Hacker School: Jugendliche lernen programmieren (@home)

Ein Weltraumabenteuer programmieren, eine eigene Webseite bauen oder Emoticons sprechen lassen – all das lernen Kinder und Jugendliche in der Hacker School. Bis vor einem Jahr analog und vor Ort. Durch die Corona-Kontakteinschränkungen hat die Hacker School nun den Sprung ins Digitale gewagt.

Foto eines Workshops der Hacker School mit Inspirer und Jugendlichen

Für die Hacker School war Corona die Zwangspause, die sie gebraucht hat, um ihre Arbeit umzustellen. „Immer wieder haben wir uns gesagt, dass wir unsere Hacker School digital anbieten sollten. Den Schritt aber auch zu gehen, dazu waren wir irgendwie noch nicht bereit“, sagt Dr. Julia Freudenberg, Leiterin der Hacker School. In ihren Videos tritt sie meistens in Hacker-School-T-Shirt oder einem Kapuzenpullover auf. Sie spricht schnell und begeistert von ihrem Projekt.

Die gemeinnützige Hacker School gibt es seit 2014. Ziel der Initiative ist es, dass jedes Kind in Deutschland einmal in seiner Schulzeit eine Code-Zeile geschrieben haben sollte, bevor es sich für einen Beruf entscheidet. „Leider wird der ganze Technologie-Bereich an den Schulen immer noch vernachlässigt“, sagt Julia. Wenn dort Informatik angeboten würde, bekämen die Kids vor allem beigebracht, wie man dieses oder jenes Programm anwende. „Doch das reicht nicht. Es geht um den Blick hinter die Oberfläche. Wie hängt was zusammen? Wieso sind Programme so oder so aufgebaut? Wie und wieso fährt ein Roboter vorwärts, wenn man ihm einen Befehl dazu gibt?“ Genau das wollen sie den Kids spielerisch und ohne Druck vermitteln. Vielleicht entscheidet sich der eine oder andere dann doch für einen IT-Beruf.

Foto von Julia Freudenberg von der Hacker School

„Wir hatten im März 2020 dreißig Veranstaltungen in ganz Deutschland fertig geplant. Anmeldungen, Zusagen, alles war schon draußen.“

Apps, Codes & Roboter

Das Hacker School-Konzept: Sie bringen Kinder und Jugendliche zwischen 11 und 18 Jahren mit IT-Spezialist:innen von kleinen und großen Unternehmen zusammen. „Diese nennen wir Inspirer, denn das ist genau das, was sie machen sollen: Die Kids inspirieren“, sagt Julia. Zwei Tage lang, für jeweils vier bis sechs Stunden, machen die Inspirer die Kinder und Jugendlichen mit der Welt von Bits und Bytes, von Computern, Künstlicher Intelligenz, Apps, Codes, Robotern und Programmen vertraut. Die Themen variieren, je nachdem was das Spezialgebiet des Unternehmens oder der Inspirer ist. Die Workshops finden in den Unternehmen selber statt. So können die Jugendliche Einblicke in potentiell-zukünftige Arbeitswelten gewinnen.  

Eine der Hacker School-Sitzungen fand im Software-Unternehmen Sipgate statt. Ende 2019 war das, 30 Kinder kamen. Drei Workshops waren angesetzt, die jeweils von zwei Inspirer betreut wurden. In einem Workshop sollte eine Wetterstation mit einem Mikrocontroller und einem Web-Interface gebaut werden. In einem anderen Alexa eine Fähigkeit beigebracht – und im letzten Workshop ein Mühle-Spiel für den Browser programmiert werden. Die Kinder suchten sich aus, was sie am meisten interessierte.

Pair Programming und strahlende Kinderaugen

So erklärten die Inspirer beispielsweise beim Coding des Mühle-Spiels am ersten Tag, wie das Programmieren in Visual Studio Code und JavaScript überhaupt funktioniert. Damit das Ganze auch Spaß macht, sollten die Teilnehmenden das Suchfenster auf der Google-Suchseite verstecken, Webseitenfarben ändern und Elemente sich bewegen lassen. Dabei arbeiten immer zwei Kinder an einem Laptop (das sogenannte Pair Programming). Am zweiten Tag machten sie sich mit diesen neuen Fähigkeiten an das Mühle-Spiel – das am Ende auch fast fertig wurde.

