Neuland gewinnen e.V.: Nicht alles Digitale funktioniert auf dem Land – aber vieles

Neuland gewinnen e.V. vernetzt Gestalter:innen auf dem Land, ist Sprachrohr für ihre Belange und unterstützt engagierte Menschen, den ländlichen Raum neu zu gestalten. Wie das während Corona gelang und wie die Zusammenarbeit über mehrere Bundesländer hinweg funktioniert, haben Babette Scurrell und Claudia Stauß, Mitglieder des Vereinsvorstands, Imke Bredehöft im Interview erzählt.

Foto vom Überland-Festival in Görlitz des Neuland gewinnen e.V. Im Hintergrund ist ein großes Steingebäude zu sehen, im Vordergrund der Schriftzug "Neuland".

Imke Bredehöft: Der ländliche Raum und die digitale Infrastruktur. Eine komplizierte Beziehung. Allen voran der Breitbandausbau. Wie lief es während Corona?

Babette: Über den Protokollen unserer Vorstandssitzungen steht jetzt nicht mehr Telko, sondern Viko. Wir haben Zoom für uns entdeckt und würden die Videokonferenzen nicht mehr gegen die Telefonkonferenzen eintauschen wollen – dafür hat das digitale Netz auch gereicht. Anders sah das bei einer Konferenz aus, für die sich die Organisator:innen ein digitales Dorf mit Avataren ausgedacht haben. So etwas kann man im ländlichen Raum nicht machen, wo die Leitungen zu schwach sind. Nachdem wir kleine Bildchen hin und her schieben sollten, um uns von einem virtuellen Ort zum nächsten zu bewegen, waren die Leitungen komplett überfordert, da ging gar nichts mehr.

Foto von Imke Bredehöft von KOMBÜSE.

Keine Frage: Digital dazugelernt haben wir wohl alle im Corona-Jahr. In unserer Artikelserie zu (digitalen) Pandemie-Spuren blickt Imke Bredehöft von der KOMBÜSE – Kommunikationsbüro für Social Entrepreneurship in die Praxis zivilgesellschaftlicher Organisationen während der Krise, fragt nach, wie sich ihre Wirkung auch digital entfalten ließ und welche digitalen Ansätze (auch über die Pandemie hinaus) gekommen sind um zu bleiben.

Foto von babette Scurell von Neuland gewinnen e.V.

Babette Scurrell ist seit 2014 Mentorin im Programm Neulandgewinner. 2017 war sie Mitbegründerin des Neuland gewinnen e. V. und ist seitdem auch Vorstandsmitglied. Nach acht Jahren Zusammenarbeit mit den Neulandgewinner:innen geht es ihr vor allem darum, der wachsende Anzahl an Ideen zu mehr politischer Sichtbarkeit und Gestaltungskraft zu verhelfen.

Foto von Claudia Stauss von Neuland gewinnen e.V.

Claudia Stauß war (und ist) Neulandgewinnerin in der zweiten Förderrunde, hat 2017 den Verein Neuland gewinnen e.V. mitgegründet, ist seit 2019 im Vorstand und seit November 2020 mit einer halben Stelle für den Verein tätig. Neben der Führung der Geschäftsstelle ist ihr Hauptanliegen die stetig wachsende Verknüpfung der Engagierten, regional und thematisch und die Sensibilisierung aller möglichen Partner aus Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft für das Potential dieser Menschen.

Abgesehen von digitalen Dörfern, wie hat das Vernetzen und das Zusammenbringen von Aktiven in den letzten Monaten geklappt? 

Claudia: Vernetzen geht in unserem Rahmen digital eigentlich sehr gut, wie wir in den letzten Monaten lernen konnten. Aber es wird auch ganz schnell irrsinnig mehr Arbeit, weil sich auf einmal alle ins Netz stürzen. Gefühlt haben wir im letzten halben Jahr an 120 Konferenzen teilgenommen. Das ist vielleicht etwas übertrieben, aber wirklich viele Initiativen, Vereine, Institutionen haben auf einmal zu den unterschiedlichsten Themen digitale Veranstaltungen organisiert. 

