. „blink.it“ ist ein neues, ready to use E-Learning-Werkzeug, das vieles nicht kann. Dafür aber einige Dinge richtig gut und zudem noch richtig einfach. Nach einem halben Tag war der erste Kurs fertig.

Aber wir hatten auf der Learntec noch eine wichtige Lektion gelernt. Technik ist nicht alles und Blended Learning ist viel mehr als nur eine App einzusetzen. Es ist die Kunst, Lernorte und Lernwege miteinander zu verflechten und daraus eine „Bildungsreise“ im schönsten Sinne des Wortes zu kreieren. Und daran arbeiten wir seither. Jede neue Ausbildungsgruppe beginnt mit einem digitalen Kurs, der einstimmt auf das erste Präsenzwochenende. Dessen Ergebnisse münden dann wieder in einen digitalen Kurs, und so weiter. Die einzelnen Kapitel im Kurs sind klein und heißen „blinks“, bei uns werden die „blinks“ vor allem mit selbst erstellten Videos gefüllt, mit Fallbeschreibungen und dann natürlich mit einem Test, um das Gelernte zu überprüfen. Und ganz wichtig, das Deckblatt für jeden „blink“ ist ein Porträtfoto von Teilnehmern, denn wir Menschen sehen kaum etwas lieber als unser eigenes Foto.

Alleine lernen ist nicht jedermanns Sache, ganz gleich ob analog oder digital. Neben der Akademie treffen wir uns im virtuellen Klassenraum mit 6 bis 12 Personen, also einem Videoraum, indem wir uns alle sehen, hören und sprechen können, aber auch gemeinsam Dokumente anschauen und Recherchen machen können. Bisher arbeiten wir dabei mit Zoom, in Zukunft wohl mit alfaview, denn dort können wir die Kleingruppe während der Sitzung nochmals in kleinere Einheiten aufteilen und so optimal Gesprächsführungstechniken üben.

Die Digitalisierung hat auch unser kleines, freiberufliches Leitungsteam erfasst. Aug in Aug sehen wir uns selten, wir sprechen uns im Videoraum, planen unsere Jahresaktivitäten gemeinsam auf Trello, lagern unsere Dateien auf box.org. Als nächstes soll auf comjoo  ein Raum entstehen, in dem sich PatientenBegleiter und Mitpatienten virtuell begegnen können. Alles abgesichert und datenschutzkonform.

Digital geht nur, wenn’s Kabel lang genug ist

Ein Mensch steht vor einer Wand und hält ein Kabel in der Hand.
Photo by Jono on Unsplash

Was ist unser Fazit? Die Digitalisierung hat in unserem Projekt nicht alles schlagartig verändert, der Prozess zieht sich wie ein roter Faden durch die letzten Monate und wird mit Sicherheit weitergehen. An der Digitalisierung scheiden sich auch in unserem Projekt die Geister. Von über hundert PatientenBegleitern sprechen sich nur etwa 5 explizit gegen neue digitale Tools aus. Vor allem weil sie keinen Internetzugang haben. Ausgeprägter ist der „passive Widerstand“, also das Nichtnutzen der Möglichkeiten. Hier hilft kreatives Ausprobieren am ehesten. Wer die Akademie nicht mag, liebt vielleicht das virtuelle Klassenzimmer oder steht gerne vor Kamera für unsere Videos.

Am meisten überrascht hat uns vielleicht der „digitale Analphabetismus“, die Unbeholfenheit im Umgang mit einfachsten Techniken. Sehr anschaulich etwa, dass die geplante „Technikschulung“ für eine Teilnehmerin scheiterte, weil ihr analoges Telefon im Flur stand und die Telefonschnur nicht bis zum alten PC im Wohnzimmer reichte. Im bundesweiten Maßstab scheitert die Digitalisierung oft noch an den Kupferdrähten, die seinerzeit Postminister Schwarz-Schilling verlegen ließ, zu Hause scheitert sie am zu kurzen Kabel. Das alles sollten wir im Hinterkopf haben, wenn wir die nächste Welle der Digitalisierung planen. Digital mit menschlichem Maß, so kann´s gehen.

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