Anne-Sophie Pahl: Neugedacht – digitales, projektbezogenes Engagement

Soziale Initiativen sind oft auf die Hilfe Ehrenamtlicher angewiesen, um ihre Ideen in die Welt zu tragen. Doch was tun, wenn Freiwillige ausbleiben, weil sich Arbeitswelt und klassisches Ehrenamt einfach nicht miteinander vereinen lassen? Anne-Sophie Pahl bietet mit der Online-Plattform youvo eine Lösung.

Foto von Ane-Sophie Pahl

„Die Art, wie wir arbeiten, hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert. Also müssen sich auch die Möglichkeiten des sozialen Engagements verändern“, sagt Anne-Sophie Pahl. Sie ist Mitbegründerin der Plattform youvo.org, die Ehrenamtsprojekte aus dem sozialen Sektor und Menschen aus der Digital- und Kreativszene miteinander verknüpft.

„Wir leben in einer digitalen, mobilen Welt. Menschen pendeln zur Arbeit, kommen 10 Stunden später erschöpft nach Hause, um sich dann um ihre Familien zu kümmern. Da haben die wenigsten noch Kraft, abends zum Ehrenamtstreff des ortsansässigen Umweltvereins zu gehen“, weiß Anne-Sophie. Doch unsere Gesellschaft fußt auf Engagement. Mit youvo sei der Versuch unternommen wurden, zivilgesellschaftliches Engagement einer neuen Lebenswelt anzupassen und eine attraktive, moderne Beteiligungsform zu bieten, so Anne-Sophie.

Engagement für Kreative

Das Konzept der Plattform ist dabei denkbar einfach: Vereine und Organisationen, die gestalterische oder kreative Unterstützung benötigen, können über youvo konkrete Projekte erstellen. Das kann ein neues Logo sein, das entworfen werden soll; die neue Vereins-Website, die gebaut werden muss oder Fotomaterial, das dringend benötigt wird.

Die Projekte werden von Seiten der Plattform dann geprüft. „Uns ist wichtig, dass die ehrenamtlichen Einsätze, die wir vermitteln, keinen bezahlten Arbeitsplatz ersetzen“, erklärt Anne-Sophie. „Organisationen, die über youvo ein Projekt in Auftrag geben wollen, müssen daher glaubhaft machen, dass sie über keine Mittel für die entsprechende Kreativleistung verfügen.“ Ist die Prüfung bestanden, wird das Projekt mit einer genauen Beschreibung auf der Plattform veröffentlicht. Ebenso gibt es detaillierte Informationen rund um die Organisation, die das Projekt ausgeschrieben hat. Je nach Fähigkeiten, zeitlicher Verfügbarkeit und Interessen, können sich Kreativschaffende passende Projekte aussuchen, die sie dann ehrenamtlich ausführen.

Für 85 Prozent aller Projekte, die wir auf der Plattform einstellen, findet sich jemand, der helfen kann.

Digitales Ehrenamt & analoge Wirkung

Die Idee, eine solche Plattform zu erschaffen, hatten sechs Kommiliton:innen der Berliner Universität der Künste bereits im Jahr 2012. „Ich bin dann ein Jahr später zum Projekt dazugestoßen“, erinnert sich Anne-Sophie. So habe sie das erfreuliche Wachstum der Plattform fast von Beginn an mit begleiten können. „Im Jahr 2014 ging youvo online, damals wurde die Plattform erstmal nur von unserem Freundeskreis genutzt. Durch Weitererzählen und Empfehlungen kamen mehr und mehr Studierende dazu, die die Plattform gut fanden. 2015 gründeten wir dann dann den youvo e.V.“, erzählt Anne-Sophie weiter.

Heute sind 7.326 Kreative auf der Plattform angemeldet, darunter sowohl Studierende als auch Freelancer. „Und teilweise sind die Kreativen wirklich schon jahrelang dabei, unterstützen eine gute Sache nach der anderen“, erzählt Anne-Sophie stolz. Ganze 703 Projekte wären über youvo bereits erfolgreich vermittelt und umgesetzt worden. „Und wir haben eine echt gute Vermittlungsquote: Für 85 Prozent aller Projekte, die wir auf der Plattform einstellen, findet sich jemand, der helfen kann.“

Ihr persönliches Lieblingsprojekt? „Das war ein Auftrag, der über den Suni e.V. an uns herangetragen wurde“, erzählt Anne-Sophie lächelnd. „Der multinationale Verein aus Igel unterstützt Bildungsinstitutionen in Namibia. Gemeinsam mit der Leipziger Illustratorin Sandra Barth, die durch youvo auf das Projekt aufmerksam geworden ist, hat der Verein ein Malbuch kreiert. Das Besondere: Die Motive im Buch sind inspiriert von Zeichnungen, die die Kinder in Namibia vorher angefertigt haben. Es wird nun für die Bildungsarbeit in den afrikanischen Einrichtungen genutzt. Ich höre oft von den Engagierten, dass sie es als erfüllend erleben, ihre Talente zielgerichtet einbringen zu können und so einen aktiven Beitrag zur Gestaltung der Gesellschaft zu leisten“. Vielen Freiwilligen gefiele die Flexibilität, die das projektbezogene und somit zeitlich terminierte Engagement über youvo ihnen biete. „Die Hürde, sich zu engagieren, ist hier niedriger als beim traditionellen Ehrenamt“, vermutet Anne-Sophie.

Die Vereine wiederum profitieren, weil sich durch die Zusammenarbeit mit den Kreativen ganz neue Synergien ergeben – und das ganz ohne Risiko. „Man arbeitet quasi probehalber miteinander, bekommt wertvollen Input von Außenstehenden und kann so eine neue Form der Zusammenarbeit austesten.“ Nicht selten entstehen sogar feste Verbindungen zwischen Organisation und Engagierten.

Textgrafik: Drei Fragen an Anne-Sophie Pahl.

Neue Zeiten, neues Denken

Anne-Sophie wünscht sich, dass digitale Zusammenarbeit und projektbasiertes Engagement, wie es bei youvo vorgelebt wird, zukünftig eine größere Rolle spielen, vor allem wenn es um die Organisation und Durchführung zivilgesellschaftlichen Engagements geht. „Ein Miteinander ist digital möglich“, ist sie überzeugt. Vor allem durch digitale Engagementansätze erreiche man junge Menschen, die zwar weggezogen sind, sich aber dennoch in der Heimat engagieren wollen; Eltern sowie Menschen mit Beeinträchtigungen besser. Engagement müsse flexibler werden, so Anne-Sophie, und dürfe sich der Digitalisierung gegenüber nicht verschließen.

Anne-Sophie arbeitet mittlerweile noch als Projektreferentin für Digitalisierung bei der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freiwilligenagenturen. Zuvor hatte sie sich neben ihrer Arbeit beim youvo e.V. lange der Beratung verschrieben, hat zivilgesellschaftliche Organisationen und sogenannte Blaulicht-Organisationen bei ihrer digitalen Transformation begleitet. Eine schwierige Aufgabe. „Die Strukturen in zivilgesellschaftlichen Organisationen sind oft sehr eingefahren, die Angst vor Neuerungen und eventuellem Scheitern scheint groß“, erzählt sie. Oft konnte sie diese Angst aber nehmen. „Wir als Gesellschaft müssen uns nur von unserem Streben nach Perfektion verabschieden. Fehler passieren und sind da, um daraus zu lernen. Wenn wir eine neue Fehlerkultur etablieren, einfach mal loslegen und ausprobieren, ist sicherlich noch viel mehr Schönes möglich.“

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