Babette: Es sind dadurch vielleicht sogar ein paar neue Vernetzungsoptionen dazugekommen. Eben weil die Konferenzen ins Netz verlegt wurden, haben wir mit Sicherheit an der einen oder anderen teilgenommen, zu der wir sonst nicht extra angereist wären. Zudem war in Sachsen-Anhalt Wahlkampf und der ländliche Raum ein großes Thema, da waren wir als Expert:innen gefragt. Das war toll und wir freuen uns, die Belange der Menschen im ländlichen Raum so stärker in den Fokus zu rücken. Gleichzeitig muss man sich vor diesem Überangebot aber auch schützen und lernen auch mal nein zu sagen, so wenig Aufwand die Teilnahme vermeintlich auch ist. 

Das klingt fast so, als funktioniere die Vernetzung digital sogar besser?

Babette: In der internen Vernetzung, also mit den Mitgliedern unseres Vereins, hat uns die Pandemie schon beeinträchtigt. Viele Neulandgewinner der aktuellen Förderrunde haben sich beispielswiese nach einem Jahr immer noch nicht kennengelernt. Wenn es doch mal Gelegenheit für ein echtes Aufeinandertreffen gab, haben sich daraus direkt Dinge entwickelt. Deshalb ist es uns ganz wichtig, dass sich auch diese Runden miteinander verweben, Nachbaraktivist:innen sich kennenlernen. Und das ist eben im Moment schwierig.

Zwar haben wir einen digitalen Stammtisch eingeführt, aber der hat nicht den gleichen Effekt. Letztens haben sich zwei Frauen beim zweiten Treffen erneut gefragt, worum es in ihren Projekten gehe. Das wäre nicht passiert, wenn sie sich analog begegnet wären. Die Inhalte von Videokonferenzen sind viel schneller vergessen. Mir geht es so, dass ich langsam anfange, Dinge zu verwechseln, was ich mit wem in welchem Meeting besprochen habe. Wenn man nur noch einen Bildschirm mit Gesichtern hat, fehlt einem die Zuordnung. 

Claudia: Es fehlen die anderen Sinnesbezüge, um Gespräche zu verorten und sich an sie zu erinnern. Wie war das Wetter an dem Tag, was hat man getrunken oder gegessen, wie war das Setting? Da ist ein großes Durcheinander im Kopf. 

Würdet ihr trotzdem sagen, die Digitalisierung ermöglicht bessere Verbindungen über größere Entfernungen hinweg, die anders als in der Stadt, auf dem Land ja oft gegeben sind?  

Claudia: Ich würde sagen ja. Aber alles in Maßen. Um es mit einem Spruch aus der Küche meiner Mutter auszudrücken: „Der beste Arzt ist jederzeit des Menschen eigene Mäßigkeit.“ Wenn ich das jetzt mal übersetze auf das Digitale und das Analoge: Man muss ein gutes Gleichgewicht finden. Dass sich der Vorstand jetzt aus dem Homeoffice heraus treffen kann, ist gut, allein schon aus Gründen unserer eigenen Nachhaltigkeitsbestrebungen. Aber das persönliche Gespräch ist durch eine Videokonferenz nicht zu ersetzen.

Babette: Auch die Erfahrung einer digitalen Mitgliederversammlung war sehr positiv. Als zentralen Anlaufpunkt für alle hatten wir uns immer in Berlin getroffen und dafür einen teuren Raum mieten müssen. Dieses Jahr haben wir uns einfach eingeloggt, nur einen Samstagvormittag investiert, statt eines halben Wochenendes. Das ersetzt keine richtige Klausur, in der über Strategien und Zukunftsvisionen gesprochen wird, aber für formale Abstimmung ist es ein großer Gewinn und erleichtert gerade bei Organisationen, deren Mitglieder weit verstreut sind, die Teilhabe ungemein. Was man allerdings braucht, sind vernünftige Regularien für solche digitalen Gremiensitzungen und natürlich eine vernünftige Breitbandanbindung. 

