Digitales Engagement: Randerscheinung oder Ehrenamt der Zukunft ?

„Engagierst du dich?” „Ja.” „Und wo?” „Im Internet!” – „Häää, was?” Digitales Engagement, Online-Volunteering & Co gewinnt an Aufmerksamkeit – nicht nur in Zeiten von Physical Distancing. Was steckt dahinter, was muss sich ändern?

Frau sitzt vor Laptop und arbeitet daran

Die Digitalisierung tangiert alle Lebensbereiche.” Ein Satz, der oft fällt und in seiner Richtigkeit auch vor dem Engagement-Sektor nicht Halt macht. Digitales Engagement ist dabei ein omnipräsentes Buzzword, oft aber schwierig zu durchdringen.

Worum geht’s?

Wenn von Digitalem Engagement die Rede ist, verbergen sich dahinter oft unterschiedliche Phänomene. So gilt es, zwischen der Digitalisierung des Engagementsektors und digitalem, bürgerschaftlichem Engagement zu unterscheiden. Ersteres beschreibt die Digitalisierung der Arbeitsweise des Engagement-Sektors, also die Nutzung von Tools zum digitalen Freiwilligenmanagement oder die Schulung von Engagierten mithilfe von Webinaren.

Unter Digitalem Engagement verstehen wir etwas anderes: Das digitale, bürgerschaftliche Engagement auf Engagiertenseite. Ein anderer Begriff dafür ist Online-Volunteering. Engagementblogger Hannes Jähnert vom DRK hat dies wie folgt definiert.

Online-Volunteering ist freiwilliges, unentgeltliches Engagement mit anderen, das öffentlich ausgeübt wird, sich am Gemeinwohl orientiert und bei dem die jeweilige Tätigkeit vollständig oder teilweise über das Internet vom heimischen Rechner, von der Arbeit oder von unterwegs aus verrichtet wird.

Gemeint sind also Engagementformen, bei denen das freiwillige Engagement nicht durch “Anpacken” vor Ort, sondern im Digitalen, über Rechner & Smartphones, kurzum: im Internet, abläuft. Im Konkreten kann digitales Engagement ganz unterschiedlich aussehen. So können sich Menschen durch

  • … das Mitmischen bei Open Data-Projekten wie der Wissensplattform Wikipedia oder sozialen Projekten wie wheelmap.org,
  • die Beteiligung an Hackathons mit gemeinnütziger Ausrichtung wie #WirVSVirus,
  • das Starten und Unterstützen von Kampagnen auf Plattformen wie change.org,
  • das Bereitstellen von Lerninhalten für Schüler:innen durch freiwillig Engagierte im Internet oder
  • das digitale Mithelfen bei sozialen Organisationen über Plattformen wie youvo.org,

digital engagieren.

Screenshot einer Videokonferenz beim WirVSVirus-Hackathon
28.361 Menschen haben sich beim #WirVSVirus-Hackathon beteiligt. Auch das ist Engagement. (Foto: Screenshot Adriana Groh)

Ein Blick in die Zahlen

Sind denn jetzt alle nur noch im Internet aktiv? Nein. Im Ehrenamtsbereich dominiert noch immer das analoge Vor-Ort-Helfen. So finden laut Freiwilligensurvey 2014 lediglich 2,7 Prozent aller ehrenamtlichen Tätigkeiten ausschließlich oder überwiegend online statt. Nur 2,7 Prozent? Das hört sich erstmal nach nicht so viel an. Allerdings: Bei 31 Mio. Deutschen, die sich freiwillig engagieren, sind gering-anmutende 2,7 Prozent dann doch immerhin 830.000 Menschen. Randerscheinung, ja, deswegen aber nicht unwichtig. Gleichzeitig haben 55 Prozent der Befragten angegeben, dass ihre ehrenamtliche Tätigkeit zumindest teilweise im Internet zu verorten ist. Auch nicht schlecht.

