ReplacePlastic: Im virtuellen Kollektiv den Plastikmüll reduzieren

Der Verein „Küste gegen Plastik“ hat eine App entwickelt, mit der Menschen unnötig plastiklastige Verpackungen beim Hersteller beklagen können. Wir reden mit Jennifer Timrott und Hendrik Schwind-Hansen über die Entwicklung der ReplacePlastic-App und wie sie es geschafft haben, Menschen für ihre App zu begeistern.

Eine leere Plastikflasche am Sandstrand, Sinnbild der ReplacePlastik App

Liebe Jennifer, lieber Hendrik, seit 2018 gibt es eure ReplacePlastic-App. Wie seid ihr auf die Idee für die App gekommen?

Jennifer: Ich habe 2010 den Dokumentarfilm Plastic Planet von Werner Boote gesehen. Der hat mich sehr beeindruckt und ich habe in der Folge versucht, selber auf Plastik zu verzichten. Dabei habe ich schnell bemerkt, wie schwer es ist, aus einem Supermarkt ohne eine Plastikverpackung rauszukommen. Selbst wer sich sehr anstrengt, erreicht als
Individuum sehr wenig. Deswegen haben wir seit der Gründung unseres Vereins „Küste gegen Plastik“ im Jahr 2014 immer versucht, neben der Bildungsarbeit und unseren Müllsammelaktionen am Strand, auch auf Unternehmen einzuwirken. Denn das Plastikproblem ist zu groß, um es einfach nur an Stränden in Säcke zu packen.

Wir haben damals ganz klassisch E-Mails an Unternehmen geschrieben. Doch die Antwort war immer sehr gleichlautend. ‚Wir sind da voll auf ihrer Seite, wir sehen das ganz genauso wie ihr Verein, Umweltbewusstsein ist in unserem Unternehmen auch ein Topthema, aber in dieser Frage der Plastikverpackung können wir leider gar nichts für sie tun‘. Also haben wir überlegt, wie wir das Unbehagen der Verbraucher:innen bündeln und transparent machen können. So kam uns die Idee zu der App.

Gab es damals schon ähnliche Apps?

Jennifer: Die Idee, das Feedback der Kund:innen einzufangen, es gemeinschaftlich darzustellen, um dann bei den Unternehmen etwas auszulösen, war meines Wissens neu. Es gab CodeCheck, eine App mit der die User:innen den Barcode oder die EAN-Nummer (European Article Number) von Lebensmitteln und Kosmetik scannen können und erfahren, was die Inhaltsstoffe bedeuten – und natürlich Change.org. Diese beiden Plattformideen sind in meinem Kopf zusammengeflossen. Heraus kam ReplacePlastic.

Hendrik: Viele Menschen, die umweltbewusst handeln und nachhaltig unterwegs sind, neigen dazu, nach dem Einkauf ein schlechtes Gewissen zu haben, weil sie Sachen gekauft haben, die in sehr viel Plastik verpackt waren. Denen geben wir mit unserer App die Möglichkeit zum Handeln. Die App zeigt, dass kooperatives Verhalten einen Wandel
anstoßen kann und dass wir, auch wenn wir uns vielleicht gar nicht kennen, gemeinsam etwas bewirken können.

Wer hat die ReplacePlastic-App entwickelt und umgesetzt?

Jennifer: Ich habe im Wissenschaftsjahr Meere und Ozeane 2016/17 an einer Ozean-Werkstatt in Kiel teilgenommen und die Idee der App vorgestellt. Es hat sich dann gleich eine Projektgruppe mit acht Leuten gefunden, die ein erstes Konzeptgerüst erstellt hat. Das war sozusagen die Initialzündung. Die Entwicklung konnten wir über ein Preisgeld finanzieren, das ich gewonnen hatte. Um die Konzeption und die Funktionsskizzen habe ich mich auch gekümmert. Die erste technische Entwicklung und Umsetzung hat eine Agentur übernommen, die uns einen fairen Preis gemacht hat. Unsere erste Version hatte ein Super-Frontend und eine tolle Usability, aber das Backend basierte nur auf einem Content-Management-System. Wir haben dann gemerkt, dass wir ein anderes Backend brauchen, weil die Masse an Daten viel zu groß war.

