Naturfreundejugend: Ein Feriencamp geht digital

Eigentlich ist das Pfingstcamp der Naturfreundejugend draußen im Grünen – und gut besucht. 2020 ging das aus bekannten Gründen nicht. Sine Rehmer erzählt uns, wie der überregional agierende Verein es schaffte, ein Camp mit 400 Teilnehmenden ins Digitale zu transferieren.

Foto eines Mannes, der in der Natur sitzt in digital per Laptop arbeitet. Symbolbild für das Pfingstcamp der Naturfreundejugend.

Ganz alleine saßen der Vater und seine zwei Söhne in dem großen Zirkuszelt. Sie hielten Gitarren in den Händen und schauten auf eine kleine Webcam, die sie vor sich aufgebaut hatten. Normalerweise wäre hier alles pickepacke voll mit Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen – rund 400 Teilnehmende kommen jedes Jahr zum Pfingstcamp der Naturfreundejugend. Für ein paar Tage singen und diskutieren sie, sitzen am Lagerfeuer oder lernen wie man Insektenhotels baut.

Doch 2020 war all das nicht möglich. Der erste Corona-Lockdown hatte das Leben in Deutschland lahmgelegt. Keine Reisen, keine Treffen, die komplette Arbeit des Kinder- und Jugendwerks musste pausieren. „Wir brauchten erst einmal eine Weile, um uns zu sortieren. Dann überlegten wir, was wir von unserer Arbeit ins Digitale übertragen können“, sagt Sine Rehmer. Sie ist 34 Jahre alt und arbeitet in der Bundesgeschäftsstelle für die Naturfreundejugend.

Ihre Aufgabe ist es, die Ehrenamtlichen zu fördern und die Community zu stärken. Die Naturfreundejugend selbst gibt es schon seit 1926. Sie wollen für Kinder und Jugendliche die Natur erfahrbar machen, sie setzen sich gegen den Klimawandel ein, für Demokratie und gegen Rechtsextremismus.

Auch digital braucht es ein echtes Camp-Feeling

Sine lacht, als sie darüber nachdenkt, was für eine steile Lernkurve sie und das Team hinkriegen mussten. Wie geht Zoom? Welche anderen Tools sind geeignet? Wie soll das überhaupt funktionieren, die Kinder- und Jugendarbeit ins Digitale zu übertragen? Als erstes fällten sie die Entscheidung, das Pfingstcamp durchzuführen. „Wir haben unsere Köpfe zusammengesteckt und überlegt, was wir anbieten können“, sagt Sine. Ein Camp-Feeling sollte entstehen, einen digitalen Ort wollten sie schaffen, an dem die Leute zusammenkommen, sich begegnen, etwas lernen können – und Spaß haben sollten die Teilnehmenden natürlich auch!

Für das Camp-Feeling bauten der Vater und seine zwei Söhne das Zirkuszelt auf, so wie jedes Jahr. Nur diesmal filmten sie sich dabei, drehten davon ein Video im Zeitraffer und stellen dieses auf der Camp-Webseite vor. Diese Webseite war der zentrale Anlaufpunkt für das erste digitale Camp. Auf einer interaktiven Grafik konnten sich die Teilnehmenden im Camp orientieren.

Kletterfelsen und Zeltplatz – das waren die digitalen Anlaufpunkte

An der Station „Kletterfelsen“ beispielsweise gab es alle Angebote, die man draußen machen konnte: Fitnesstraining per Video, ein Videotutorial um seinen Kräutergarten zu verschönern, wie sich ein Waldschlafsack bauen oder ein Gewürzregal herstellen lässt. All diese Videos und Anleitungen haben die einzelnen Landesverbände beigesteuert. 

Live-Workshops und Diskussionsrunden fanden an der Station „Lagerfeuer“ statt. Externe Expert:innen wurden per Zoom zugeschaltet, um über Themen wie Nachhaltigkeit und Verschwörungstheorien in Zeiten von Corona zu berichten. Ganz anders war es beim „Zeltplatz“, so hieß der immer offene Zoom-Kanal. Hier trafen sich die Teilnehmenden zum Mittagessen oder zum Austausch. Abends verabredeten sie sich hier, um gemeinsam Online-Brettspiele über die Webseite yucata zu spielen. Spätabends saßen sie immer noch zusammen und redeten einfach nur – fast wie an einem echten Lagerfeuer.

