Marina Weisband: Für eine zweite Aufklärung

Für die Netzaktivistin Marina Weisband ist die Digitalisierung so bedeutend wie der Buchdruck. Mit einem Unterschied: Deutschland habe sie bisher verschlafen.

Marina Weisband vor blauem Hintergrund. Foto Lars Borges

Wer in Deutschland über das Thema Digitalisierung nachdenkt, der kommt an ihr nicht vorbei: Marina Weisband ist eine der wichtigsten Netzaktivistinnen des Landes. Früher trieb sie die nötigen Diskussionen als politische Geschäftsführerin und Gesicht der Piraten-Partei voran, heute als Leiterin von Aula, eines Beteiligungsprojekts für Jugendliche.

Es mögen sehr unterschiedliche Welten sein, in denen die 32-Jährige sich in den vergangenen zehn Jahren bewegt hat – „ihren“ Themen ist sie dabei treu geblieben. Das liegt nicht nur an ihrer Begeisterung für die Digitalisierung. Es habe sich leider auch ziemlich wenig bewegt, stellt Marina bedauernd fest, „Deutschland hat die Digitalisierung einfach verschlafen. Das, was wir vor zehn Jahren bei den Piraten gefordert haben – etwa bessere Datensicherheit, mehr Transparenz, eine gute Infrastruktur – ist heute immer noch nicht erfüllt.“

Gegen die Pseudodigitalisierung

Die Corona-Pandemie habe diesen Befund einmal mehr offengelegt; ganz besonders deutlich und deprimierend im Bereich der Bildung. Auch wenn sich heute viele über eine „Pseudodigitalisierung“ freuten, sagt Marina, seien die Lücken noch riesengroß:

„Ein Arbeitsblatt in eine pdf zu verwandeln und auf eine Lernplattform hochzuladen oder ein paar Zoom-Konferenzen abzuhalten, ist kein digitales Lernen.“

Nötig sei so viel mehr: nicht weniger als ein neues Bildungsverständnis. Das Ziel des Lernens könne nicht länger sein, Wissen aufzunehmen, sondern eher die Fähigkeit erwerben, neues Wissen und neue Fähigkeiten zu erlernen. „Dabei sind Fähigkeiten zentral, zu denen Maschinen auch mit künstlicher Intelligenz nicht in der Lage sind: mit anderen zu kommunizieren und zusammen zu arbeiten, kreativ Probleme zu lösen und Ziele zu formulieren und kritisch zu denken.“

Die Jugendlichen sollten die Fähigkeit zur Reflexion ausbilden und die Zeit und den Raum haben, sich zu fragen: Wer bin ich? Was will ich? In was für einer Gesellschaft lebe ich? In was für einer Gesellschaft will ich leben? Und wie komme ich da hin?

Dabei gehe es um deutlich mehr als um die Ausstattung mit digitalen Geräten, sagt Marina: „Diese Art der Bildung ist Beziehungsarbeit.“ Dafür brauche es deutlich mehr kompetentes Personal – und das sei aktuell weder verfügbar, noch seien die Bildungsministerien der Länder willens, die enormen Kosten dafür aufzubringen.

Dass sich das aber lohnen würde, davon ist Marina überzeugt. Die studierte Psychologin kommt ins Schwärmen, wenn sie von den Chancen spricht, die die Digitalisierung der Menschheit biete: eine „zweite Welle der Aufklärung“ stehe dank der digitalen Möglichkeiten bevor.

