Open Source für den Alltag

Nachdem wir im vorangegangen Artikel erklärt haben, was freie Software ausmacht und wo die Vorteile liegen, stellen wir nun freie Software für den alltäglichen Gebrauch vor. Als Consultant und Softwareentwickler begegnet uns täglich freie Software, die eine Alternative zu proprietären Anwendungen darstellt.

Insa Heinemann von der Braunschweigischen Stiftung sitzt in einer rotgepolsterten Telefonkabine in einem Coworkingspace und lächelt, während sie den Bildschirm anschaut.

Fotocredit: openTransfer.de | Philipp Ziebart

Im Netz surfen

Eines der häufigsten Dinge, die wir mit einem PC, Laptop oder Smartphone tun, ist das Browsen im Internet. Den Browser Firefox der Mozilla Foundation nutzen dafür sicher einige von euch – wir sind im 1. Teil auch schon auf ihn eingegangen. Es gibt eigentlich nichts, was dieser Browser nicht genauso gut kann wie die Pendants von Microsoft (Edge), Alphabet (Chrome) oder Apple (Safari). Firefox ist auf allen gängigen Geräten und Betriebssystemen (Windows, macOS, Linux, Android, iOS) verfügbar und kann ganz bequem Passwörter und mittels Pocket auch Lesezeichen zwischen den Geräten synchronisieren.

Dokumente bearbeiten

Auch wenn sich inzwischen die meisten Dinge per Browser oder App erledigen lassen, können wir jenseits des Smartphones nur selten auf eine Office-Suite verzichten. Irgendwann schreiben wir wohl alle mal einen Brief an die Hausverwaltung, gestalten eine Gutscheinkarte zu Weihnachten oder müssen für unser Projekt eine Kalkulation erstellen. Hierfür eignet sich als Alternative zum Marktführer Microsoft Office das Open Source Pendant LibreOffice. Es enthält Anwendungen für Textverarbeitung (Writer), Tabellenkalkulation (Calc), Bildschirmpräsentation (Impress) und Formeleditor (Math). In den meisten Fällen braucht es den Vergleich zu den Pendants von Microsoft, zumindest auf dem Desktop, nicht zu scheuen. Und für das Smartphone? Zwar existiert zumindest für Android ein Projekt der Open Document Foundation, jedoch ist dieses noch in der Entwicklung. Mit dem OpenDocumentReader[3] gibt es eine zusätzliche freie Alternative die aber bisher nur eingeschränkt für die Betrachtung nutzbar ist.

Bilder bearbeiten, malen und zeichnen

Ihr seid eher künstlerisch unterwegs? Dann schaut euch mal Krita an. Hier könnt ihr euch beim digitalen Malen und Zeichnen kreativ ausleben. Auch hier werden Desktop-Geräte gut unterstützt, eine Version für mobile Geräte mit iOS oder Android ist aber leider nicht verfügbar. Zumindest für Android wird sich das in naher Zukunft aber ändern.

Zum Entwickeln, Bearbeiten und Zuschneiden von Bildern eignet sich Krita eher weniger. Aber vielleicht kennt ihr Gimp`schon? Als Alternative zu Adobe Photoshop bietet es einen breiten Werkzeugkasten, um Fotos digital zu entwickeln, Bilder zu retuschieren oder aufzuhübschen. Für alle, die sich intensiver mit digitaler Fotografie beschäftigen, empfehlen wir einen Blick auf DarkTable. Es bietet ähnliche Funktionen wie Adobe Lightroom. Vernünftige mobile Alternativen sucht man auch hier leider vergebens.

Bilddatenbanken erstellen, Fotos sortieren

Mit der Zeit nimmt die Zahl der Bilder unweigerlich zu. Hand aufs Herz: Wie viele tausend Bilder habt ihr seit eurem ersten Smartphone angehäuft? Bei der Suche nach „diesem einen Bild“ vom Treffen mit der Clique vor drei Jahren, wo alle so lustige Hüte auf hatten, fangen die Probleme an. War es wirklich vor drei Jahren oder doch schon vor vier?

Um Bilder schneller zu finden, bietet es sich daher an, diese zu ordnen und mit Schlagwörtern zu versehen. Ein gutes Open Source Tool hierfür ist DigiKam, das ursprünglich für Linux entwickelt wurde, aber inzwischen auch auf Windows und Mac genutzt werden kann. In seiner Funktionalität ist es in etwa mit Adobe Bridge vergleichbar. Bilder lassen sich taggen und bewerten, Gesichter mittels KI erkennen und zuordnen, Geodaten hinzufügen, Versionen verwalten und rudimentär bearbeiten. Große Bildersammlungen finden sich zwar häufig auf mobilen Geräten, DigiKam leider nicht.

Allerdings sind die Cloud-Fähigkeiten von DigiKam hauptsächlich auf den Export beschränkt und eine Nutzung über verschiedene Geräte nur mit entsprechendem Fachwissen umzusetzen. Hier wiederholt sich erneut, dass es hervorragende Versionen für macOS, Linux und Windows gibt, aber eben nicht für Android oder iOS.