Hendrik: Wir hatten einfach nicht damit gerechnet, dass die App so einschlägt. Wir bekamen am Tag bis zu 3.000 Produkteinsendungen, die ließen sich im Content-Management-System einfach nicht mehr abbilden und einpflegen – schon gar nicht als Einzelperson. Heute haben wir in Husum zwei Leute, die die App weiterentwickeln. Sie ist eine ständige Baustelle und wird es auch bleiben, weil sich ständig Sachen ändern. Wir haben beispielsweise nicht bedacht, was es bedeutet, wenn ein Discounter plötzlich seine 8-stellige EAN-Nummer auf eine 13-stellige ändert. Dann müssen wir nämlich das komplette Sortiment neu erfassen und mit den entsprechenden Anbietern oder Herstelleradressen verknüpfen.

Wie habt ihr eure ReplacePlastic-App populär gemacht?

Jennifer: Wir hatten damals weder personelle noch finanzielle Ressourcen. Wir haben keine Werbung gemacht, keine Pressemitteilung rausgegeben. Nichts. Aber über verschiedene Facebook-Gruppen hat sich die App trotzdem ziemlich schnell verbreitet. Ich habe dann in meinem Wohnzimmer gesessen und den ganzen Tag Produkte in die Datenbank eingepflegt. Die Nummern zu den Produkten habe ich oft einfach bei Google rausgesucht. Irgendwann haben dann erste Medien über uns berichtet. Heute denke ich manchmal, es wäre vielleicht gut gewesen, eine richtige mediale Bombe zu platzieren. 50000 Scans würden den Druck natürlich noch mehr erhöhen als 500. Es ist also durchaus noch Luft nach oben.

Hendrik: Ich glaube, wir konnten die Menschen so schnell für unsere App gewinnen, weil sie wahnsinnig niedrigschwellig ist und sich ganz einfach verwenden lässt. Wir speichern keine persönlichen Daten. Und sie ist kostenlos. Das überzeugt viele.

Wie erreicht das Feedback der Kund:innen die Anbieter und Hersteller?

Jennifer: Es macht aus unserer Sicht keinen Sinn, jeden einzelnen Scan an die Hersteller oder Anbieter zu schicken. Sonst nerven wir die Leute zu Tode und landen mit unseren Einsendungen schnell im Spam-Filter. Wir wollten lieber versuchen, konstruktiv mit den Unternehmen ins Gespräch zu kommen, in der Hoffnung, dass wir damit auf lange Sicht mehr erreichen. Wir sagen den Unternehmen, schaut mal, wir machen eine Art kostenlose Marktforschung für euch und bringen euch das Feedback der Kund:innen. Und das machen wir in der Regel alle vier Wochen.

Das kann dann schon mal eine lange Liste von 50 oder 100 Produkten sein, deren Plastikverpackung bemängelt wurde. Diese verschicken wir mit einer vorformulierten E-Mail, die höflich gehalten ist und darauf hinweist, dass sich bei den Kund:innen ein Bewusstsein für das Thema entwickelt hat und sich für viele Produkte Alternativen zu den Plastikverpackungen wünschen.

Wo steht ihr mit eurer App heute?

Hendrik: An den Downloadzahlen können wir sehen, dass etwa 50.000 Menschen aktiv sind. Und der Statistik-Button in unserer App verrät uns, dass wir momentan etwa 240.000 Produkte verzeichnet haben. Bis heute sind knapp 1,8 Millionen Scans erfolgt, also Einsendungen an uns gegangen. Die Zahl lässt vielleicht erahnen, was für ein Aufwand dahinter steckt. Und wir erweitern die Funktionen der App stetig.

