10 Vorschläge für mehr soziale Präsenz bei Onlinekonferenzen

Wissensvermittlung klappt in Online-Veranstaltungen gut. Soziale Interaktion und ein Miteinander-Gefühl aufzubauen, ist digital aber noch immer schwierig – sind Teilnehmende doch weniger präsent als in analogen Kontexten. Die Bildungswissenschaftlerin Nele Hirsch vom eBildungslabor hat 10 Tipps, wie man auch online Präsenz, Interaktion und aktive Teilnahme ermöglicht.

Foto einer Frau in einer Onlinekonferenz, das sinnbildlich für soziale Präsenz steht.

Für das Multimedia Kontor Hamburg (MMKH) habe ich ein Video zum Thema “Soziale Präsenz in Online-Meetings” aufgezeichnet. Ausgangspunkt meiner Vorstellung war die These, dass soziale Präsenz in Online-Meetings anders funktioniert als an physischen Orten (aber nicht nicht vorhanden ist). Und dass die Gestaltung sozialer Präsenz in Online-Meetings für uns alle ein Lernprozess ist, da es häufig noch an sozialen Praktiken fehlt.

An den Input schloss sich bei der Veranstaltung eine rege Diskussion an, so dass ich zu den im Video vorgestellten Vorschlägen im Folgenden direkt noch einige Ergänzungen hinzufügen kann. Hier kommen somit zusammengefasst 10 Erfahrungen von mir (ergänzt um die Ideen der Teilnehmenden) für mehr soziale Präsenz in Online-Meetings.

1. Transparenz herstellen

Je transparenter ein Lernangebot im Vorfeld angekündigt wird, umso besser. Denn oftmals kommt das Gefühl ‘Ich bin hier online ganz alleine’ nur daher, dass Menschen mit unterschiedlichen Erwartungen zusammenkommen.

Zum Beispiel: Person A möchte nur nebenher mal in eine Videokonferenz reinschauen, weiß aber noch nicht, ob das Thema für sie wirklich relevant ist. Die Videokonferenz ist aber als aktiver Austauschraum vorbereitet – und da auch viele andere wie Person A keine aktive Beteiligung eingeplant haben, versucht die lehrende Person immer verzweifelter, die ‘schwarzen Kacheln’ zum Reden zu bewegen. Es entsteht der Eindruck: Austausch funktioniert online nicht! Oder auch: Person B freut sich auf ganz viel Austausch, aber die Videokonferenz beginnt mit einem 30 minütigen Input. Bis Person B dann endlich selbst mal zum Reden kommt, ist sie schon maximal genervt.

Was in solchen Fällen hilft, ist dass alle Beteiligten vorher wissen, was geplant ist, was sie erwartet und was von ihnen erwartet wird.

2. Interaktionen ermöglichen

Im Interesse von mehr sozialer Präsenz lohnt es sich meiner Erfahrung nach sehr, Teilnehmende zu ermutigen, den Chat aktiv zu nutzen – oder ihn auch selbst als zweite Ebene der Kommunikation aktiv einzubinden. Gut gefallen hat mir während der Veranstaltung der Tipp, als lehrende Person schon einige vorbereitete Chat-Nachrichten zur Hand zu haben, die man dann bei Bedarf und wenn es passt nur noch in den Chat reinzukopieren braucht.

Wunderbar in Hinblick auf niederschwellige Interaktion finde ich neben dem Chat außerdem die Möglichkeit eines kollaborativen Whiteboards, wie es insbesondere in BigBlueButton sehr einfach für alle zur Verfügung steht. Hier können kleine Spiele mit kollaborativer Orientierung durchgeführt werden oder auch sehr einfach Gruppenbildungen vorgenommen werden. Dort haben Teilnehmende selbst die Hoheit darüber, mit wem sie in einer Gruppe sind – und können so gemeinsam dafür sorgen, dass alle Gruppen ungefähr gleichmäßig groß sind..

Wer Mentimeter nutzt, hat hier zahlreiche Interaktionsmöglichkeiten in Form von Abstimmungen. Zudem gibt es die Möglichkeit, so genannte ‘Instant Kommentare’ zu aktivieren. Auf diese Weise können – ähnlich wie in einem Live-Video – Teilnehmende direkt Kommentare posten oder auch Emojis senden, die dann für alle sichtbar für einige Sekunden über die Präsentation eingeblendet werden.