Check-Box
„Online-Mitglieder-versammlung“

Das „Corona-Abmilderungsgesetz“ hat sie möglich gemacht: die digitale Mitgliederversammlung. Für viele Vereine eine große Erleichterung – bestimmt auch für die Post-Corona-Zeit. Zehn Punkte auf die es zu achten gilt.

  1. Noch bis Ende 2021 sind Mitgliederversammlungen online zugelassen, auch wenn das bislang nicht in der Satzung steht. Wenn es gut funktioniert, kann man die Möglichkeit fernmündlicher Beschlüsse in die Satzung mit aufnehmen. 
  2. Die Einladungsfristen und alles andere rund um die Einladung bleibt gleich, wie in der jeweiligen Satzung geregelt. Die Einladung muss den Zugang zu dem virtuellen Raum enthalten und mit einer persönlichen Anmeldung verbunden sein. Außerdem müssen sich die Mitglieder mit ihrem Klarnamen anmelden.
  3. Als virtueller Raum bieten sich Videokonferenztools, wie z.B. Zoom, Skype, Jitsi oder Big Blue Button an. Wichtig ist vorab zu prüfen, ob die kostenlosen Versionen für die Konferenz ausreichen (die kostenlose Zoom-Version endet beispielsweise nach 40 Minuten). 
  4. Auch ein Protokoll muss geführt werden, und von der/dem Protokollführer:in unterschrieben, eine Teilnehmerliste kann man sich meist aus den Online-Formaten ziehen. 
  5. Zu klären ist zudem, ob alle Mitglieder einen ausreichenden Online-Zugang haben. Ist dies nicht der Fall, könnten sich beispielweise Mitglieder in kleinen Gruppen treffen und sich gemeinsam in die Videokonferenz einwählen. 
  6. Über die Funktion „Bildschirm teilen“ können vorbereitete Präsentationen gezeigt werden. 
  7. Auch Abstimmungen können oft ganz praktisch mit den integrierten Abstimmungstools der Konferenzplattformen durchgeführt werden, man kann aber auch mit etwas Übung weitere Online-Tools zur Abstimmung einbinden 
  8. Bei den meisten Anbietern gibt es eine Chatfunktion, in die z.B. Fragen eingestellt werden können. Für den/die Protokollführer:in ist es praktisch, den Chatverlauf am Ende zu speichern.
  9. Alle Vorstands- und Satzungsänderungen werden wie gehabt über ein Notarbüro an das jeweilige Amtsgericht gemeldet. 
  10. Weitere gute Tipps gibt’s unter diesem Link: https://www.vereinswelt.de/wp-content/uploads/14-Tipps-Mitgliederversammlung-Verein-Online.pdf

Wo kann das Digitale das Analoge für euch nicht ersetzen?

Babette: Immer dann, wenn es darum geht Leute zu begeistern. Die Leute müssen vor Ort erleben, mit allen Sinnen begreifen, was da eigentlich gerade im ländlichen Raum an Aktivismus und Gestaltungskraft passiert.

Im September findet wieder das Überland-Festival statt. Ein Fest für Menschen, die das Landleben neu gestalten wollen. Könnte man die Vorteile beider Welten, digital und analog, nicht mit einer hybriden Veranstaltung verbinden?

Claudia: Das ist eine Geldfrage und ein enormer zusätzlicher Aufwand. Es braucht zusätzliche Technik und vor allem Leute, die das digitale Publikum betreuen.

Babette: Ich bin mir auch nicht über die Wirkung im Klaren. Wir haben bereits einen Livestream zum Festival und stellen die Vorträge und Sessions als Videos ins Netz. Das noch durch Interaktion zu erweitern für ein paar zusätzliche Fragen auch vom digitalen Publikum?