Mehr Zahlen und Fakten rund ums Engagement in Deutschland findet ihr in der Auswertung des Freiwilligensurveys 2014. Dieser wird alle 5 Jahre erhoben. Die Ergebnisse des 2019er-Surveys werden voraussichtlich ab Ende 2020 veröffentlicht.

Letzteres zeigt: Noch stellt digitales Engagement hauptsächlich eine Erweiterung der freiwilligen Tätigkeiten dar und unterstützt so klassisch-analoge Engagementformen. Allerdings hat Online-Volunteering das Potential, sich als eigenständiges Engagementfeld zu etablieren. Denn hierdurch können Menschen erreicht werden, die sich gerne engagieren, zeitlich jedoch eingeschränkt sind. Oder sich für ein Projekt einsetzen möchten, das in einer anderen Stadt oder einem anderen Land angesiedelt ist. Auch vorteilhaft: Das Engagement- und Partizipationsmöglichkeiten im Internet agiler und flexibler sind, sind Aspekte, die insbesondere für den zukünftigen „Nachwuchs“ wichtig sind. Gleichzeitig sind gerade junge Leute internetaffin und werden im Engagement-Sektor oft gesucht: It’s a match!

Gleichzeitig verbringen nicht nur junge, sondern Menschen aller Altersschichten immer mehr Zeit im Internet. Tendenz steigend. Sollte man potentiell Engagierte nicht logischerweise dort abholen, wo sie sowieso unterwegs sind?

Dazu kommt: Durch digitale Volunteering-Angebote werden neue Gruppen potentiell Engagierter – abseits der klassischen Ehrenamtsmilieus – angesprochen und im besten Fall erschlossen (z.B. kreative Digitalarbeiter:innen, Data Scientists, Startup-Mitarbeiter:innen). Das hat zwei Vorteile: Mehr Menschen engagieren sich. Und gleichzeitig wird durch die Digital-Engagierten auch die Digitalkompetenz in sozialen Organisationen angetrieben.

Gerade im Kontext der rückläufigen Mitgliedszahlen in vielen Vereinen und Verbänden liegt in digitalem Engagement großes Potential. Sowohl als niederschwelliger Einstieg ins klassische Ehrenamt, aber auch als eigenes Engagementfeld. (Foto: Andi Weiland)

Die Wahrheit liegt wohl in der Mitte.

Zurück zur Ursprungsfrage: Ist digitales Engagement eine Randerscheinung oder das Ehrenamt der Zukunft? Eine klare Antwort kann hierauf wohl niemand geben. Ja, momentan ist die Zahl der digital Engagierten noch vergleichsweise gering, allerdings gibt es gute Gründe für die Annahme, dass zukünftiges bürgerschaftliches Engagement nicht immer, aber immer öfter im Digitalen stattfindet. Dies muss aber nicht zu Lasten des analogen Ehrenamts gehen – beide Facetten bürgerschaftlichen Engagements können sich wirksam ergänzen. Denn egal ob im Internet oder real life: Von freiwilligem Engagement profitieren alle.

Was muss auf gesellschaftlicher Ebene dafür getan werden? Es liegt an uns, die Weichen so zu stellen, dass der Mehrwert bestmöglich abgeschöpft werden kann. Dominante Diskursstränge haben wir für euch zusammengefasst.

Deal with it: Strukturen schaffen

Wir glauben: Viele soziale Organisationen können von digital Engagierten profitieren. Menschen können sich jedoch nur engagieren, wenn es dafür auch Angebote gibt. Es ist also an uns, digitale Engagementmöglichkeiten anzubieten, die potentielle Weltverbesser:innen ansprechen. Dazu gehört auch, nicht nur innerhalb klassischer Ehrenamtsmilieus zu „fischen“, sondern Zielgruppen neu zu denken. Auch muss sich mit neuen Phänomenen auseinandergesetzt werden: Wie können wir online ein Zugehörigkeitsgefühl aufbauen? Wie können wir Menschen, die sich bei uns digital engagieren, stetig an uns binden? Wie können wir Wertschätzung fürs digitale Engagement ausdrücken?