Hürden für mobile Open Source Anwendungen

An dieser Stelle ist das Muster nicht mehr zu übersehen und wir müssen es adressieren. Freie Software ist auf den Betriebssystemen Android und iOS schwer zu bekommen und für Geräte aus dem Hause Apple ist es nahezu unmöglich, Software unter einer GNU General Public License (GPL) (dazu mehr im vorigen Teil der Serie) zu veröffentlichen.

Die Free Software Foundation hat darauf aufmerksam gemacht, dass das Veröffentlichen in Apples Appstore von Software unter einer GPL der Lizenz widersprechen würde. Es bleiben natürlich noch andere Optionen, aber die GPL ist eine der populärsten und meistverwendeten freien Lizenzen. Hinzu kommt, dass die Veröffentlichung einer App nicht völlig kostenlos ist. Bei Apple werden jährlich 99$ fällig und auch Alphabet (die Dachgesellschaft hinter Google) erhebt eine einmalige Gebühr von 25$ für die Registrierung durch Entwickler:innen im Google PlayStore. Beides ist eine Hürde.

Die vorgestellten Beispiele kommen ohne Appstore aus, weil Installationsdateien für Windows und macOS auf eigenen Seiten, Github oder Sourceforge bereitgestellt werden können. Letzteres sind populäre Plattformen, die für freie Software kostenlose Infrastruktur bereitstellen. Häufig lassen sich diese Programme auch auf Seiten von Technikmagazinen wie Heise, CHIP oder PCWelt finden. [Achtung: Manche Seiten verwenden eigene Installationsprogramme mit zusätzlicher Werbesoftware]

Diese Unabhängigkeit von zentralen AppStores hat aber einen Nachteil. So müssen Updates für jedes einzelne Programm oft manuell installiert werden, wozu wir aus Sicherheitsgründen auch dringend raten. Für Nutzer:innen von Windows ist dies keine so große Umstellung, da manuelle Updates generell bei allen nicht-Microsoft-Produkten oder Microsoft-Store-Apps der Fall sind. Unter macOS mit seinem zentralen App Store ist es aber definitiv ein ungewohnter Mehraufwand.

E-Books lesen, Podcasts hören

Aber, ganz so düster sieht es nicht aus: Zumindest für Androidgeräte findet sich freie Software, die mehr als nur ein Nischenbedürfnis erfüllt. So gibt es mit AntennaPod einen freien Podcast-Player ohne Werbung und Nutzertracking. Wer es bevorzugt elektronische Bücher zu lesen sollte den Librera Reader ausprobieren. Dieser werbefinanzierte freie eBook-Reader unterstützt alle möglichen Formate und lässt sich für einmalige 3€ werbefrei nutzen. Für alle, die einen eBook-Reader dem Smartphone- oder Tablet-Display vorziehen, sei Calibre als Verwaltungsprogramm für digitale Bücher unter Windows, Mac und Linux empfohlen.

Glühbirne

Gerade bei den Kreativanwendungen gibt es mit Adobe einen kommerziellen Anbieter, der die meisten Anwendung in einer großen Software-Suite vereint. OpenSource Anwendungen haben hingegen oft einen engeren Anwendungsbereich, wobei LibreOffice hier eine der wenigen Ausnahmen darstellt. Es braucht also drei oder mehr verschiedene Programme von unterschiedlichen Softwareteams um die gängigsten Bestandteile der Adobe Creative Cloud zu ersetzen. Das bedeutet aber auch, dass diese Anwendungen dann durchaus unterschiedlich in Darstellung und Benutzung sein können, während die Produkte aus dem Hause Adobe wie aus einem Guss wirken.

Ausblick

Als weiteres Muster zeichnet sich ab, dass es wenig bis keine Unterstützung von Cloud-Diensten gibt. Automatisches Speichern in einer Cloud oder gar Synchronisieren zwischen verschiedenen Geräten benötigt eine teure Server-Infrastruktur und diese steht den meisten OpenSource-Projekten nicht zur Verfügung. Diesem Thema werden wir uns aber im letzten Teil dieser Reihe etwas ausführlicher widmen. Dort wird es um das Thema der digitalen Zusammenarbeit gehen. Unserer Erfahrung nach liegen hier die größeren Herausforderungen beim Einsatz von OpenSource-Software und die werden nicht kleiner, wenn im Team oder gar im Austausch mit externen Partnern gearbeitet werden soll.

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Die Autoren

Kai Gärtner Profilbild, im blauen Hemd und Jackett vor einer grauen Wand.

Kai Gärtner ist Diplom-Informatiker und seit vielen Jahren in verschiedenen Organisationen engagiert. Er war mehrere Jahre am Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft tätig, seit 2021 arbeitet er beim IT Dienstleistungszentrum Berlin mit dem Schwerpunkt eGovernment und Fachverfahren der Berliner Verwaltung.

Christian Baer ist studierter Informatiker und arbeitet seit 2014 hauptberuflich als Softwareentwickler im E-Commerce. In dieser Zeit hat er an Frontend, Backend und Infrastruktur gearbeitet und ist dabei regelmäßig in der Open Source-Welt unterwegs. Darüber hinaus ist er passionierter Linux- und Open-Source-Nutzer.

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