Digitales, Dolmades und Dauerregen: #D3unterwegs in Athen

D3 hat sich vorgenommen, auch über den Tellerrand zu schauen und herauszufinden, wie es sozialdigital in anderen Ländern ausschaut. Nach Besuchen in Portland bei der NTEN und in London bei Charity Digital stand 2021 unter Pandemiebedingungen zwar kein Konferenzbesuch an, aber ein Vor-Ort Besuch in Griechenland. D3-Aris erzählt, wie es war.

Bild der Akropolis bei Dämmerung und der Anhöhe mittig.

Foto: Dia12/ pixabay

Zwei Tage war ich, Aris von D3, in der griechischen Hauptstadt unterwegs und dem sozial-digitalen Sektor auf der Spur. Soziales Engagement wird dort mehr gebraucht denn je. So kämpft Griechenland nicht nur weiterhin mit den Folgen der Finanzkrise, sondern ist als Schauplatz einer gescheiterten EU-Migrationspolitik auch mit großen humanitären Herausforderungen konfrontiert, zu deren Eindämmung die Zivilgesellschaft maßgeblich beiträgt. 

Schon bei der Vorbereitung des Fachaustauschs zeichnete sich ab: die lokale Zivilgesellschaft ist breit aufgestellt. Organisationen, die sich dezidiert mit der Digitalisierung im Dritten Sektor auseinandersetzen, sind im Vergleich zu Deutschland jedoch rar gesät.

Regen im Paradies

Was wäre ein Trip ohne Planänderungen? Nahezu zeitgleich mit meiner Ankunft überraschten Starkregen und Fluten die sonst so sonnenverwöhnte griechische Hauptstadt. Es folgten zwei Tage Chaos in Athen: die Metro Linie 1 wurde aufgrund von Überflutungen eingestellt, Busse weggespült, Schulen evakuiert. Letztendlich wurde der Katastrophenzustand für die Metropolregion Attika ausgerufen, die Schulen geschlossen und den Bürger:innen nahegelegt möglichst zuhause zu bleiben.

Aufregend, denn den Auftakt für unseren Fachaustausch sollte am Folgetag eigentlich eine Sonderausgabe von “Plötzlich digital. Die Sprechstunde” zusammen mit der lokalen Organisation GFOSS – Open Technologies Alliance machen. Die Initiative wird von 37 griechischen Universitäten und Forschungseinrichtungen getragen. Sie widmet sich Open Source-Technologie, digitaler Partizipation, freiem Wissen sowie der sozialen Ausgestaltung des digitalen Wandels. GFOSS hat darüber hinaus auch eine eigene Lernplattform entwickelt, die in der Corona-Zeit zahlreiche schulische Einrichtungen bei der digitalen Lehre unterstützt. Das passte sehr gut in unser Community-Sprechstunden-Format.

Zwar ist unsere Sprechstunde primär ein digitales Format, jedoch hatte GFOSS noch mehr mit mir vor. Auf dem Zettel standen neben der Durchführung der Sprechstunde auch der persönliche Austausch sowie eine Führung durch die die GFOSS-Räumlichkeiten. Diese befinden sich auf dem Campus der Technischen Universität Athen und können somit auch auf den universitätseigenen Makerspace mit 3D-Druckern und Co. zugreifen. Wie sich im Hotel stündlich immer klarer herauskristallisierte, waren die Räumlichkeiten von GFOSS unter den Witterungsbedingungen nicht sicher zu erreichen – das geplante Präsenzprogramm wurde gestrichen.

Straße in Athen bei Regen, Menschen mit Regenschirmen und spiegelnde, nasse Flächen.
Trotz Ausnahmezustand und schwerem Unwetter waren die Straßen im Ausgehviertel Psirri noch halbwegs belebt.

Analoger Austausch im Impact Hub Athen

Der nächste Tag startete dementsprechend gewohnt digital: unsere Sprechstunde fand virtuell statt. Kostas Papadimos, Community-Manager der organisationseigenen Lernplattform von GFOSS gewährte uns virtuell zusammengeschaltet wertvolle Einblicke. Wir sprachen nicht nur über die E-Learning-Plattform, sondern auch den Stand der Digitalisierung im Dritten Sektor Griechenlands, speziell in Hinsicht auf offene Software und frei verfügbare Informationen. Die ganze Athen-Ausgabe könnt ihr euch hier auch nachträglich anschauen. Sprechstunde abgehakt, Präsenzprogramm nicht nur sprichwörtlich ins Wasser gefallen – der internationale Fachaustausch vorbei? 