3. Moderation / Verantwortung abgeben

Soziale Präsenz entsteht vor allem dann, wenn man gemeinsam etwas gestaltet. Wenn sich eine lehrende Person in einer Videokonferenz um alles selbst kümmert, wird das aber eher verhindert. Sehr hilfreich sind stattdessen Fragen wie: Wer würde sich um den Chat kümmern? Wer passt auf, dass wir rechtzeitig eine Pause machen? Wer führt eine Redeliste? Auch Moderationsmethoden mit ‘Redestab-Weitergabe’ sind eine gute Sache. Dann muss nicht immer eine Person intervenieren und anderen das Wort erteilen, sondern die Gruppe gibt den ‘virtuellen’ Redestab sich selbst weiter.

Auch darüber hinaus ist es immer eine gute Idee, Verantwortung abzugeben und die Gruppe gemeinsam entscheiden zu lassen, wie die Videokonferenz gestaltet werden soll: Wieviele Pausen brauchen wir? Wie gehen wir damit um, dass nicht-aktive Teilnehmende mit dabei sind? Sollen wir eine Redezeitbegrenzung festlegen?

4. Teilnehmende vernetzen

Soziale Präsenz entsteht vor allem auch dann, wenn man sich bewusst mit Mitlernenden beschäftigt. Darauf kann man mithilfe von Moderationsmethoden als lehrende Person gezielt hinlenken. Ich mag Methoden, die die Teilnehmenden dazu auffordern, sich etwas in Hinblick auf andere Mitlernende zu überlegen. Gute Erfahrungen habe ich unter anderem mit den folgenden Methoden gemacht:

  • Vernetzte Vorstellung: Ich bin A und gebe weiter an B, mit dem/der ich gemeinsam habe, dass…
  • Gruppenbefragung: Ich würde von B gerne wissen, ob…
  • P2P-Lernen zum Abschluss: Ich könnte B bei ihrem Vorhaben insofern helfen, als dass ich…

Bei einmaligen Lernangeboten habe ich die Idee kennengelernt, dass man als lehrende Person kurz vor Schluss in den Chat folgende Aufforderung packt: “Wer in dieser Gruppe weiter vernetzt bleiben will, trägt bitte ihre/seine Kontaktdaten in den Chat ein. Die vollständige Liste wird anschließend von mir an alle, die eine Kontaktmöglichkeit eingetragen haben, weitergegeben.”

5. Input (und Austausch) flippen

Nach gut einem Jahr Online-Lehrerfahrungen hat es sich herumgesprochen, dass längerer Input in Online-Meetings nicht unbedingt eine gute Idee ist, sondern dass Teilnehmende oft besser und flexibler lernen können, wenn der Input vorab zur Verfügung steht – und die Zeit der Videokonferenz dann für Austausch genutzt werden kann. Gerade auch in Bezug auf soziale Präsenz ist das entscheidend. Denn wenn es qualitativ kaum einen Unterschied macht, ob ich mir alleine ein Youtube-Video anschaue oder einer Präsentation in einer Videokonferenz folge, dann werde ich in der Videokonferenz von der sozialen Präsenz anderer kaum etwas spüren.

Auch Austausch kann bereits geflipped werden. Die einfachste Form ist für mich immer noch, ein Etherpad einzurichten, die behandelten Themen dort als Grobgliederung einzutragen und den Link mit der Lerngruppe zu teilen.

6. ‘Aufrunden’

Wenn ich an einem physischen Ort mit anderen lerne, dann fallen Pausen- und Austauschzeiten oft zusammen: Man macht sich gemeinsam auf den Weg zur Toilette, man steht gemeinsam für einen Kaffee an, man geht gemeinsam kurz raus, um frische Luft zu schnappen. Im Online-Kontext sind wir bei der Erfüllung solcher und anderer individueller Bedürfnisse weg vom Rechner und damit weg von der Gruppe. Hinzu kommt außerdem, dass auf viele im HomeOffice mit Kindern, Haustieren, Haushalt, etc. weitere und zusäzliche Anforderungen warten.

