Ein „Schwarzmarkt“ zum Wissen tauschen

Ein Schwarzmarkt des Wissens ist nicht so ominös, wie es klingt. Die Erfinderin des Formats, Hannah Hurtzig, bezeichnete in einem Interview ihren Schwarzmarkt als eine Korrektur des offiziellen Marktes für Wissen und Lernen.

Das Bild zeigt einen Tisch, an dem man die Oberkörper zweier Menschen sitzend sieht. Mit ihren Armen gestikulieren sie.

Es handelt sich um ein Großgruppen-Format, das auf maximalen Informationsaustausch und Wissenstransfer ausgerichtet ist. Denn beim Schwarzmarkt wird das Lernen einerseits individuell und exklusiv, andererseits auch eine kollektive Angelegenheit, die für jeden zugänglich ist. Wie das funktionieren soll? Bitte weiterlesen!

Kommt mit auf den Wissens-Schwarzmarkt

Stellt Euch vor, ihr betretet einen Raum, in dem soeben ein Wissens-Schwarzmarkt begonnen hat. An vielen kleinen Tischen sitzen sich zwei Personen gegenüber und sind in ein Gespräch vertieft. Um sie herum stehen in Gruppen weitere, still zuhörende Teilnehmende. Die Tische sind nummeriert und eine große Tafel verrät, was wo und wann stattfindet.

Bevor wir tief einsteigen, noch ein Hinweis: Der international erprobte „Schwarzmarkt für nützliches Wissen und Nicht-Wissen“ von Hannah Hurtzig diente als Inspiration für dieses Format, welches sich mittlerweile auch in vereinfachter Fassung, mit mehr interaktiven Momenten und ohne theatralische Inszenierung verbreitet hat. Wenn ihr für eine Großveranstaltung den Schwarzmarkt im vollen Glanz nutzen wollt, werdet doch Lizenznehmer:in der Mobile Academy! Wie das aussieht, mit Performance und atmosphärischen Gesprächen unter matten Edison-Glühbirnen samt Audioübertragung ans Publikum, könnt ihr am Beispiel eines Schwarzmarktes in Hamburg anschauen (Video).

Einen Schwarzmarkt organisieren: Step by Step

#1 Festlegung Thema und Länge

Am Anfang steht die Festlegung des Oberthemas. Es sollte breit genug sein, um ein Thema aus verschiedensten Blickwinkeln und mit überraschenden Perspektiven beleuchten zu können. Mit der Schwarzmarkt-Methode könnt ihr entweder eine ganze Veranstaltung konzipieren, oder sie als ein Format im Rahmen einer größeren Veranstaltung anwenden.

Wie lang dauert euer Schwarzmarkt? Mit wie vielen Teilnehmenden wird gerechnet? Sind unter ihnen schon viele potentielle Expert:innen dabei?

Als Zeitumfang für eine Gesprächsrunde haben sich 30 Minuten als passend erwiesen. Das erlaubt es den Teilnehmenden, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und ermöglicht mehrere Gesprächsrunden.

Bild von Steve Cliff auf Pixabay

#2 Akquise Expert:innen und Räumlichkeiten

Bevor ihr mit der Bewerbung der Veranstaltung beginnt, solltet ihr bereits ein paar Expert:innen für eure Gespräche gewonnen haben. Eine gute Faustregel: Der Expert:innen-Anteil an der gesamten Teilnehmendenzahl sollte bei 10-20% liegen, damit tatsächliche Marktatmosphäre entsteht.

Um thematische Vielfalt zu erzielen, teilt gedanklich euer Oberthema in Teilthemen oder Blickwinkel auf und versucht, für all diese passende Expert:innen zur Veranstaltung einzuladen. Es muss nicht immer Prof. Dr. X sein, der als Experte auftritt. Eine betroffene Person, die mit einem Aspekt des Themas Erfahrungen gemacht hat oder ein passendes Hobby hat, ist ebenso mitgedacht. Der Schwarzmarkt gibt ihrem Wissen Raum.