Glücklicherweise lag mein Hotel in direkter Nachbarschaft des Impact Hub Athens, dem griechischen Ableger der sozial ausgerichteten Coworking-Spaces und war somit auch bei Wetterkatastrophen gut zu erreichen. Der offene Workspace beheimatet nicht nur digitale Nomaden aus aller Welt, sondern beherbergt auch die Geschäftsräume zahlreicher lokaler NGOs. Diese kommen vor allem aus den Bereichen Tech4Good – aber es finden sich auch klassische soziale Organisationen unter den Co-Worker:innen. Vor Ort traf ich auf die engagierte Community-Managerin Elena Kalimeri, die mir Rede und Antwort stand.

Aris und Elena sitzen auf einer grünen Couch im Impact Hub Berlin, im Hintergrund arbeitet ein Co-Worker.
Elena und Aris beim Austausch im Impact Hub Athen.

Auch in Griechenland: Turbodigitalisierung des sozialen Sektors durch Corona

Elena sorgt dafür, dass alle Organisationen im Impact Hub die passenden Arbeitsbedingungen vorfinden. Sie gestaltet auch das Rahmenprogramm des Coworking-Spaces für die Mitglieder, wie z.B. gemeinsame Peer-Learning Veranstaltungen. So hat sie einen guten Überblick über aktuelle Trends in der Athener Community. Auch Elena kann eine Tendenz bestätigen, die wir bereits aus Deutschland kennen: die Corona-Krise hat auch in Griechenland zu einer rasanten Digitalisierung sozialer Organisationen geführt.

Aber nicht nur das! Am Beispiel von Melissa Network, einer lokalen Initiative, die migrantischen Frauen sozialpsychologische Unterstützung anbietet, erklärte sie, dass einige Vorhaben auch Anschub durch die plötzliche Krise bekamen. Eine private Stiftung spendete 50 Laptops, so dass die Frauen auch im Lockdown weiter am Programm teilnehmen konnten. Diese Anschaffung ist auch über das Kernanliegen von Melissa Network hinaus relevant, denn das Team des Impact Hubs Athen unterstützt die beteiligten Frauen schon seit Längerem bei dem Weg in eine selbstständige Tätigkeit. Dieses Vorhaben wurde durch die IT-Spende und einhergehende neue Lernmöglichkeiten nun deutlich erleichtert. 

Allein auf weiter Flur – Wenig strukturelle Unterstützung in Digitalisierungsbelangen

Diese Geschichte steht in zweierlei Hinsicht exemplarisch für den Sektor. Zum einen müssen soziale Organisationen die Digitalisierung in Griechenland meistens aus eigener Kraft stemmen, an struktureller Unterstützung mangelt es. Zum anderen kommt Unterstützung vor allem punktuell von privaten Initiativen. Zwar ermöglichen Akteure wie beispielsweise Techsoup vielen Organisationen den Zugang zu vergünstigter Software, ganzheitliche Lösungen bei der Digitalisierung oder nationale Finanzierungsmöglichkeiten werden aber kaum angeboten. Immer mehr Organisationen suchen deshalb Unterstützung aus dem Ausland, vor allem auf europäischer Ebene. 

Um diesem dünnen Angebot etwas entgegen zu setzen, etablierte der Impact Hub Athen mit “Learning Communities” lokale Peer-to-Peer Austauschformate. Hier konnten Organisationen gemeinsam an ihren Herausforderungen arbeiten und fanden Raum zum Austausch. Dabei haben sich soziale Organisationen wechselseitig nach dem Prinzip der Selbsthilfe unterstützt: “Wir haben gegenseitig Feedback und Wissen geteilt – von Tipps zur praktischen Umsetzung virtueller Veranstaltungen bis hin zu Fördermöglichkeiten für Digitalprodukte”, erinnert sich Elena. Diesen Prozess hat der Impact Hub aktiv angestoßen und auch selbst nach offenen und nachhaltigen Softwarelösungen für die Community recherchiert, um den Mitgliedern möglichst auch Open Source Alternativen präsentieren zu können.