Beispielsweise haben wir eine neue Funktion eingebaut, die den Verbraucher:innen alternative Produkte anzeigt, die plastikfrei verpackt sind. So zeigen wir, dass Plastikverpackungen nicht alternativlos sind, weil es immer irgendwo einen Pionier gibt, der seine Verpackung bereits umgestellt hat. Das Feedback der Kund:innen geben wir dann an die Anbieter oder Hersteller weiter.

Jennifer: Finanziell segeln wir momentan auf Sicht, haben eine Projektförderung über anderthalb Jahre. In der deutschen Förderlandschaft ist es leider häufig so, dass begonnene Projekte nicht mehr gefördert werden. Zum Teil herrschen auch sehr veraltete Vorstellungen von Unternehmertum. Wir müssen also ständig auf dem Radar haben, wo wir Mittel herbekommen können. Und zum Glück gibt es auch Leute, die das Tool zu schätzen wissen und auch mal eben spontan Geld spenden.

Konntet ihr denn schon erste Erfolge verzeichnen?

Jennifer: Es gibt tatsächlich drei, vier Unternehmen, die sich bei uns zurückgemeldet haben, weil sie aufgrund unserer Arbeit etwas geändert haben. Aber ganz oft antworten die Unternehmen erst gar nicht auf unsere Emails. Es ist für sie natürlich schwierig zu sagen: „Wir haben einen Impuls von außen als Anlass genommen, unser Produkt zu verändern.“ Das ist für uns auch völlig in Ordnung. Wichtig ist, dass was passiert und nicht, dass wir es beweisen können. Und wir sehen ja, dass sich viel verändert in den Supermärkten.

Jennifer Timmrott von Küste gegen Plastik und ReplacePlastic App sammelt mit einem Bollerwagen Müll an einem breiten Sandstrand.

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Im Rahmen von Level up! Habt ihr eure Kampagnenarbeit weiterentwickelt. Was konntet ihr aus dem Coaching mitnehmen?

Hendrik: Momentan legen wir den Fokus unserer Kampagnenarbeit auf ReplacePlastic, weil diese Marke globaler ist als unser Verein. Die App läuft ja nicht nur in Deutschland, sondern auch in Österreich und der Schweiz. Küste gegen Plastik ist hingegen ein bisschen regionaler. In unseren Social Media Kanälen wollen wir jetzt verstärkt die Wirksamkeit der App vermitteln und zeigen, dass es sich wirklich lohnt in unserer Kampagne aktiv zu sein.

Auch wenn wir nicht tausend Unternehmen vorzeigen können, die aufgrund der App ihre Verpackungen umgestellt haben, sind wir doch ein Teil der Bewegung. Und als solcher sind wir wirksam. Wie wir das gut in unseren Social Media Kanäle vermitteln können, dazu haben wir bei Level up! ein klasse Coaching bekommen.

Im Rahmen von „Level up! Die D3-Werkstatt für soziale Organisationen“ haben sich 12 Organisationen mit Hilfe von passenden Coaches einer selbstgewählten Herausforderung im Digitalisierungsprozess gestellt. Drei Organisationen haben sich im Rahmen des Events mit ihrer Social Media Strategie befasst. Alle Infos im Liveblog.

Welche Ziele habt ihr für die Zukunft?

Jennifer: Wir bekommen einen Haufen E-Mails, in denen steht, was man noch alles in der App machen und weiterentwickeln könnte. Oft müssen wir den Leuten dann klar machen, dass wir kein Digitalkonzern sind, sondern eine relativ kleine Truppe, die versucht, von der Nordseeküste aus über ein Tool eine Transformation anzustoßen.

Mittlerweile gibt es sogar einen Klon unserer App: Replace-Palmöl des Vereins „Orang-Utans in Not“. Sie haben bei uns angefragt, ob sie unsere bestehende Infrastruktur übernehmen können. Das ist etwas, was wir gerne unterstützen. Und wir möchten noch ein Projekt starten, das Unternehmen, die noch nicht wissen, wie sie die transformative Stimmung nutzen und den Weg gehen können, konkrete Unterstützung bietet. Auch so können wir den Wandel weiter vorantreiben.

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