Nach den zwei Tagen kamen die Kinder im Plenum zusammen. Jedes Paar konnte seine Ergebnisse präsentieren. Allen wurde ausgiebig applaudiert. Viele der Kinder waren mächtig stolz und hatten strahlende Augen. So berichtet es Julia, so schreiben es die Sipgate-Inspirer auf ihrer Webseite. „Wir hatten Angst, dass unser spezieller Hacker School Spirit und diese strahlenden Augen bei einem Online-Format verloren gehen würden. Deshalb sind wir das nie angegangen“, sagt Julia. Dann kam Corona und sie mussten es einfach wagen. „Wir hatten im März 30 Veranstaltungen in ganz Deutschland fertig geplant. Anmeldungen, Zusagen, alles war schon draußen.“ Sie mussten absagen, bekamen viele Mails von traurigen Kindern.

Digitaler Start geglückt

Damit all die Interaktion, Vernetzung uns soziale Wärme nicht verlorengeht, hat das Hacker School-Team lange überlegt, wie man die Workshops ins Digitale übertragen könnte – und was es dazu braucht. Das „Pairprogramming“ sollte auf jeden Fall beibehalten werden. Die Inspirer sollten jedes Paar so gut betreuen können wie vorher auch. Am Ende sollte man die Ergebnisse präsentieren können. Der Spirit sollte erhalten bleiben.

Schon fünf Tage später stand der erste Workshop-Prototyp: „Hacker School @Home“. „Wir haben uns für Zoom entschieden, weil wir da die Break-Out-Sessions für die Team-Arbeit nutzen können“, sagt Julia. Zur Umsetzung bekamen die Jugendlichen einen programmierbaren Minicomputer nach Hause geschickt. Zusätzlich brauchten sie nur noch einen normalen Laptop, Kamera, Zoom und natürlich Internet. Dann konnte es losgehen – Nervosität im Team der Hacker School hinter den Kulissen inklusive: Würde alles klappen?

Bis auf ein paar technische Anfangsschwierigkeiten lief die Probe gut. Die Kinder waren glücklich, die Eltern hatten ein paar freie Stunden. Von da an folgte ein Online-Kurs nach dem anderen. Immer acht Kids und zwei Inspirer. Mal ging es um Scratch, dann um die Programmiersprache Python in Kombination mit dem Grafikprogramm Modul Turtle, oder um Passwörter. Ein großer Vorteil des digitalen Angebots: Kinder können ortsunabhängig teilnehmen und müssen keine weiten Wege auf sich nehmen. Es hätten auch mehr Mädchen mitgemacht als sonst, berichtet Julia. Insgesamt wird das Angebot sehr gut aufgenommen, die Kurse sind ausgebucht und die Wartelisten sind voll. Die Sorge, dass den Kindern und Jugendlichen vier Stunden am Rechner zu viel werden könnten, erfüllte sich nicht.

Foto aus der Girls-Hacker School von Mädchen vor einem Tablet und einer Inspirerin.
Ein Foto aus analogen Tagen: Die Girls Hacker School speziell für Mädchen.
(Foto: Hacker School)

Kids abgehängt

Ein Problem wuchs im Digitalen aber an. Kinder und Jugendliche aus sozioökonomisch schwachen Haushalten haben es noch schwerer, an den Kursen teilzunehmen. Normalerweise kommen die Kinder zu den Kursen und die gesamte Technik ist vorbereitet. Nun brauchen sie einen Laptop, eine Kamera und einen Internetzugang. „Wir können den Kids das alles leihweise zusenden“, sagt Julia, doch oft taucht dann schon das nächste Problem auf. Bei sechs Menschen in drei Zimmern findet sich einfach kein ruhiger Arbeitsort für ein vierstündiges Seminar.

Julia bleibt optimistisch: „Wir haben das auf den Schirm und arbeiten an Lösungen“. Lösungen, damit am Ende alle mitmachen können. Speziell für Mädchen haben sie schon die Girls Hacker School ins Digitale transportiert, damit im Programmbier-Bereich noch stärker geschlechterspezifische Ungleichheiten abgebaut werden.

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