Die passende Beratung im Digitalisierungsprozess finden: Der Code of Good Practice hilft bei der Auswahl

Immer mehr Programme fördern und unterstützen Vereine und gemeinnützige Organisationen mit Beratung und Coaching, um sie bei der Digitalisierung und der Weiterentwicklung interner Prozesse oder Angebote zu unterstützen. Der Code of Good Practice gibt Vereinen zur Orientierung acht Marker für die Suche nach passender Beratung an die Hand.

Foto über die Schulter eines Mannes auf einen Videocall, in dem die Mitwirkenden des Code of Good Practice zu guter Digitalisierungsberatung in gemeinnützigen Organisationen sprechen. U.a. Tom Leppert, Heldenrat, Ulrike Petzold, DAKU, Friederike Petersen, Stiftung Bürgermut, Henning Baden, DSEE und Susanne Saliger, Akademie für Ehrenamtlichkeit.

Foto: Sebastian Berger

Auf der Suche nach einem passenden Tool zum Datenmanagement wendete sich die Ehrenamtsstiftung MV an ihren IT-Dienstleiter. Louisa Muehlenberg erinnert sich in unserem Logbuch Digitalstrategie an das Treffen: „Unser Ansprechpartner war offensichtlich viel in der Industrie und Wirtschaft unterwegs und hatte keine Ahnung von gemeinnützigen Organisationen, davon, wie wir ticken und was wir brauchen. Die Kommunikation in der Beratung war richtig schwierig.“

Das kennen viele Vereine und Non-Profit-Organisationen. Die Digitalisierung und gesellschaftlichen Veränderungen stellen gemeinnützige Organisationen teilweise vor Herausforderungen. Die Welt hat sich beschleunigt. Die Bedürfnisse der Zielgruppen und der Ehrenamtlichen haben sich verändert. Neue Arbeitsweisen werden etabliert, Soft- und Hardware benötigt, digitale Tools müssen in die Arbeit integriert werden. Datenschutz, die Entwicklung digitaler Angebote, Social Media sind wichtige Themen geworden. Im Gegensatz zu Unternehmen haben zivilgesellschaftliche Akteure nicht dieselben finanziellen Mittel, um die Aufgaben zu bewältigen. Vieles müssen sie alleine stemmen. Alles ist jedoch kaum möglich.

Ein Tweet mit Folgen – Beratung für Vereine: Ja! Aber wie?

Vereine und Förderer haben erkannt, dass externe Unterstützung nötig ist. Programme wie 100xDigital der Deutschen Stiftung für Engagement und Ehrenamt (DSEE), das startsocial-Stipendium oder die neuen D3-Peer Learning Circles setzen bewusst auf begleitende Expert:innen. Dass Coaches gebraucht werden, die in die Organisationen gehen und bei Digitalisierungsprozessen unterstützen, das hat auch Ulrike Petzold vom Dachverband der Kulturfördervereine (DAKU) im Sommer 2020 so gesehen. Sie reagierte auf einen Tweet des damals frischen Vorstands der DSEE Jan Holze, der nach Bedarfen und Lücken in der Förderung von Engagement und Ehrenamt gefragt hatte. Auch Thomas Leppert von Heldenrat klinkte sich in die folgenreiche Diskussion ein.

Wenige Wochen später trafen sich die initiierenden Organisationen DSEE, DAKU und Heldenrat mit zehn weiteren Organisationen – darunter auch Stiftung Bürgermut. Sie wollten diskutieren, inwiefern gemeinnützige Organisationen von externen Berater:innen und Coaches profitieren und wie die Beratungsprozesse gelingen. Was brauchen Vereine und Non-Profits? Woran erkennen sie passende Berater:innen bzw. Coaches? Was können sie von den externen Expert:innen erwarten? Welche Kriterien prägen einen stimmigen Prozess? Bald kreiste die Runde um Fragen wie diese. Mit dem Code of Good Practice, der in den folgenden 1,5 Jahren gemeinsam entwickelt, auf unterschiedlichen Veranstaltungen mit Vereinen diskutiert und pünktlich zum Digital Social Summit 2022 veröffentlicht wurde, geben die 13 beteiligten Organisationen acht erste Antworten.

Acht Positionen für gelingende Beratung in Non-Profits

Überschrieben sind die acht Punkte etwa mit Gemeinwohlorientierung, Komplementärberatung und Partizipative Prozessgestaltung. Dabei geht es bei ersterem um die Ausrichtung der Digitalisierung am Nutzen der Organisation und der Zielgruppen. Digitalisierung ist kein Selbstzweck, sondern soll helfen, die gemeinnützigen Ziele besser zu erreichen. Der Begriff Komplementärberatung beschreibt eine ganzheitliche Herangehensweise. In einen Prozess fließen optimalerweise strategische, operative, methodische Kompetenzen sowie technologisches Fachwissen ein. Auch legen die Initiator:innen Wert darauf, dass die Beratungs- und Coachingprozesse gemeinsam mit den Organisationen gestaltet werden. Dabei werden zeitliche und finanzielle Ressourcen oder etwa digitale Kenntnisse im Team berücksichtigt.

Der Code of Good Practice gibt zum einen Vereinen Orientierung zur Zusammenarbeit mit Berater:innen und Coaches. Zugleich kann er zu Beginn des Prozesses genutzt werden, um gemeinsame Vereinbarungen zu treffen. Mit dem Code of Good Practice richten sich die Macher:innen nicht nur an Vereine und Non-Profits, sondern auch an Berater:innen und Coaches.

