ArbeiterKind.de: „Wir sind jetzt inklusiver“

Wie gestaltet sich Engagement, das vor allem in Schulen und Hochschulen stattfindet, wenn alle Bildungsinstitutionen geschlossen sind? Es setzt auf Altbewährtes (das Telefon) und entdeckt Neues (den virtuellen Raum), hält Anna-Katharina Friedrich, die bei ArbeiterKind.de für das strategische Ehrenamtsmanagement zuständig ist, im Gespräch mit Imke Bredehöft fest.

Foto eines Laptops, der auf einem Tisch steht und in dem eine Zoom-Konferenz stattfindet.
Foto von Imke Bredehöft von KOMBÜSE.

Keine Frage: Digital dazugelernt haben wir wohl alle im Corona-Jahr. In unserer Artikelserie zu (digitalen) Pandemie-Spuren blickt Imke Bredehöft von der KOMBÜSE – Kommunikationsbüro für Social Entrepreneurship in die Praxis zivilgesellschaftlicher Organisationen während der Krise, fragt nach, wie sich ihre Wirkung auch digital entfalten ließ und welche digitalen Ansätze (auch über die Pandemie hinaus) gekommen sind um zu bleiben.

Imke Bredehöft: Die ehrenamtlich Engagierten von ArbeiterKind.de helfen Schülerinnen und Schülern aus Arbeiterfamilien bei der Entscheidung für oder gegen ein Studium, sie unterstützen Studierende, die aus keiner Akademikerfamilie kommen während des Studiums und beim Berufseinstieg. Die Wirkungsorte dafür, Schulen und Hochschulen, waren weitestgehend seit März 2020 geschlossen. Hieß das Stillstand für eure Arbeit?

Anna-Katharina Friedrich: Abseits von unserer Online-Plattform ist unser Engagement in der Tat sehr auf Präsenz und persönlichen Kontakt ausgelegt. Neben Schulen und Hochschulen besuchen wir normalerweise auch Messen. Auch unsere 80 lokalen Gruppen treffen sich regelmäßig vor allem in Cafés oder Lokalen. Durch den Lockdown ist uns quasi unsere komplette Infrastruktur dafür weggebrochen. Allein 2020 mussten wir 145 Info-Veranstaltungen für Schülerinnen und Schüler absagen und 150 Messestände sind weggefallen. Deshalb mussten wir uns neu aufstellen.

Foto von Anna-Katharina Friedrich von ArbeiterKind.de

Anna-Katharina Friedrich ist für das Strategische Ehrenamtsmanagement bei ArbeiterKind.de zuständig – einer Initiative, die seit 2008 Schüler:innen aus Familien ohne Hochschulerfahrung dazu ermutigt, als Erste in ihrer Familie zu studieren. Überzeugt davon, dass Engagement gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht, liegt Anna-Katharina insbesondere die Förderung von unterrepräsentierten Gruppen im Ehrenamt am Herzen. Ihr Lieblingstool des letzten Jahres: Mentimeter und die Einbindung von Wortwolken in Online-Workshops.

Wie habt ihr reagiert?

Vor allem unsere Engagierten haben reagiert! Trotz des Lockdowns und obwohl viele selbst hart von der Pandemie getroffen waren, wollte sich unsere Community weiter für Bildungsgerechtigkeit einsetzen und weiter da sein für die Schülerinnen und Schüler. Unsere Ehrenamtlichen haben dafür ihr Engagement superschnell in den digitalen Raum verlagert. Anstatt ins Lokal zu gehen, trafen sich die Gruppen online, Info-Veranstaltungen wurden digital angeboten und ganz viele lokale Gruppen haben zudem ihre Social-Media-Aktivitäten zum Beispiel auf Instagram extrem ausgebaut.

Was war eure Aufgabe dabei?

Wir sind auf die veränderten Bedarfe unserer Community eingegangen. Wir haben digitale „Get-together“ organisiert, unser Webinarangebot ausgebaut und beispielsweise auch verschiedene Konferenztools ausprobiert, um Empfehlungen aussprechen zu können. Vor allem aber haben wir die Engagierten ermutigt, sich auszuprobieren und haben ihnen viel freie Hand gelassen, statt Dinge vorzugeben. Dafür haben wir die Gruppen auch untereinander vernetzt, so dass sie sich gegenseitig Tipps geben konnten. Als hauptamtlich Tätige bestand unsere Aufgabe darin, die Engagierten bestmöglich zu unterstützen, für sie da zu sein und neue Ideen und Impulse zu geben.

Wie sind die veränderten Angebote bei eurer Zielgruppe angekommen?

Es war sehr viel schwieriger die Schülerinnen und Schüler zu erreichen. Normalerweise arbeiten wir eng mit den Schulen vor Ort zusammen, aber die waren selbst mit der Umstellung auf den digitalen Unterricht beschäftigt und dadurch nicht ansprechbar. Hinweise auf unsere digitalen Angebote haben die Schülerinnen und Schüler deshalb über den Kanal Schule nur selten erreicht. Das war für uns eine große Herausforderung, denn trotz Lockdowns stand für viele Jugendliche ja auch im Corona-Jahr die Entscheidung an, was sie nach dem Abi machen wollen. Dabei wollten wir sie nicht im Stich lassen.

