Ann Cathrin Riedel: Technologie muss den Menschen schützen

Ann Cathrin Riedel will eine ethische Digitalisierung und warnt vor blindem Technologieglauben. Um mehr bewegen zu können, tritt sie nun für den Bundestag an.

Foto von Ann Cathrin Riedel

Es gibt Tage, an denen ist Ann Cathrin einfach lockdown-müde. Da hat sie keine Lust, den dritten Videocall des Tages zu führen oder schon wieder Essen beim Lieferservice zu bestellen. An denen wünscht sie sich, sie könnte einfach wieder Freund:innen einladen und für sie kochen und den ganzen Abend mit Wein an ihrem Esstisch verquatschen. So sehr die 33-Jährige auf digitale Tools steht: Im Moment wünscht sie sich oft die analogen Zeiten zurück.

Das innovativste Tool muss nicht digital sein

Ann Cathrin ist Digital-Expertin, sie arbeitet als Themenmanagerin für Digitalisierung und Innovation für die FDP-nahe Friedrich-Naumann-Stiftung und ist Vorsitzende von LOAD, einem Verein für liberale Netzpolitik. Da, wo viele die Corona-Pandemie als vermeintlichen Katalysator der Digitalisierung feiern, sieht sie auch Gefahren: Sie schließe nicht aus, sagt die Berlinerin, „dass viele Menschen der digitalen Tools inzwischen auch überdrüssig sind. Seit wir plötzlich alle zu Hause bleiben mussten, ist auch so eine Mentalität entstanden, jetzt etwa alles über Videokonferenzen besprechen zu müssen – auch Dinge, die wir in einem simplen Telefonat regeln könnten.“

Es gebe heute so etwas wie eine „Zoom-Fatigue“; einen Zustand der Erschöpfung, der nach Videokonferenzen viel größer sei als nach face-to-face-Veranstaltungen, weil es für das Gehirn viel anstrengender sei, Menschen bei Online-Konferenzen über einen Bildschirm zu sehen und ihre Gesichter zu lesen. Sie glaube deshalb, so Riedel, es sei sinnvoller, wieder genau abzuwägen, wo bestimmte Technik sinnvoll sei und wo eben nicht. „Das innovativste Tool muss einfach nicht per se digital sein. Manchmal ist es die revolutionärste Idee, einen Zettel im Hausflur aufzuhängen und Nachbar:innen Hilfe anzubieten.“ Idealerweise werde es künftig eine schlaue Mischung aus analogen und digitalen Formaten geben.

Klugen Pragmatismus: Den wünscht sich Ann Cathrin in allen Lebensbereichen, vor allem aber auf dem Feld der Digitalisierung. Stattdessen sieht sie häufig „ritualisierte Debatten, die uns kein Stück weiterbringen“ – etwa um den Datenschutz. Der werde allzu oft als Scheinargument angeführt und gelte als Verhinderer des digitalen Fortschritts.  Riedel ärgert das. Sie wünscht sich zweierlei: dass die sinnvolle Nutzung von Daten nicht aus Angst vor Datenschutzveränderungen stagniert, was insbesondere in Verwaltungen bisher häufig der Fall sei – und dass die Zivilgesellschaft sich künftig stärker einbringt, wenn es um Fragen der ethischen Digitalisierung geht, die die Einhaltung der Menschen- und Bürgerrechte zu ihrer Priorität macht.

Ann Cathrin sagt, der Staat müsse sich endlich als Servicedienstleister sehen und die „Datenschätze“, über die er verfügt, für eine bessere Entscheidungsfindung und zum Wohle der Bürger:innen nutzen. „Warum soll es denn nicht gehen, Anliegen, für die ich bisher ein Amt aufsuchen muss, auch von daheim zu bearbeiten?“ Hier müssten Verwaltungen sich auf die Potentiale der Daten und den Mehrwert von deren Nutzung einlassen und nicht Bedenken wichtiger nehmen als Chancen. Doch Ann Cathrin ist keine Digitalisierungs-Fetischistin. Im Gegenteil: Es ärgert sie, „wenn Datenschützer:innen immer wieder als hysterisch und fanatisch abgetan werden. Wir brauchen eine Digitalisierung, die auf unseren Werten beruht. Da muss die Zivilgesellschaft sich einbringen.“

Textgrafik. Drei Fragen an Ann Cathrin Riedel.