Denn wie der Fall der Ehrenamtsstiftung Mecklenburg-Vorpommern zeigt, sind diese nicht immer auf die Akteure aus dem dritten Sektor eingestellt. Auf dem Digital Social Summit 2022 wies Susanne Saliger, die Leiterin des Projektes Die Verantwortlichen #Digital, in der Session Gute Digitalisierungsberatung für Non-Profits darauf hin, wie wichtig auf Seiten der Berater:innen ein Wissen um die Besonderheiten und Arbeitsweisen von gemeinnützigen Organisationen ist. Coaches und Berater:innen, die die Haltung hinter den acht Positionen teilen, können sich dem Code of Good Practice anschließen und werden auf der Webseite gut-beraten.digital aufgeführt.


Als Anbieter des Programms 100xDigital war auch die DSEE motiviert, Qualitätsmaßstäbe zur Beratung von Vereinen zu entwickeln. Augenhöhe ist in der Zusammenarbeit wichtig, findet Henning Baden von der DSEE. Zudem sollten die Berater:innen alle Dimensionen von Digitalisierung berücksichtigen. Denn oft ist die Suche nach beispielsweise digitalen Tools, die die Arbeit erleichtern, nur der Beginn von Veränderungsprozessen, die tiefer gehen und die
Organisationsentwicklung, Kommunikation oder Ausrichtung der Vereinsarbeit berühren.

Testen und Weiterentwickeln

Der Code of Good Practice in seiner aktuellen Form ist für die Initiator:innen ein erster Aufschlag. In einem Jahr, so haben die 13 Organisationen verabredet, wollen sie sich wieder austauschen und die Punkte möglicherweise weiterentwickeln. Vereine und Non-Profits sind aufgerufen, ihr Feedback zum Code of Good Practice über gut-beraten.digital zu teilen. Auch auf die Erfahrungen der Coaches, die sich den acht Punkten verpflichten, sind die Macher:innen neugierig. Es ist also kein Zufall, dass eine Position des Codes of Good Practice mit Gemeinsam Lernen überschrieben ist: „Im Verlauf der Zusammenarbeit überprüfen wir gemeinsam mit unserem:er Auftraggeber:in regelmäßig Lernerfolge, Ziele, Inhalte und Methoden. Anpassungen nehmen wir pragmatisch vor, statt an Projektplänen festzuhalten…“

Thomas Leppert sitzt mit einem blauen Pullover gestikulierend vor einer grauen Wand, an der auf Zetteln steht: #otc19 Raum 1

Drei Fragen an Tom Leppert von Heldenrat

Auf dem Digital Social Summit 2022 hast du erzählt, dass es bei eurem ersten Austausch 2020 schnell Einigkeit darüber gab, dass Beratung und Coaching in gemeinnützigen Organisationen etwas Sinnvolles bewirken kann. Warum lohnt es sich für Vereine, Zeit, Geld und Nerven in externe Unterstützung zu investieren?

Tom Leppert: Tatsächlich war das ja die Ausgangsfrage, die mich damals auch durchaus selbstkritisch umgetrieben hat: Ist das gut investiertes Geld, dass da in die Beratung fließt, oder sollte man das den ohnehin meist klammen Organisationen nicht direkt für die Umsetzung ihrer Digitalisierungsprojekte geben? Die Einigkeit über die Notwendigkeit von externer Unterstützung bestand dann darin, dass sie oftmals neue Impulse setzen kann, Fachexpertise mitbringt und auch schon sehr früh im Entstehungsprozess eines Digitalisierungsprozess bei der Identifikation von Bedarfen und Zielen helfen kann. Wir sind dann aber schnell darauf gekommen, dass das Ganze ein voraussetzungsreicher Prozess ist. Damit Beratung und Coaching gut gelingen, braucht es bestimmte Rahmenbedingungen und Haltungen. Die haben wir dann versucht im Code of Good Practice zusammenzufassen.

Gut drei Monate ist es her, dass ihr den Code of Good Practice veröffentlicht habt. Wie ist die Resonanz bisher?

Tom Leppert: Wir freuen uns riesig, dass sich seitdem schon zahlreiche weitere Unterstützer:innen gefunden haben. Die Zahl hat sich in kurzer Zeit verdoppelt. Wir scheinen mit dem Code of Good Practice einen Nerv getroffen zu haben. Wir bekommen viel Zuspruch und Bestätigung darüber, dass es solche gemeinsamen Werte und Haltungen braucht. Besonders erfreulich ist, dass auch schon sektorübergreifendes Interesse signalisiert wurde und wir mit dem Code demnächst vielleicht auch in die Öffentliche Verwaltung hineinwirken können. Natürlich ist auch schon die ein oder andere Idee für Ergänzungen dabei, zum Beispiel zum Thema Nachhaltigkeit. Das wollen wir in einer ersten Revisionsrunde in ca. einem Jahr aufgreifen.

Welcher Punkt liegt dir besonders am Herzen?

Tom Leppert: Alle Punkte sind meiner Meinung nach gleich wichtig. Aber natürlich haben die Mitwirkenden unterschiedliche Schwerpunkte und Herzensthemen – das hat die Zusammenarbeit mit den anderen Initiatorinnen auch sehr spannend und wertvoll gemacht! Ich persönlich beschäftige mich viel mit der Frage, wieviel Prozesskompetenz einerseits und technologisches Wissen andererseits auf Berater:innenseite nötig ist. Daher habe ich sehr für den Punkt der Komplementärberatung geworben. Aber auch ein Verständnis über gutes Change Management war uns vom Heldenrat wichtig – denn gerade bei Digitalisierungsprojekten erleben wir immer wieder, dass die Veränderung nur mit einem guten Dreiklang aus aktiver Kommunikation, Qualifikation der Anwender:innen und einer partizipativen Gestaltung der Projekte mit allen relevanten Stakeholdern gelingt.

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