Nun zu den Räumlichkeiten. Ihr benötigt entsprechend eurer geplanten Teilnehmendenzahl einen großen Raum, welcher genügend Platz bietet für einzelne Tische für die parallelen Gesprächsrunden samt umstehenden Zuhörer:innen. Es ist gut, wenn ihr im selben Raum auch die gemeinsame Einführung und den Tickethandel (Step 4) durchführen könnt. Für den Raum braucht ihr entsprechend viele kleinere Tische mit zwei Stühlen und Wand-, Projektions- oder Stellflächen, an denen der Ablaufplan veröffentlicht wird.

#3 Den Ablaufplan erstellen

Anders als bei einem Barcamp müsst ihr schon vor Veranstaltungsbeginn einen klaren Ablaufplan haben. Das Herzstück ist euer Gesprächsraster.

Diese Elemente gehören typischerweise zum Ablauf eines Schwarzmarkts:

  1. Begrüßung und Erklärung der Methodik
  2. Je nach Größe: Vorstellung der Expert:innen und ihrer Themengebiete
  3. Ausgabe der Tickets für die Gespräche
  4. Tickethandel unter den Teilnehmenden
  5. Durchführung mehrerer Gesprächsrunden
  6. Offenes Netzwerken

Für euer Gesprächsraster baut ihr einen simplen Stundenplan. Ein:e Expert:in kann über mehrere Runden an einem Tisch sitzen, ihr könnt aber auch jede Runde oder einzelne Runden neu besetzen – dabei kommt es darauf an, wie viele Expert:innen ihr gewinnen konntet und ob sie selbst noch als Teilnehmende den Schwarzmarkt besuchen wollen.

#4 Teilnehmende gewinnen und Expert:innen briefen

Nun habt ihr ziemlich viele inhaltliche (und methodische) Argumente, um in die aktive Ansprache von potentiellen Teilnehmer:innen zu gehen. Gerade für Social Media sind diese vielen kleinen Infohappen mit verschiedenen Personen gefundenes Futter! Zugleich sind eure Expert:innen ja ebenfalls Teilnehmende – ermuntert sie, auch ihre Kontakte einzuladen!

Mit einer Einladung zum Wissens-Schwarzmarkt können sicher nur wenige etwas anfangen. Erklärt also in eurem Einladungsschreiben kurz die Methodik und ihre Vorteile. Eure Expert:innen brauchen vorab ebenfalls noch ein kurzes Briefing.

Die wichtigsten Punkte für das Briefing der Expert:innen

  • Natürlich sollten die Expert:innen genau wissen – am besten auf einem kleinen Handzettel – wann und wo der Schwarzmarkt stattfindet, wie sie die Organisator:innen erreichen können und wann sie an welchem Tisch gefragt sind.
  • Informiert, wie viel Zeit sie für das Anpreisen ihres Schwarzmarktgesprächs haben und in welcher Form dieses stattfindet.
  • Weist darauf hin, dass das Gespräch zwischen den jeweiligen Ticketinhaber:innen und den Expert:innen stattfindet. Wenn sich Zuhörer:innen zu stark einmischen, sollten die Expert:innen dies noch einmal thematisieren.
  • Eine Runde endet nach der abgesprochenen Zeit bzw. beim vereinbarten Signalton. Denn ein gleichzeitiges und rasches Neusortieren in der kurzen Pause ist wichtig, damit alles klappt. Für alles Weitere gibt es das offene Netzwerken am Schluss.

#5 Ticketkontingent und Ausgabe

Da es um einen Schwarzmarkt geht, sind die Waren (=Gesprächsplätze) natürlich begrenzt. Daher werden Tickets erstellt, je eines pro Runde und Gespräch. Diese müsst ihr im Vorfeld produzieren. Wichtige Informationen auf ihnen sind: Rundennummer, Tisch, Name des oder der Expert:in.

Methodisch müsst ihr euch nun überlegen, wie ihr die Tickets unter die Menschen bringt. Es gibt nämlich verschiedene Möglichkeiten. Eine ist, dass die Tickets gleich bei der Anmeldung per Zufallsprinzip an die Ankommenden verteilt werden. Möglichkeit zwei ist, dass ihr als Organisator:innen die Tickets während des Auftakts wahllos an die Leute verteilt, unter Sitzplätze klebt etc.