Aus Ärger über die SPD in die Politik

Die Diskussion um die Corona-App habe einmal mehr deutlich gemacht, dass „Daten und Technologie generell nur einen Zweck haben: Sie müssen dem Menschen nützen. Sie sind Werkzeug zur Erreichung seiner Ziele, nie die Lösung selbst. Die bloße Forderung nach ,mehr Daten’ wird nicht als Selbstläufer zum Erfolg bei der Virusbekämpfung führen.“ Sie warne vor „blindem Technologieglauben“, denn der führe nicht nur nicht zu den bestmöglichen Lösungen. „Im Gegenteil: Er ist schlimmstenfalls sogar Steigbügelhalter für eine tiefgreifende digitale Überwachung.“

Ann Cathrin brennt für ihre Themen, das ist auch ein einem Zoom-Interview nach wenigen Minuten spürbar.  Diese Leidenschaft hat sie sogar in die Politik geführt, „obwohl ich vollkommen unpolitisch aufgewachsen bin“. Aber 2015 habe sie sich so sehr darüber geärgert, dass die SPD-Basis der Vorratsdatenspeicherung zugestimmt hat, dass sie in die FDP eingetreten sei. Ein Schritt, der in diesem Jahr ganz grundsätzliche Folgen für Ann Cathrins Leben haben wird, wenn alles gut geht: Gerade erst wurde sie zur FDP-Direktkandidatin für den Wahlkreis Friedrichshain-Kreuzberg/Prenzlauer Berg Ost gewählt – mit satten 100 Prozent. Riedel freut sich über so viel Unterstützung. Ein Traumjob ist das Dasein als Bundestagsabgeordnete für sie aber dennoch nicht. „Ich habe viel Respekt vor der Belastung und der Arbeitsfülle, die damit verbunden ist. Aber ich denke eben auch, dass das Parlament der Ort ist, an dem ich am meisten bewegen kann. Und deshalb will ich die Chance nutzen, die mir da geboten wird.“

Ein Grundgesetz für den digitalen Raum

Nun also Wahlkampf. Für Ann Cathrin bedeutet das auch, dass sie praktisch erfahren wird, was sie lange theoretisch bearbeitet hat. Vor der Tätigkeit in der Friedrich-Naumann-Stiftung hat die studierte Islamwissenschaftlerin nämlich als Beraterin für strategische digitale Kommunikation gearbeitet. Insbesondere bei den Parteien, sagt sie, sei habe sich da in den vergangenen Jahren zwar viel getan, es sei „aber immer noch gut Luft nach oben“. Es brauche bei vielen Politiker:innen noch immer die Erkenntnis, „dass die Kommunikation in Social Media deutlich mehr ist als eine one-way-Kommunikation, bei der ich einfach meine Botschaften ablade“. Der Austausch sei hier dynamischer und diskursiver, „hier muss ich häufig authentischer und flexibler sein“. Das sei häufig anstrengend und herausfordernd, der große Vorteil aber bestehe darin, „dass wir im Digitalen viel mehr Menschen erreichen können als bei klassischen Wahlkampfveranstaltungen, von denen etwa Menschen mit eingeschränkter Mobilität häufig ausgeschlossen sind“.

Grundsätzlich halte sie bei allen Problemen auch gute politische Diskussionen im digitalen Raum für möglich, so Ann Cathrin – vorausgesetzt, das Spiel folge fairen Regeln. Gerade die jüngsten Ereignisse in den USA hätten mit dem Sturm auf das Kapitol deutlich gezeigt, „welche analogen Auswirkungen Hass und Hetze, Desinformation und Verschwörungserzählungen, die im Netz verbreitet werden, haben können“ und wie wichtig es sei, dass die Europäische Kommission mit dem Digital Services Act und dem Digital Markets Act ein neues Grundgesetz für den digitalen Raum festlege. Auch die Sicherheitsbehörden müssten Facebook und Co stärker als bisher in den Blick nehmen. Diese hätten „vier Jahre lang nichts“ gegen Trumps Hetze und Desinformation unternommen und so nichts zur Verteidigung der Demokratie beigetragen. 

Ann Cathrin will, dass sich das ändert. Und sie will dazu beitragen – auch wenn dafür noch endlose Zoom-Meetings nötig sind. Die Entschlossenheit schlägt an diesem Punkt eindeutig die Erschöpfung.

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