Schweizerhaus Püchau: Kulturelle Bildung auf Distanz

Der Schweizerhaus Püchau e.V. ist als gemeinnütziger Kunst- und Kulturverein im ländlichen Raum in Nordsachsen und im Landkreis Leipzig aktiv. Seit über zehn Jahren schafft der Verein vor allem für Kinder und Jugendliche in der Region kreative Angebote. Ob die auch während der Corona-Zeit umsetzbar waren und weshalb digitale Lösungen dafür nur bedingt in Frage kamen, darüber sprach Imke Bredehöft mit der Projektmitarbeiterin Leonore Kasper.

Foto von den Einrichtungen des Schweizerhaus Püchau e.V. mit Menschen darin.

Imke: Wie sieht es im Moment bei euch aus? Kann euer Angebot gerade wieder ganz normal stattfinden oder habt ihr noch Einschränkungen zu beachten?

Leonore: Im Prinzip können wir wieder so arbeiten wie vor der Pandemie. Unser Angebot ist aber insofern eingeschränkt, dass sich alle erst einmal wieder zusammensammeln müssen. Der Rhythmus ist total unterbrochen. Die Kinder und Jugendlichen, aber auch die Erwachsenen haben andere Wege gefunden, Kontakte zu pflegen, sich zu beschäftigen. Es fehlt die Regelmäßigkeit, beispielsweise jede Woche Donnerstag einen von uns angebotenen Kurs zu besuchen. Diese Verbindlichkeit wieder zu schaffen, da fangen wir eigentlich wieder bei Null an.

Foto von Imke Bredehöft von KOMBÜSE.

Keine Frage: Digital dazugelernt haben wir wohl alle im Corona-Jahr. In unserer Artikelserie zu (digitalen) Pandemie-Spuren blickt Imke Bredehöft von der KOMBÜSE – Kommunikationsbüro für Social Entrepreneurship in die Praxis zivilgesellschaftlicher Organisationen während der Krise, fragt nach, wie sich ihre Wirkung auch digital entfalten ließ und welche digitalen Ansätze (auch über die Pandemie hinaus) gekommen sind um zu bleiben.

Dabei habt ihr im letzten Jahr trotz Pandemie sehr viel angeboten, um den Kontakt mit eurer Zielgruppe zu halten. Was war in der Zeit die größte Herausforderung für euch?

Für die Kinder- und Jugendbeteiligung vor Ort war es ein schweres Jahr. Die größte Herausforderung war tatsächlich im Kontakt mit den Kindern und Jugendlichen zu bleiben. Wir haben deshalb beispielsweise den DIY Together Blog ins Leben gerufen, mit wöchentlichen Anleitungen für kreative Projekte zuhause. Außerdem verschicken wir seit April 2020 sogenannte Kulturpakete per Post mit Materialien und Ideen zum Basteln und Gestalten. Um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie unsere Angebote ankommen und auch um die Ergebnisse in unseren Schaufenstern und über Social Media zu präsentieren, haben wir darum gebeten, uns Fotos von den Ergebnissen zu schicken. Das hat phasenweise richtig gut funktioniert, phasenweise weniger gut. Im privaten Bereich verliert sich die Motivation, etwas Kreatives zu tun viel eher, als wenn man extra an einen Ort geht, um auch gemeinsam mit anderen Menschen etwas zu machen.

Wie fällt eure Bilanz des Jahres vor diesem Hintergrund aus?

Insgesamt doch schon sehr positiv. Es hat uns wirklich gefreut, wie gut unsere Angebote trotz allem angenommen wurden. Es wurden jeden Monat im Schnitt zehn Kulturpakete bestellt. Der DIY Together Blog wurde u.a. von Grundschulen für gestalterische Angebote und kreative Anregungen genutzt. In der Gemeinde Machern wurde eigens eine Unterseite auf der Rathaus Homepage dafür angelegt. Gleichzeitig haben wir unsere neue Kultursäule in der Wurzener Innenstadt bespielt. Eine Littfasssäule, die wir mit Ergebnissen aus den Einsendungen der DIY-Projekte kuratiert haben, aber auch die Öffentlichkeit aufgerufen haben, die Säule selbst mitzugestalten. Das wurde sehr gut angenommen.

Foto einer KULTURSÄule des Schweizerhaus Püchern.

Check-Box: Kultursäule zum freien Mitgestalten

Die Litfaßsäule ist seit über 170 Jahren ein öffentlicher Ort des Informationsaustausches und damit immer auch Spiegel des Zeitgeschehens. Da liegt es eigentlich nahe, es auch als Projektionsfläche lokaler Kultur und Kunst zu nutzen und diese auch für die Öffentlichkeit zu öffnen. Genau das hat der Schweizerhaus Püchau e.V. in Kooperation mit der Stadt Wurzen mit ihrer Idee der KULTURSÄULE umgesetzt. Eine kleine Anleitung wie das künstlerische Potenzial und die Anliegen der Menschen mit dieser Idee auch für den eigenen Wirkungsort übernommen werden kann.