Sie halte die Digitalisierung für ähnlich bedeutend wie den Buchdruck, sagt Marina. „Der hat damals eine komplette Veränderung der öffentlichen Kommunikation mit sich gebracht und es ermöglicht, dass ein Mensch zu vielen anderen kommunizieren konnte und damit zu völlig neuen Maximalforderungen an das menschliche Sein geführt. Mit dem Internet ist die Kommunikation von vielen zu vielen möglich, es eröffnet ungeahnte Möglichkeiten der Teilhabe.“

Tauziehen um die Demokratie

Doch bei aller Begeisterung: Marina hält es nicht für ausgemacht, dass die positiven Folgen der Digitalisierung überwiegen werden. „Wir haben es mit einer mächtigen Waffe zu tun, die in den Händen von Diktaturen, Konzernen oder Geheimdiensten durchaus eine sehr gefährlich sein und die Demokratie auch zerstören kann.“

Marina Weisband beim Digital Social Summit | Online 25./26. Mai 2020 (Foto: Digital Social Summit)

Die Digitalisierung mache die Welt weder demokratischer noch weniger demokratisch, sie sei letztlich nicht mehr oder weniger „als der große Verstärker: Wenn ich faul auf der Couch liegen möchte, kann ich das mit dem Smartphone in der Hand tendenziell noch besser. Und wenn ich politisch aktiv sein möchte, kann ich das mit dem Smartphone in der Hand auch besser. Die Digitalisierung verstärkt die Tendenzen, die es in der Gesellschaft sowieso gibt.“ Welche sich dabei letztendlich durchsetzen würde, darum gebe es aktuell „ein Tauziehen“.

Die fragen, die sich auskennen

Marina Weisband ist ein optimistischer Mensch, sie bemüht sich darum, in den Dingen primär das Gute zu sehen. Mit dem Projekt Aula, das sie mit Hilfe des Vereins „Politik Digital“ konzipiert und umgesetzt hat und seit 2015 leitet, bohrt sie – einmal mehr – ein dickes Brett: Sie kämpft um direkte demokratische Mitgestaltung an Schulen. Das System Schule, sagt sie, sei ein extrem schwerfällig, wahnsinnig hierarchisches und zutiefst autoritäres.

Das habe sich besonders während der Schulschließungen im Frühjahr gezeigt. Schüler:innen seien alle paar Wochen veränderte Regeln präsentiert worden, die von den Ministerien ganz oben über Schulleitungen und Lehrer:innen nach unten durchgereicht worden seien. „Aber diejenigen, die sie ausführen mussten- und sich im Übrigen am besten von allen Beteiligten mit der Technologie auskennen – wurden weder gefragt, noch konnten sie mitbestimmen.“ Das aber müsse sich ändern. Denn nur, wer schon früh gelernt habe, sich einzubringen und Verantwortung für Gesellschaft zu übernehmen, sei für die Herausforderungen der digitalen Welt gewappnet – und könne sie gerechter und demokratischer gestalten.

Alle sollen mitreden

Marina wünscht sich, dass eine starke Zivilgesellschaft mitredet, wenn es darum geht, das Netz und die Regeln der Digitalisierung zu gestalten und das eben nicht Diktatoren oder Datenkraken überlässt. Aktuell sehe sie da jedoch noch nicht genug Kraft und eher einen Kampf von David gegen Goliath. „Natürlich gibt es Vereine und Initiativen wie etwa Digitalcourage, Politik Digital oder den CCC, die ganz viel leisten. Aber die sind chronisch unterfinanziert. Ihre Ausstattung ist im Vergleich zu dem, was Konzerne wie Microsoft aufbieten können, winzig.“

Dennoch dranbleiben, nicht aufgeben: Das ist ihr Motto, sowohl im Job als auch ganz persönlich. 2014, so erinnert sie sich, da habe sie, die immer begeistert getwittert habe, selbst kurz hingeschmissen, zermürbt von den Anfeindungen im Netz, mit unzähligen Todes- oder Vergewaltigungswünschen. „Aber irgendwann war es mir selbst peinlich, dass ich mich von Typen, die mich hauptberuflich fertigmachen, mundtot habe machen lassen.“ Spätestens mit dem Erstarken der AfD sei sie davon überzeugt gewesen, „dass ich es mir nicht mehr leisten kann, leise zu sein“ und wieder angefangen, sich online einzumischen. Denn:

„So pathetisch es klingt – das Netz, die Demokratie, das sind wir alle. Da müssen wir alle Verantwortung übernehmen.“

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