Gemeinsam Singen (aber nur mit ausgeschaltetem Mikrofon!)

Schließlich war da noch der „Marché“, der Marktplatz. Hier wurden per Zoom künstlerische und kreative Workshops angeboten: kreatives Schreiben, gemeinsames veganes Kochen, einen eigenen Stop-Motion-Film drehen. Auch der Liederabend des Vaters und der beiden Söhne im Zirkuszelt fand hier statt: „Dazu sollte jeder sein eigenes Mikrofon ausschalten und konnte dann mit den Dreien mitsingen“, erklärte Sine. Das ist ein wichtiges Detail, denn bei der Übertragung gibt es immer eine kleine Zeitverzögerung, die ein gemeinsames Singen sehr schwierig werden lassen kann. „Wir haben es geschafft, wenigstens ein bisschen Camp-Feeling herzustellen und da waren wir mächtig stolz drauf“, sagt Sine.

Im zweiten Lockdown war es schwieriger die Leute für weitere digitale Camps zu mobilisieren. „Der harte Kern war da, aber bei vielen anderen hat sich eine gewisse Bildschirm-Ermüdung eingestellt“, sagt Sine. Was weiterhin gut funktionierte, waren Workshops, in denen man gemeinsam etwas machte und dazwischen Inhaltliches besprechen konnte. „Vegane Kochkurse zum Beispiel. Wunderbar kann gemeinsam gekocht werden, dabei kann man ein paar Tipps und Inspirationen abgreifen – und während die Kartoffeln blubbern, sprechen die Leute über die Auswirkung des Fleischkonsums“. 

Es sind die vielen kleinen, partizipativen und schnell umgesetzten Formate, die die Teilnehmenden toll finden. Eine Instagram-Story von einer Wanderung zum nächsten Schloss, die dann insgesamt 40 Leute, aber jede:r für sich alleine, nachgelaufen sind. „Das lief alles nicht perfekt ab, aber das macht überhaupt nichts. Wir wollten unsere Arbeit weitermachen, dafür haben wir so gut es geht unsere Aktivitäten ins Digitale übersetzt. Das Wichtigste war, dass etwas stattfand und wir mit unseren Kindern und Jugendlichen in Kontakt bleiben konnten“, hält Sine fest.

Ein eigener Podcast für die inhaltliche Arbeit

Um trotz der großen Bildschirmmüdigkeit weiter inhaltliche Arbeit zu leisten, startet das Team der Naturfreundejugend nun einen eigenen Podcast. „Als wir fragten, ob jemand Lust hat, bei der Redaktionsarbeit mitzumachen, meldeten sich gleich 20 Leute.“ Bei der ersten digitalen Redaktionssitzung benutzten sie das Google-Jam- sowie das Padlet-Board. Das sind beides Tools, um gemeinsam ein digitales White-Board mit Ideen zu füllen. Hatten sie zwischendurch genug vom Bildschirm, wechselten sie zum Telefon und gingen dann jeweils zu zweit eine Runde spazieren, um währenddessen über ihre Ideen weiterzureden. 

Sine hält fest: Insgesamt hat die Naturfreundejugend während der Pandemie einfach alles an digitalen Tools und Möglichkeiten ausprobiert. Wenn etwas geklappt hat, haben sie es übernommen. Wenn etwas nicht geklappt hat, haben sie es sein gelassen. Und trotzdem gilt: „Wir freuen uns, dass die analoge Zeit wieder losgeht. Wir wollen den Kindern ja Lebensfreude vermitteln und Naturnähe, wir wollen sie zu kritischem Denken anregen und ihnen Verantwortungsbewusstsein beibringen – das geht über den direkten Kontakt dann doch am besten“. 

Ein paar der neuen digitalen Möglichkeiten wollen sie dennoch in ihren Arbeitsalltag integrieren. Die vielen kleinen Arbeitstreffen der Haupt- und Ehrenamtlichen sollen weiterhin digital stattfinden. „Da ist die Teilhabe schneller, das spart Auto- oder Bahnreisen“, sagt Sine. Auch bei Veranstaltungen soll es Einheiten geben, bei denen sich Teilnehmende digital zuschalten können.

Doch jetzt beginnt erst einmal die Sommerzeit und die Ferienfahrten, auf die die Kinder und Jugendlichen seit Monaten warten.

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