Wie habt ihr das Problem gelöst?

Wir haben im Sommer 2020 drei bundesweite Online-Veranstaltungen für Schülerinnen und Schüler angeboten. Dafür mussten wir gemeinsam mit den Ehrenamtlichen erst einmal erarbeiten, wie wir unsere Inhalte von Präsenzveranstaltungen in den digitalen Raum übertragen bekommen. Wie lassen sich die Themen auch online vermitteln, ohne zu langweilen? Kann man mit Quizformaten arbeiten? Wie viele Breakout-Rooms brauchen wir? Da sind sehr unterschiedliche Konzepte entstanden, je nachdem, wie viele Teilnehmende erwartet wurden und ob wir uns an die Oberstufe oder beispielsweise an FSJler richteten. Wir mussten uns erst einmal ausprobieren, sind aber mit der Zeit immer besser geworden. Vor der Pandemie hatten wir das noch nie gemacht – online. Das war für uns wirklich ein großer Schritt.

Ein Schritt, der sich bewährt hat?

Wir sind durch diesen Schritt inklusiver geworden! Wir haben durch dieses Format viel mehr Schülerinnen und Schüler oder Interessierte im ländlichen Raum erreicht und damit nochmal eine neue Zielgruppe jenseits von den Hochschulstädten, in denen wir sonst aktiv sind. Wir hatten zudem den Eindruck, dass die Schulen im ländlichen Raum, die wir angeschrieben hatten, viel eher auf unsere Veranstaltungen hingewiesen haben, da es dort einfach viel weniger Angebote gibt – ganz unabhängig von Corona. Berufsorientierung oder Studienorientierung konzentriert sich meisten auf die großen Städte.

Konnten auch neue Engagierte aus dem ländlichen Raum dazu gewonnen werden?

Die digitalen Formate haben auch für einige Engagierte mehr Teilhabe ermöglicht – nicht nur im ländlichen Raum. Wir haben zum Beispiel einen stark mobil eingeschränkten Engagierten, der sich nie so richtig engagieren konnte. In die Schule zu kommen war für ihn schwierig oder das Lokal, wo die offenen Treffen stattgefunden haben, war nicht barrierefrei.

Jetzt haben sich tolle neue Möglichkeiten ergeben: Er kann sich jetzt ganz anders beteiligen und engagieren. Das war übrigens einer der größten Aha-Momente für mich im vergangenen Jahr!

Das heißt, durch die digitalen Formate konntet ihr mehr Engagierte einbinden?

Teils, teils. Wir haben auch Leute verloren. Weil das Digitale vielleicht nicht das ist, was ihnen liegt oder ihnen Freude bereitet. Wir haben aber auch viele neue Engagierte gewonnen. In Bayern sind vier neue Gruppen entstanden. Darüber freuen wir uns sehr. Ich denke, während sich einige im letzten Jahr zurückgezogen haben, hatten andere dafür mehr Kapazitäten: Berufstätige oder Familien, die aus zeitlichen oder organisatorischen Gründen nicht bei Präsenzterminen unter der Woche oder am Abend dabei sein konnten. Digital war es ihnen aber möglich. Auch Engagierte im Ausland sind dazu gekommen. Eine sehr aktive Gruppe aus Brüssel bietet beispielsweise jetzt Webinare an, in denen sie die Arbeit in der Europäischen Union vorstellt und Tipps für Praktika oder den Berufseinstieg dort gibt.

Immer wieder hat man in den Medien lesen können, dass die digitale Bildung die Chancenungleichheit verstärkt und nicht alle Kinder mitgenommen werden können. Welche Erfahrungen habt ihr gemacht?

Die Chancenungleichheit sehen wir auch und das hat die Pandemie noch einmal betont. Kinder aus benachteiligten Familien haben weniger Rückzugsmöglichkeiten, auch entsprechende mobile Endgeräte fehlen. Um auch diesen Kindern ein Angebot zu machen, haben wir im Sommer eine „Zettel-Aktion“ gestartet: Bei Anruf Studium! Damit haben wir unser Infotelefon publik gemacht. Das haben wir schon ziemlich lange. Studieninteressierte, Ratsuchende oder Eltern können einfach anrufen und ihre Fragen stellen. Wir haben unser gesamtes Netzwerk eingespannt und gebeten, die Zettel mit dem Aufruf in Supermärkten oder im öffentlichen Raum aufzuhängen. Das hat gut geklappt!

Haben viele das Angebot angenommen und angerufen?

Wir hatten schon mehr Anrufe als sonst. Aber natürlich melden sich hier nur Menschen, die schon mit dem Gedanken spielen, ein Studium zu beginnen. Deshalb kann meiner Meinung nach den Gang in die Klasse nichts ersetzen, denn dort erreichen wir alle. Auch die, die vor der Begegnung mit uns überhaupt noch nie über ein Studium nachgedacht haben. Die können wir weder mit solch einer Zettel-Aktion noch mit freiwilligen Digital-Angeboten erreichen.