Anerkennung fürs digitale Ehrenamt

Apropos Wertschätzung: Richtig und wichtig ist, dass Menschen für analoges Engagement Anerkennung erhalten. Richtig und wichtig wäre jedoch auch, dass das digitale Ehrenamt die gleiche Form von Anerkennung erhält. Es geht nicht darum, dass sich Engagement „lohnen“ soll. Aber wenn es Unterschiede in der Wertschätzung gibt, kann dies dazu führen, dass Online-Volunteers demotiviert werden. Und das wäre nicht gut: Denn eine Gesellschaft im digitalen Wandel ist auf digital Engagierte angewiesen – und das nicht nur während der Corona-Krise.

Bewusstseinswandel in der Förderlandschaft

Das betterplace lab, Wikimedia Deutschland und das Kompetenzzentrum Öffentliche IT haben schon 2017 festgehalten, dass wir eine Förderstrategie zur Stärkung digitalen Engagements und digitaler Engagementprojekte brauchen. Demnach sollten soziale Akteure, die das Internet als Wirkungsebene nutzen, stärker in der Förderpraxis des Bundes berücksichtigt werden. Klar, es gibt Unterstützungsprogramme wie digital engagiert, den Smart Hero Award oder Prototype Fund. Wir finden allerdings: Da geht noch mehr.

Groß denken: Das FDJ (≠ Freie Deutsche Jugend!)

Momentan wird das FSJ-digital in Deutschland erprobt. Der Gedanke: Es gibt ein digitales Aufbau-Add-On auf das Freiwillige Soziale Jahr, über das sich Menschen für ein Jahr gesellschaftlich engagieren können. Das digitale Add-On ist in Deutschland allerdings noch nicht flächendeckend verfügbar. Progressive Stimmen wie D64 – Zentrum für Digitalen Fortschritt oder das Kompetenzzentrum Öffentliche IT fordern deswegen eine Ausweitung – sowohl in Bezug auf die Intensität (ein deutlich digitaleres Freiwilliges Digitales Jahr soll her) als auch die geografische Ausbreitung.

Ihr interessiert euch für Digitales Engagement?

Dann solltet ihr das Forum Digitalisierung und Engagement des BBE nicht verpassen! Die Digitalisierung der deutschen Engagement-Landschaft, die Chancen und Risiken des Digitalen Wandel für bürgerschaftliches Engagement aber auch Digitales Engagement & Online-Volunteering werden hier schon jetzt online beleuchtet – ab Sommer 2020 werden die Themen in einer Online-Eventreihe dann gemeinsam diskutiert.

Außerdem sind wir nicht die Ersten, die sich Gedanken zu Engagement im Kontext des Digitalen Wandels machen. Auf dem Blog von Hannes Jähnert wird Digitales Engagement, Online-Volunteering & Co noch breiter beleuchtet. Weiterlesen!

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2 thoughts on “Digitales Engagement: Randerscheinung oder Ehrenamt der Zukunft ?

  1. Liebe digitale Forscher nach Engagierten,

    es geht vor allem darum die Gelegenheit zu finden, wo, wer, warum, was wie beitragen kann. Es ist wichtig, dass uns die Komplexität des Themas nicht überfordert und wir schnell in das Tun kommen. Wichtig erscheint mir, dass es anfangs mehr um das sowohl als auch als um das entweder / oder geht. Wo können wir “analogem” Engagement, digital zu einer effektiven weiteren Wirkung verhelfen, wo können wir einerseits helfen mit praktischen virtuellen Werkzeugen, ohne gefühlte Technikabhängigkeit Inhalte besser, inspirierender den Beteiligten zur Verfügung stellen, diese Ergebnisse / Ernten besser sammeln und vielleicht dann bei analogen Treffen weiter verarbeiten. Da braucht es viele ehrenamtliche Technikhosts und Themenhosts, die diese Formate zum wirklichen Leben verhelfen. Danke für Euren Beitrag.

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