Demokratiearbeit kennt keinen Lockdown

Die Pandemie zwingt auch Akteur:innen der Demokratiearbeit zu einer schnelleren Digitalisierung. Die Demokratie Plattform hilft ihnen auf ihrem Weg in den digitalen Raum und verschafft den Angeboten mehr Sichtbarkeit.

Ein Laptop steht auf einem Tisch, auf ihm ist die Startseite der Demokratie Plattform zu sehen. daneben auf einer Fensterbank Grünpflanzen und eine Obst- und Gemüseschale.

Von hundert auf null. Vollbremsung. Die Pandemie traf den Berliner Verein Artikel 1, der sich für die Demokratie und den Schutz von Grundwerten und Freiheitsrechten einsetzt, schwer. Seine Workshops an Schulen, in denen es um gewaltfreie Kommunikation, Diversität und Extremismusprävention geht, musste er aufgrund der Schulschließungen absagen. Zahlreiche Events fielen aus. Doch die Probleme blieben – auch im digitalen Raum. Denn Hass und Verschwörungstheorien, die unwidersprochen bleiben, gewinnen an Kraft. Die Pandemie wirkt als Katalysator. 

„Wir haben schnell festgestellt, dass es eine Vielzahl von Initiativen und Organisationen gibt, die sich in der gleichen Situation befinden wie wir“, sagt Kajo Wasserhövel, 58, Geschäftsführer einer Strategieberatungsagentur und Vorsitzender des Vereins. Gleichzeitig gebe es viele Menschen, die sich engagieren und die Demokratiearbeit trotz Pandemie weiter voranbringen wollen, aber keine Angebote mehr finden.

Foto von Kajo Wasserhövel, Vorsitzender von Artikel 1 e.V.

„Wir haben uns gefragt, wie wir diese Menschen vernetzten und wechselseitig mehr Sichtbarkeit verschaffen können.
Die Antwort: Eine Plattform im Netz, die alle digitalen Angebote der Demokratiearbeit vereint. Und darüber hinausgeht.“

Kajo Wasserhövel.
(Foto: Artikel 1 e.V.)

„Wir sind die Mehrheit“

Doch zurück zum Anfang: „Als es vor gut zwanzig Jahren immer wieder Anschläge auf Synagogen und Flüchtlingsunterkünfte gegeben hat, gab es eine sehr breite Bewegung, die gesagt hat, wir stehen hier auf dem Boden des Grundgesetztes, wir sind die Mehrheit“, sagt Kajo Wasserhövel, der im Jahr 2000 die Großdemonstration vor dem Brandenburger Tor organisierte. Als im Jahr 2015 die Flüchtlinge nach Deutschland kamen, mit der Willkommenskultur auf der einen und der lautstarken Pegida-Bewegung auf der anderen Seite, sei die Mehrheit nicht mehr laut genug gewesen, so der Vereinsvorsitzende.

Das Team von Artikel 1 e.V. (18 Personen) sitzen in drei Reihen auf einem treppenartigen Podest.
Das Team von Artikel 1 e.V. , das die Demokratie Plattform ins Leben gerufen hat. (Foto: Artikel 1 e.V.)

Plötzlich hätten die großen Fragen wieder in Raum gestanden: Was hält uns zusammen? Was sind unsere Werte? Was trägt uns in der Gesellschaft? Um Antworten auf diese Fragen zu geben, gründete er zusammen mit einem Netzwerk von Leuten, die wie er Kommunikationsexpert:innen waren, den Verein Artikel 1 – Initiative für Menschenwürde e.V. Gemeinsam brachten sie Kampagnen für die Werte der Demokratie und des Grundgesetzes in Kinos und auf Plakatwände, gingen mit ihren Workshops in Schulen und Unternehmen, unterstützen Akteur:innen der Demokratiearbeit.

Demokratiearbeit kennt keinen Lockdown

Doch dann kam Corona. Und mit dem Virus Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen, die alle Vor-Ort-Veranstaltungen unmöglich machten. Einen Lockdown der Demokratiearbeit wollte der Verein jedoch mit allen Mitteln verhindern. „Wir wollen zeigen, dass Demokratie und Vielfalt keine Werte sind, die warten können, bis man wieder im persönlichen Kontakt über sie spricht“, schreibt der Verein auf seiner Seite. Und dass trotz Corona-Einschränkungen nicht alle Veranstaltungen abgesagt werden müssen.

Die Idee: Die einzelnen Akteure digitalisieren ihre Angebote. Und der Verein macht sie im digitalen Raum sichtbar. Die Lösung: Eine virtuelle Basis. „Wir haben zunächst eine Konzeptskizze erstellt und sind dann auf das Bundesfamilienministerium zugegangen“, sagt Kajo Wasserhövel. Der Verein konnte das Ministerium mit seinem Konzept überzeugen und sich Fördergelder bis Ende 2020 sichern. Danach haben sie mit Expert:innen ein Feinkonzept entwickelt. „Es ist nicht so kompliziert, eine Struktur zu bauen, die später auch erweitert werden kann“, sagt der Vereinsvorsitzende.