Also nach der Pandemie, besser alles wieder so wie vorher? Oder werdet ihr einige Formate beibehalten?

Die ersten Präsenz-Anfragen kommen gerade schon wieder rein. Und das freut uns und vor allem viele Ehrenamtliche auch sehr. Die Lust auf echte Kontakte ist groß. Die Stimmung vor Ort ist einfach was anderes. Was wir aber aktuell tun, ist zu überlegen, wie wir zukünftig digital und analog gut miteinander kombinieren können.

Auf was wollt ihr nicht mehr verzichten?

Mit unserem Format Blind-Match (siehe Anleitung weiter unten), in dem sich in Videokonferenzen immer zwei Lokalgruppen zufällig in Breakout-Rooms getroffen haben, haben wir sehr gute Erfahrungen gemacht. Ich kann mir gut vorstellen, dass wir das beibehalten. Die Engagierten haben es sehr geschätzt, sich mit anderen, die die gleichen Ziele verfolgen, auszutauschen und voneinander zu lernen. Und auch die Engagierten im ländlichen Raum können wir durch die digitalen Angebote zukünftig viel besser in die ArbeiterKind.de-Community hereinholen. Gleiches gilt für die Online-Infoveranstaltungen für Schülerinnen und Schüler im ländlichen Raum. Diese Erweiterung unseres Wirkungsradius wollen wir nicht wieder aufgeben.

Als Ergänzung und Verbesserung unseres klassischen Angebots konzipieren wir gerade eine eigene ArbeiterKind.de-App, um den Matching-Prozess zwischen Ratsuchenden und Ratgebenden zu erleichtern und zu beschleunigen. Das hatten wir schon vor Corona überlegt, sind aktuell aber noch im Entwicklungsprozess.

Bildschirmfoto eines Zoom-Blind Matches von Arbeiterkind.de.

Check-Box: Die Organisation eines Blind Match für die Vernetzung von lokalen Gruppen

Der Name „Blind Match“ ist angelehnt an „Blind Date“ da die Begegnungen an dem Abend per Zufall ausgelost werden und die Gruppen nicht wissen, auf welche andere Gruppe sie virtuell treffen. ArbeiterKind.de hat dieses digitale Format entwickelt, um Ehrenamtliche oder lokale Gruppe aus unterschiedlichen Regionen in Kontakt zu bringen. 

1.  EINLADUNG: Circa vier Wochen vor dem Veranstaltungstermin die lokalen Gruppen einladen und um Anmeldung zum Event bitten. Die Uhrzeit und Dauer sollten Verpflichtungen wie Job, Uni, Familienabendessen, Kinderbetreuung berücksichtigen, deshalb bietet sich ein Start nach 19 Uhr an und das Blind Match sollte nicht länger als zwei Stunden dauern. 

2. ERINNERUNG: Gerade bei kostenlose Veranstaltungen macht es Sinn, noch einmal an den Termin zu erinnern. Eine Woche vor der Veranstaltung kann bereits der Link zum Videokonferenzraum verschickt werden. Eine weitere Erinnerung am Tag der Veranstaltung ist nicht zu viel. 

3. ABLAUF: Das Blind Match startet mit allen Teilnehmenden gemeinsam mit einem lockeren Austausch (ca. 30 Minuten). Danach werden die Gruppen zufällig in Begegnungsräume gelost (bei Zoom z.B. automatische Zuteilung in Breakout-Sessions). Anschließend gemeinsamer Abschluss und Erfahrungsaustausch (ca. 15-30 Minuten). Variante: Themenräume werden geöffnet zu bestimmten Fragestellungen und die Gruppen können flexibel wechseln.

4. IMPULSE: Die eigentlichen Blind Matches dauern ca. eine Stunde. Als Gesprächsstoff können schon mögliche Themen und Fragestellungen mit in die Sessions gegeben werden.

5. NACHHALTEN: Gruppen ermutigen, auch nach der Veranstaltung in Kontakt zu bleiben, sich vielleicht erneut zu verabreden, Fotos von dem Austausch für Social Media zu nutzen und einander gegenseitig zu verlinken, um die Gruppe bekannter zu machen.

Wie fällt dein Fazit zu diesem außergewöhnlichen Jahr bei ArbeiterKind.de aus?

Wir haben viel dazu gelernt und sind vielleicht nochmal offener für neue Wege. Wir haben für uns intern das Potenzial des Online-Engagements entdeckt und rücken es jetzt stärker in den Fokus. Corona hat das definitiv beschleunigt, aber schon vorher war klar, dass wir in einer immer stärker digitalisierten Welt leben. Ich denke, wenn man es schafft, Präsenz- und digitale Angebote gut zusammenzubringen, dann liegt darin eine große Chance.  

Anna-Katharina, vielen Dank für das Gespräch!

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