  1. Partner:innen: Die Gemeinde oder Stadt überzeugen, durch die Bereitstellung einer Litfaßsäule das künstlerisches Potential in der Region sichtbar zu machen.
  2. Inhalt: Ergebnisse unterschiedlicher künstlerischer Beteiligungsprojekte der eigenen Region oder auch Kooperationen mit Schulen bieten sich an, um für die künstlerischen Projekte aus dem Schulkontext eine Plattform zu schaffen. Eine Auswahl kuratieren.
  3. Design: In das Design der Säule leere Rahmen integrieren, die von Bürger:innen gestaltet werden können. So entsteht ein indirekter Dialog und Zeitdokument.
  4. Rhythmus: Mit wechselnden Ausstellungen für Abwechslung sorgen.  Mindestens vier im Jahr.
  5. Unliebsame Nutzung: Von Beginn an kommunizieren, dass Partizipation an der Säule gewünscht ist, aber für ergänzte Inhalte keine Verantwortung übernommen wird. Oft sorgt die Öffentlichkeit selbst für Überklebungen bei schwierigen Botschaften. 

Es scheint, dass ihr vor allem auf analoge statt auf digitale Lösungen gesetzt habt, um den Kontakt zu halten?

Ja, so ist es. Tatsächlich haben uns viele der Formate, die wir im letzten Jahr angeboten haben, auch schon vor der Corona-Zeit begleitet. Das liegt schlicht daran, dass wir im ländlichen Raum aktiv sind, und dort mussten wir uns schon vor der Pandemie überlegen, welche Formate auch über die Distanz funktionieren. Da liegen zwar auch digitale Lösungen nahe, für den Bereich, den wir anbieten – künstlerische Methoden vermitteln, künstlerisch zusammen aktiv sein, Kunsthandwerk und  kulturelle Bildungsangebote – ist eine Video-Konferenz aber einfach nicht das richtige Medium. Zudem wurden im letzten Jahr von fast allen Seiten neue digitale Formate angeboten. Zusammen mit dem digitalen Schulunterricht hätten die Kinder und Jugendlichen im Prinzip zwölf Stunden am Tag vorm Screen verbringen können. Das will natürlich keiner. 

Das heißt ihr habt komplett auf digitale Interaktion verzichtet?

Mit bestehenden Gruppen, die vor der Pandemie regelmäßig zu unseren Wochenangeboten gekommen sind,  haben wir schon experimentiert, ob wir durch digitale Tools den Kontakt halten können. Aber im ländlichen Raum sind die digitalen Zugänge sehr unterschiedlich. In unserem Büro in Püchau zum Beispiel reicht der Empfang nicht für Videokonferenzen. Dafür müssen wir uns im Wurzener Laden-Büro treffen. Und so geht es auch unseren Teilnehmenden. Einige haben im Wurzener Land Glasfaser, 20 Kilometer weiter weg ist die Situation schon wieder eine ganz andere. Wir haben uns deshalb schnell auf WhatsApp-Gruppen beschränkt, aber auch die haben sich irgendwann verlaufen. Letztendlich sind wir dann wieder bei der klassischen E-Mail gelandet und konnten so auch in den generationsübergreifenden Gruppen Absprachen treffen und z.B. kontaktlose Abhol- oder Übergabetermine für das Material vereinbaren.

Wart ihr durch die Arbeit im ländlichen Raum besser auf die Corona-Situation und den Lockdown vorbereitet als beispielsweise städtische Initiativen?

Unsere Erfahrung, wie auch über größere Distanzen hinweg kulturelle Bildung stattfinden kann, hat uns in dieser Zeit auf jeden Fall geholfen. Unser Verein ist bereits seit zehn Jahren in der Region aktiv, deshalb wussten wir zum Zeitpunkt des Lockdowns vielleicht schon etwas besser, was funktioniert (analoge Angebote) und was eben nicht so gut funktioniert (digitale Angebote im ländlichen Raum). Trotzdem sind auch wir darauf angewiesen, dass unsere Leute zusammenkommen können. Gerade im künstlerischen Bereich ist es hilfreich eine Werkstatt anbieten zu können, mit Platz, verschiedenen Pinseln, Farben und Papieren, um sich auszuprobieren. Das konnten wir mit unseren Kulturpaketen nur bedingt kompensieren. Auch deshalb haben wir die Zeit genutzt, genau dieses Angebot für die Post-Corona Zeit noch zu verbessern. 

Und zwar?

Bisher hatten wir neben unseren mobilen Angeboten nur ein ehemaliges Ladengeschäft als Anlaufpunkt, das auch als Schaufenster nach außen funktioniert. In den letzten Monaten haben wir in Kooperation mit der Stadt Wurzen und mithilfe von Fördermitteln in einer ehemaligen Leuchtmanufaktur eine Etage ausgebaut. Dort entsteht nun eine offene Werkstatt, in der wir einen ausreichend großen Raum haben, um beispielsweise auch mit großen Schulklassen arbeiten zu können. Die Ideen dafür hatten wir zwar schon länger, aber erst in der Pandemie hatten wir die Zeit, sie auch umzusetzen und den Umzug in Angriff zu nehmen. 