Claudia: Ich könnte mir das höchstens als Kooperationsveranstaltung vorstellen. Das eine Team bereitet vor und betreut die Veranstaltung digital, das andere analog vor Ort und man lässt beides ineinanderfließen.

Vor welcher Herausforderung standen die von euch geförderten Projekte in der letzten Zeit? 

Claudia: Für die gemeinnützigen Projekte ist es krass. Gerade für diejenigen, die mitunter sogar Kredite aufgenommen haben, um ihre Vorhaben zu finanzieren. Sie hatten Einnahmen durch Veranstaltungen oder Kuchenverkauf kalkuliert. Für diese ist die aktuelle Situation ein existenzielles Problem. Wie sie auf die Herausforderung reagieren konnten, hing natürlich stark vom Projekt ab. Manche sind kreativ geworden, haben sich umgestellt aufs Digitale, manche sind aber auch still geworden.

Babette: Ein Engagierter aus unserem Netzwerk hat beispielsweise kurzerhand Tablets für seine Gesprächsrunde mit Senioren beantragt. Und das klappt total gut. Er spricht mit einer Person face-to-face und die anderen aus den umliegenden Dörfern sind digital zugeschaltet und können sich am Gespräch beteiligen. Das ist nicht nur während der Pandemie praktisch, aber ohne den Digitalisierungsschub während des Lockdowns wäre er gar nicht auf die Idee gekommen. Dann wäre er von Person zu Person gefahren, wie wir das hier im ländlichen Raum gewohnt sind.

Also werden einige Formate, die als Überbrückung gedacht waren, eurer Meinung nach auch bleiben?

Claudia: Ja, wenn man sie gut nutzt, um zum Beispiel Wege zu verkürzen oder sie erst gar nicht fahren zu müssen. Um unser großes Netzwerkfestival, das Überland, ein wenig nachhaltiger zu machen, überlegen wir beispielsweise gerade, wie wir die Anfahrt der vielen Teilnehmenden umweltbewusster gestalten können und werden wohl ein offenes Pad zur Verfügung stellen, um Mitfahrgelegenheiten zu organisieren. 

Babette: Erst hatten wir an die Pampa-App gedacht, eine Smartphone-App für das gegenseitige Mitnehmen im Dorf und auf dem Land. Leider funktioniert sie bisher noch nicht überall in Deutschland. So eine App wäre aber sehr praktisch für die Eventorganisation auf dem Land.

Woran fehlt es noch im ländlichen Raum, um das Potenzial voll auszuschöpfen?

Babette: Also technisch muss sicher etwas gemacht werden. Wenn es ein Instrument sein soll, das den Alltag erleichtert, dann müssen die Leute dieses Instrument erstens zur Verfügung haben und zweitens auch das Knowhow haben, um es zu nutzen. Aber ich denke Letzteres kommt von ganz allein: Wenn du einen guten Grund hast, wie wir alle in den letzten Monaten, Dich in die Funktionalitäten einzuarbeiten, dann machst du es auch. Aber nur wenn es dem Analogen gegenüber wirklich einen Vorteil bietet. Das muss man nicht mit Macht pushen. Das kommt von ganz allein. 

Claudia: Mir würde es gefallen, wenn die „dritten Orte“, die gerade überall in den Gemeinden oder Dörfern als neue, wiederbelebte Gemeinschaftorte entstehen, auch digital gut ausgestattet wären. Mit schnellem Internet und mit einem offenen Hotspot, sodass der Ort auch in dieser Hinsicht für alle Generationen nutzbar wäre.  Und im besten Fall noch sogenannte „Digitallotsen“ die also z.B. älteren Menschen helfen, mit der Technik umzugehen oder die Jungen zeigen es den Älteren – noch besser.

Babette und Claudia, ich danke euch für dieses Gespräch!

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