Wie auch immer ihr die Tickets zu Beginn verteilen wollt: In der Phase des Tickethandels haben alle noch einmal die Chance, ein Ticket zu bekommen, ihres loszuwerden oder tauschen. Der Gewinn dieser Phase: Die Teilnehmenden kommen miteinander ins Gespräch. Dies kann eine unstrukturierte Phase sein, in der sich die Menschen frei unterhalten, oder es gibt eine Ecke im Raum zum Ticket suchen und eine zum Ticket anbieten – eurer Phantasie sind keine Grenzen gesetzt.

Bild von Igor Ovsyannykov auf Pixabay

Zwischencheck

Bevor eure Veranstaltung losgeht, solltet ihr die folgenden Materialien vorbereitet haben:

  • Großer Übersichtsplan der Gespräche und der weiteren Programmpunkte als Aushang und/ oder Handzettel für alle
  • Tickets für alle Runden und Tische
  • Gut sichtbare Tischnummerierung
  • Feedbackbögen oder eine Feedbackmethode für die Gesamtveranstaltung vorbereiten

Außerdem könnte euch vor Ort das hier helfen:

  • Mikrofon-Anlage, um im Menschengewirr als Moderation Gehör zu bekommen
  • Gong/Akustisches Signal, um Ende und Beginn der Runden kenntlich zu machen

Die Dokumentation

  • In welcher Form wollt ihr euren Schwarzmarkt dokumentieren?
  • Habt ihr an das Einholen einer Fotoerlaubnis bei den Teilnehmenden gedacht?

#6 Veranstaltung, Dokumentation und Feedback

Der große Tag ist da. Euer Raum ist vorbereitet. Ihr verteilt die Tickets, begrüßt und erklärt die Methode. Nun bekommen die Expert:innen Raum, ihre Schwarzmarktsessions anzupreisen. Damit sind alle neugierig geworden und der Tickethandel kann beginnen. Am Ende der vorgesehen Zeit gebt ihr ein Zeichen und bittet die Expert:innen der ersten Runde und die Ticketinhaber:innen, an ihrem Tisch Platz zu nehmen. Alle anderen dürfen sich leise zu einem Tisch ihrer Wahl dazustellen, um zuzuhören.

Mit dem Start der ersten Gesprächsrunde läuft das Programm weitestgehend autonom ab, unterbrochen jeweils vom Hinweis, dass die jeweilige Gesprächsrunde beendet ist und eine neue in beginnt. Ein offener Ausklang – vielleicht mit Snacks und Getränken – bildet das ideale Ende für einen Schwarzmarkt. Hier können Gespräche zuende gebracht oder von Zuhörer:innen weitergeführt werden. Außerdem wird natürlich genetzwerkt.

Warum einen Schwarzmarkt organisieren?

Der Schwarzmarkt ermöglicht auf verschiedene Weise das, was bei anderen Veranstaltungen nicht immer funktioniert. Die Personen, die ein Ticket für ein Gespräch ergattern, haben 30 Minuten Zeit für ein intensives Fachgespräch auf Augenhöhe, für das sonst selten Zeit ist. Menschen ohne Ticket („Schwarzhörer:innen), die sich für neue Themen interessieren, aber (noch) nicht selbst im Mittelpunkt stehen wollen, dürfen einfach zuhören und lernen. Der Übergang von Expert:innen und Gesprächspartner:innen ist bei diesem Format fließend. Wer in einem Zeitslot noch sein Thema angeboten hat, steht in der Folgerunde vllt. unter den schweigenden Zuhörenden oder bringt seine Expertise als Tischgast ein.

Das Format ist etwas aufwändiger als einige andere Peer-to-Peer-Formate. Viele Expert:innen müssen gefunden und betreut werden, Materialien erstellt werden und der Raum eingerichtet werden etc. – aber es lohnt sich!

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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/ 
Autorin: Friederike Petersen für so-geht-digital.de
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