Spielt die Digitalisierung im Bereich kulturelle Bildung dann überhaupt eine Rolle?

Ja klar, alle gesellschaftlichen Themen spielen in der kulturellen Bildung eine Rolle. Also einerseits die Werkzeuge, die Digitalisierung bietet und die man nutzen kann und andererseits die Auseinandersetzung damit, was die Digitalisierung gesellschaftlich macht. Wenn wir neue Kurse anbieten, denken wir auch darüber nach, wie wir z.B. mit Theatermethoden nachvollziehbar machen können wie Social Media funktioniert. Denn das eine ist ja, erzählt zu bekommen, worauf es zu achten gilt. Anders ist es, dann aber doch tatsächlich zu merken, wie das ist, wenn man mit einem Foto durch die Stadt geht und überall klingelt und den Leuten das Foto zeigt. Ich sehe die Aufgabe der kulturellen Bildung darin, Erfahrungsräume zu schaffen, die ein abstraktes Thema wie die Digitalisierung physisch nachvollziehbar machen.  

Siehst du in diesem Zusammenhang irgendwelche positiven Effekte des letzten Jahres?

Ich sehe auf jeden Fall einen positiven Aspekt in der gewonnenen Erkenntnis, dass die digitalen Zugangsvoraussetzungen in Deutschland nicht gleichverteilt sind. Es ist deutlich geworden, dass nicht alle Kinder oder Jugendliche ein Gerät haben, mit dem sie bestimmte Dinge tun können – und dass die digitalen Kompetenzen besser geschult werden müssen. 

Außerdem hatte das Jahr auch für unsere Arbeit „Brennglasmomente“. Uns ist bewusster  geworden, was auch wir für Anforderungen an unsere Teilnehmer:innen stellen. Trotz mobiler Angebote in der Region sind wir nicht für alle erreichbar: es müssen Wege zurückgelegt werden, wir setzen teilweise Technik und Know-How voraus und Zeit zur Partizipation und Beteiligung etc. Diese Erkenntnis hat uns in der Weiterentwicklung der Vereinsarbeit geholfen und wir versuchen, die Inhalte unserer Arbeit noch besser zu benennen und zu strukturieren (analog und digital). 

Du hast fehlende digitale Kompetenzen angesprochen: eine Aufgabe, die ihr auch selbst angehen wollt?

In einem neuen Kooperationsprojekt mit der Gemeinde Thallwitz arbeiten wir gerade unter dem Titel Land Labor an neuen Kursangeboten, um die digitalen Kompetenzen von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen zu schulen. Bevor wir loslegen, wollen wir aber überhaupt erst einmal wissen, wie der Ist-Zustand ist. Deshalb steht zu Beginn eine Umfrage, um herauszufinden, welche Geräte zum Beispiel zur Verfügung stehen. Oder: Welche Altersgruppe nutzt welche Apps? Mit welchen Wörtern können sie was anfangen? Wissen sie beispielweise, was eine Blackbox ist? Kennen sie sich mit Datenschutz aus?

In einem weiteren Projekt arbeitet ihr bereits seit drei Jahren an einer Online-Plattform, die verschiedene Vereine und Initiativen der künstlerischen und kulturellen Bildung im Landkreis Leipzig sichtbar macht und miteinander vernetzen will. Hat Corona die Bedeutung des Projekts noch einmal verstärkt? 

Ich glaube schon, dass der Lockdown auch dazu geführt hat, dass man ein Gefühl dafür bekommen hat, wie wichtig Communities und der Austausch untereinander sind: Und auch, dass wenn man jetzt nicht unmittelbar im physischen Raum zusammenkommen kann, es immer jemanden gibt, der die gleiche Erfahrung teilt. Die Idee für die Online-Plattform XXKulturnetzwerk.org ist genau aus dieser Idee entstanden, dass wir zusammen stärker sind und im gemeinsamen Auftreten auch eine größere Wertschätzung für unsere Arbeit erzielen können. Ein solches Netzwerk sichtbar und niedrigschwellig für andere Interessierte zugänglich zu machen, dafür hilft so eine Online-Plattform schon enorm.

Und wie organisiert ihr euch? Trefft ihr euch digital oder auch vor Ort?

Wir treffen uns tatsächlich digital, aber auch mehrmals wöchentlich vor Ort.

Aufgrund der Entfernung oder aufgrund der Pandemie?

Gute Frage. Eigentlich aufgrund der Entfernung, aber ich weiß nicht, ob wir das vor der Pandemie auch gemacht hätten. Da waren Videokonferenzen einfach noch nicht so Common Sense. Dadurch sind natürlich viel mehr Termine im Kalender möglich, als wenn man An- und Abreise zeitlich auch noch einkalkulieren muss. Ich muss schon zugeben: Für die administrative Arbeit ist die Digitalisierung eine große Erleichterung.

Leonore, ich danke dir für das Gespräch. 

Creative Commons Lizenzvertrag

Der Artikel steht unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz.

Mehr Artikel aus der Serie “Nach der Turbodigitalisierung”

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Mehr Beiträge aus dem Magazin

D3 – so geht digital ist ein Projekt der     gefördert durch