Wenn man vor diesem Hintergrund, die aus physischen Lernkontexten übliche Pausenzeit als Maßstab anlegt, fällt der soziale Austausch weg. Pausen ermöglichen dann nur die individuelle Bedürfnisbefriedigung – nicht aber den sozialen Austausch. Nötig ist es deshalb, zeitlich ‘aufzurunden”. Das bedeutet: Neben der individuellen Bedürfnisbefriedigungspause braucht es zusätzlich eine ‘Austausch- und Quatsch-Pause’, wenn Raum für soziale Präsenz da sein soll.

7. Hybridität anerkennen

Zum oben geschilderten ‘Aufrunden’ passt auch, dass man anerkennt, dass Lernende sich beim Lernen in einer Videokonferenz immer auch zugleich an einem physischen Ort befinden. Soziale Präsenz kann auch dadurch entstehen, dass dieser physische Raum mitberücksichtigt und (soweit von den Beteiligten gewünscht) auch sichtbar gemacht wird. Ganz einfache Übungen sind in diesem Sinne, dass etwas vor die Kamera geholt, dass kurz mal der virtuelle Hintergrund ausgestellt oder dass etwas gemalt/gebastelt und dann in die Kamera gehalten wird. Einige Teilnehmenden berichteten auch von guten Erfahrungen mit ‘P2P Spaziergängen’, d.h. dass man mit dem Handy spazieren geht – und dabei andere Interessierte ‘mitnimmt’.

8. Räume für Austausch schaffen

Oben war schon von Interaktion via Chat, Whiteboard oder Abstimmungstool die Rede. Am besten für die soziale Präsenz ist es aber meist, dass Menschen einfach direkt miteinander ins Reden kommen. Hierzu eignen sich BreakOut-Räume mit Aufgaben für die Gruppe (und gerne ‘Luft nach hinten’ im Sinne von ‘Entscheidet selbst, ab wann ihr dann Pause machen wollt’). Wenn man BreakOut-Räume einrichtet – und nicht Teilnehmende sich selbst zuteilen lässt – dann habe ich gute Erfahrungen gemacht, anstelle eines Paar-Interviews besser Dreier-Konstellationen zu wählen. Denn es kann immer mal sein, dass sich zwei Personen wirklich fast gar nichts zu sagen haben – und eine Dreier-Konstellation für mehr Auflockerung sorgt.

9. Abwechslung ermöglichen

Auch die tollste Methode verliert ihren Reiz, wenn ich ihr wieder und wieder begegne. Mein Eindruck ist, dass sich Methoden im Online-Kontext sogar noch ein bisschen schneller ‘abnutzen’ als an physischen Orten. Denn oft ist es das Überraschende / das Unvorhergesehene, das Menschen näher zueinander bringt, weil sie dadurch aufmerken, nachdenken und ihre Reaktionen teilen. Gerade bei der Gestaltung von Online-Meetings mit Interesse an mehr sozialer Präsenz ist Abwechslung und Methodenvielfalt deshalb immer eine gute Idee.

10. Internetquatsch nutzen

Eng verbunden mit Abwechslung ist die Herausforderung, Lernangebote freundlich und lachend zu gestalten. Wenn z.B. in der Ankommenszeit vor einem Meeting die Teilnehmenden einen QR-Code für einen akustischen Waldspaziergang erhalten, dann starten nachher alle entspannter, fröhlicher – und vor allem mit einem verbindenden Erfahrungshintergrund – über den sie sich gemeinsam austauschen können. Um in diesem Sinne Ideen und Anregungen zu bieten, habe ich am die Website Internetquatsch gestartet. Dort findest Du jede Menge Vorschläge für Erkundungen, Experimente oder einfach Spielereien. Beim Stöbern und Erkunden wünsche ich Dir viel Freude!

Dieser Artikel wurde von Nele Hirsch im Blog des eBildungslabor am 16. März 2021 erstveröffentlicht. Das Angebot des eBildungslabor richtet sich an alle, die zeitgemäße Bildung realisieren möchten. Zielgruppe sind sowohl Bildungsinstitutionen als auch Organisationen der Zivilgesellschaft. Wer mehr erfahren möchte, kann sich hier umschauen.

Creative Commons Lizenzvertrag

Der Artikel steht unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz.

Mehr zum Thema

Du hast den Artikel zu Ende gelesen. Bewerte jetzt wie er dirgefallen hat
[Total: 0 Durchschnitt: 0]

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Mehr Beiträge aus dem Magazin

D3 – so geht digital ist ein Projekt der     gefördert durch