Die Zeichen stehen auf “New Normal”

Viele soziale Organisationen haben trotz widriger Umstände den Schritt ins “New Normal” gemeistert, auch wenn sie diese Entscheidung nicht unbedingt freiwillig getroffen haben. Marianna Bouga bekräftigt das. Die Mittzwanzigerin, die im Impact Hub arbeitet, ist für den großen Technologieanbieter TechSoup im Bereich Verifikation tätig. Zudem berät als Kundenberaterin Organisationen im Softwarebereich. Der global agierende Anbieter TechSoup bietet vergünstigte Hard- und Software für gemeinnützige Organisationen an und steht beispielsweise auch hinter dem deutschen IT-Portal Stifter Helfen

Auch in Griechenland fragen gemeinnützige Organisationen vor allem Lösungen zur internen digitalen Zusammenarbeit an. Microsoft Office 365 ist ebenso unter den meistgenutzten Produkten wie die Videokonferenz-Lösung Zoom oder die G-Suite von Google. Außerdem sind Programme zum Projektmanagement wie Asana zunehmend gefragt, auch wenn sich agile Arbeitsformen noch nicht flächendeckend im sozialen Sektor durchgesetzt haben, berichtet Marianna. Software-Rundumblick à la Plötzlich digital? Check!

Safe Passage – eine Organisation im digitalen Wandel

Nach dem Austausch im Impact Hub ging es erstmal in die Mittagspause. Die Regenschleier lichteten sich und zur Moussaka – dem beliebten Auberginen-Auflauf – am Fuße der Akropolis gab es auch noch einen griechischen Mokka aufs Haus. Die Stärkung kam gerade rechtzeitig, denn nach der morgendlichen Plötzlich digital – Sprechstunde und dem Austausch im Impact Hub stand als letzter Programmpunkt ein Interview mit Sandy Protogerou, der Griechenland Managerin von Safe Passage International auf dem Programm. Die international operierende NGO setzt sich auf vielen Wegen für sichere Fluchtrouten ein. Sie bietet Rechtsberatung für Geflüchtete an, verhilft Minderjährigen im Ausland zu ihrem Recht auf einen sicheren Aufenthaltsort und vertritt deren Anliegen auch auf politischer Ebene.

Sandy teilte die Erfahrungen von Safe Passage Griechenland in der Zeit der rapiden Digitalisierung durch die Corona-Krise mit uns. Aufgrund der internationalen Ausrichtung hatten die Organisation bereits vor der Pandemie einige Erfahrungen in der digitalen Zusammenarbeit mit Tools wie Slack, Zoom oder Mails. Dieses Wissen teilten sie in den vergangenen Monaten auch bereitwillig mit anderen nicht so erfahrenen NGOs. Auch Sandy bestätigte: strukturelle Unterstützung für die sich digitalisierende Zivilgesellschaft gab es kaum. 

Das volle Interview mit Sandy Protogeru könnt ihr hier nachlesen:

Die größte Herausforderung für Safe Passage war unter Pandemiebedingungen jedoch, die Sozialarbeit und rechtliche Beratung aufrecht zu halten. Nach einer anfänglichen Phase, in welcher der Zugang zu staatlichen Stellen stark eingeschränkt war, konnten sie viele Anfragen auch digital mit den für Asylanträge zuständigen staatlichen Stellen abwickeln. Hierin sieht Sandy auch einen Vorteil für die Arbeit von NGOs. “Eine positive Veränderung ist, dass unsere Sozialarbeiter:innen und Anwält:innen nun viel weniger Zeit für die Termine benötigen. Wegzeiten fallen weg und sie verbringen kaum noch Zeit in Wartezimmern”. Dennoch läuft auch hier noch nicht alles glatt. IT-Ausfälle und Down-Zeiten der Plattformen haben nun deutlich stärkere Auswirkungen auf die Antragsteller:innen. Insgesamt hat aber die schnelle Anpassung auf staatlicher Seite Safe Passage ermöglicht, auch in der Pandemie wirkungsvoll weiter zu arbeiten.

Berlin Calling

Im Anschluss an das Treffen mit Sandy beendete ich noch meinen Arbeitstag im Impact Hub Athen. Neben dem vollen Mailpostfach konnte ich besonders einem persönlichen Highlight des Trips noch ein bisschen Aufmerksamkeit schenken: dem Büro-Golden-Retriever Svanjo. Mit vielen neuen Eindrücken und interessanten Einblicken ging es dann bei besserem Wetter zurück in Richtung Berlin. 

Vielen Dank an den Impact Hub, GFOSS und Safe Passage für die nette und unkomplizierte Zusammenarbeit. 

Golden Retriever auf Holzboden in Co-Working pace.
Endlich Zeit für den Golden Retriever Svanjo.
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