Wichtig sei vor allem eine vernünftige Hauptstraße und ein steter Blick auf die späteren Nutzer:innen. „Wir sind mit viel Engagement und Eigenmitteln in das Projekt reingegangen. So eine Förderung deckt eben nie hundert Prozent der Kosten.“ Parallel zur Programmierung der Seite hat der Verein alle Träger und Veranstaltenden angerufen. „Wir haben mit ihnen darüber geredet, welche Angebote sie einstellen wollen und wie so etwas aussehen könnte.“ 

Mittlerweile ist die Demokratie Plattform online. Bereits im Probetrieb haben sechzig Anbieter Veranstaltungen eingestellt. „Das ist eine Menge”, sagt Kajo Wasserhövel, „250 Teilnehmer:innen haben über die Plattform auf Angebote zugegriffen.“ Die Nutzeroberfläche ist klar strukturiert. Alle Veranstaltungen werden aufgelistet. Eine Suchmaske hilft bei der Suche nach dem passenden Event. Thema, Ort, Zeitraum – alles lässt sich filtern.

„Wenn mich beispielsweise die Themen Antidiskriminierung oder Antisemitismus interessieren, dann bekomme ich die passenden Angebote dazu ausgeworfen.“ Auf der Unterseite finden die Nutzer:innen dann alle Informationen zum Inhalt der Veranstaltung und über den Veranstalter selbst. Wem ein Anbieter gefällt, kann ihm folgen und Merklisten anlegen. Eine Klarnamenpflicht gibt es für die Nutzer:innen nicht. „Die Daten sind für uns nicht abgreifbar.“ Es werde lediglich der Link zum Anbieter hergestellt, der die Teilnehmer:innen dann mit weiteren Informationen versorgt.

Digitale Events als alternative Veranstaltungsformate 

Doch Veranstaltungen in den digitalen Raum zu überführen, sei nicht immer leicht. Daher haben die Mitglieder ein Handbuch erarbeitet, einen „digitalen Leitfaden“. „Viele sagen, wir haben Angebote, wissen aber nicht, wie wir sie digitalisieren können.“ Nur mit Streamen sei es natürlich nicht getan, sagt Kajo Wasserhövel. Bei reinen Vortragsformaten sei vor allem die Lebendigkeit eines Vortrags wichtig. Bei partizipativen Workshops eher passende Strukturen und das Zeitmanagement. Wer mit dem Handbuch nicht weiterkommt, kann sich am Telefon auch direkt Tipps von den Profis holen. Alles kostenlos. 

Die Zielgruppe der Plattform sind alle Menschen, die die Demokratie stärken wollen, sagt der Kommunikationsexperte. „Wenn man an Digitalisierung und digitale Plattformen denkt, hat man schnell junge Leute im Blick. Aber wenn ich mir angucke, wer sich engagiert, geht das quer durch alle Altersgruppen.“ Das Angebot ist niedrigschwellig. Ein paar Klicks und schon ist man dabei. „Es ist ein großes Einstiegstor für alle im Demokratiebereich“, sagt Kajo Wasserhövel. Und die digitalen Events hätten auch Vorteile: An- und Abreise zu Veranstaltungsorten fallen weg. Die Teilnehmer:innen könnte sie flexibel in ihren Alltag eintakten. Und sie sind ortsunabhängig. „Auch wenn ich im westlichen Münsterland lebe, kann ich auf Angebote der christlichen Jugend im Saarland zugreifen.“ 

Ein zentrales Hub für alle Anbieter

Eine vergleichbare Plattform kennt der Vereinsvorsitzende nicht. „Natürlich gibt es tausend verschiedene, kleinere Plattformen, auf denen Veranstaltungen für bestimmte Bereiche aufgelistet werden.“ Manchmal seien es auch nur Linklisten. „Aber ein Hub, wo man auf alle Anbieter:innen und eine Vielzahl von Veranstaltungen zugreifen, sie selektieren und sein eigenes Terminmanagement verknüpfen kann, haben wir nicht gesehen.“ 

Am 13. November wurde die Demokratie Plattform nun ganz offiziell vorgestellt. Bis Ende Dezember sind 25 Veranstaltungen auf der Plattform aufgelistet – zu den Veranstaltern gehören beispielsweise die gemeinnützige Hertie-Stiftung, die Landeszentrale für politische Bildung Bremen und der Kreisjugendring Dachau. „Wir starten jetzt eine Kampagne und werden Anzeigen im digitalen Bereich schalten. Auf Facebook, Twitter, Instagram.“ So sollen potentielle Nutzer:innen auf die Plattform aufmerksam werden. Auch die digitale Reichweite der Netzwerkpartner soll genutzt werden.

„Wir können uns auch vorstellen, noch mehr Funktionen zu integrieren und die Plattform sukzessive auszubauen“, sagt Kajo Wasserhövel, „so eine Plattform lebt auch von dem Feedback, dann merkt man, wo noch was fehlt oder was zu kompliziert gebaut ist.“ 

Hybrid – das neue Veranstaltungsformat

Die Förderung des Bundesfamilienministeriums wird Ende des Jahres auslaufen. Trotzdem will der Verein die Demokratie Plattform mit Spendengeldern weiterbetreiben. Auch ein erstes, eigenes Event soll bald auf der Plattform angeboten werden. Ein „Boostcamp“, das sich an alle wendet, die sich für die Achtung der Menschenwürde und gegen Diskriminierung engagieren. Zweimal musste es verlegt werden. Nun soll es im Frühjahr 2021 als hybrides Format stattfinden – also als konventionelles Event, das auch in der virtuellen Welt zum Mitmachen einlädt.  

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