Linus Steinmetz: Das Internet als Alternative zur analogen Welt

Linus ist Pressesprecher von Fridays For Future, Gymnasiast – und mit der Digitalisierung aufgewachsen. Er sagt: Jugendliche haben oft gar keine andere Wahl, als sich online zu bewegen.

Foto von Linus vor Stadtkulisse.

Er ist ziemlich genau das, was der Begriff „Digital Native“ beschreibt: Linus Steinmetz kann sich ein Leben ohne Internet nicht vorstellen. Wie auch? 2003 geboren kennt der Göttinger Gymnasiast schlicht kein Leben, das ausschließlich offline stattfinden würde. „Ziemlich unvorstellbar“ sei das für ihn, sagt er, „im Grunde finden alle meine Hobbys, mein Engagement und mein Kontakt zu Freund:innen übers Internet statt. Mir fällt spontan kein Aspekt meines Lebens ein, der davon ausgenommen wäre.“

Noch stärker als ohnehin schon bestimmt die Digitalisierung gerade seinen Aktivismus. Linus ist Pressesprecher bei Fridays for Future in Deutschland – und seit die Corona-Pandemie mit ihren Kontaktbeschränkungen Protestaktionen auf den Straßen schwierig macht, hat der Online-Anteil seiner politischen Arbeit noch mehr zugenommen. Das sei letztlich nur folgerichtig: „Als ich das erste mal in Kontakt mit politischer Arbeit gekommen bin, war das ja auch nicht über einen Flyer, sondern eine WhatsApp-Nachricht.“

Wenn die Bilder aus dem Reallife fehlen

Die Pandemie habe in den letzten Monaten noch mehr Dinge ins Digitale gebracht. „Wir treffen uns jetzt nicht mehr persönlich, sondern organisieren das über Zoom oder Livestreams.“ Eine besondere Herausforderung seien die Demonstrationen, die ja lange das Markenzeichen von FFF waren. „Wir sind uns der Tatsache bewusst, dass wir ganz stark von den Bildern solcher Veranstaltungen leben und wie schwer es ist, dafür Ersatz zu finden. Da probieren wir grade viel aus.“

Ein Versuch: Im Frühjahr haben die Aktivist:innen tausende Schilder und Plakate vor dem Bundestag ausgelegt, um unter dem Motto „Fight every crisis“ daran zu erinnern, dass auch in Zeiten der Corona-Sorgen andere, dringende Themen nicht von der Agenda verschwinden dürfen. Auch online streikten die Aktivist:innen weiter, vor allem auf Twitter und Instagram.

Greta Thunberg als Inspiration

Linus weiß, wie ungewöhnlich es für viele ist, dass ein Mensch in seinem Alter sich so öffentlichkeitswirksam engagiert. Für ihn hingegen ist es ganz normal: Er habe immer das Bedürfnis gehabt, mitzugestalten und etwas gegen den Klimawandel zu tun, „aber da wurde ich nicht so super ernst genommen“. Als er dann Ende Dezember 2018 die Bilder von Greta Thunberg gesehen habe, die ihren Schulstreik so beharrlich durchgezogen habe, da habe er zum ersten Mal das Gefühl gehabt, dass es doch eine Chance gebe, gehört zu werden.

Dass ihm und vielen seiner Mitstreiter:innnen immer unterstellt wird, sie würden instrumentalisiert, ärgert Linus. Mit eigenen Forderungen auf die Straße zu gehen und gegen politische Entscheidungen zu protestieren, das sei doch urdemokratisch – und politisches Bewusstsein einfach keine Frage des Alters. Bedauerlicherweise aber hätten „die alten weißen Männer“ in den früheren Volksparteien „null Verständnis für Jugend- und Zukunftsthemen“.

Bild mit Text:
"Drei Fragen an Linus Steinmetz.
Was ist deine aktuelle Lieblings-App?
Auch wenn das aus Datenschutzsicht natürlich hochproblematisch ist: WhatsApp und Telegram.

Auf welche Begleiterscheinungen der Digitalisierung 
könntest du am ehesten verzichten?
Auf Eltern in sozialen Netzwerken. Wir Jugendlichen sind andauernd auf der Flucht vor ihnen, erst sind sie uns auf Facebook hinterhergekommen, jetzt haben sie Instagram entdeckt. .

Angenommen, du wärest für einen Tag Digitalminister: 
Was wäre deine erste Amtshandlung?
Ich würde alle Schüler:innen mit einer digitalen Schulausstattung versorgen. Jede Klasse sollte komplett mit iPads ausgestattet werden."

Die Krise ist nicht mehr abstrakt

Für seine Generation sei die Klimakrise keine abstrakte Gefahr, so der Gymnasiast, der Umgang damit werde ihr Leben konkret beeinflussen. Und auch hier sei die Digitalisierung eine echte Chance: Wer in einer Welt erwachsen werde, in der die Notwendigkeit jedes Flugs abgewogen werden müsse, ein eigenes Auto keine Selbstverständlichkeit mehr sei, für den sei etwa die Möglichkeit, Gleichgesinnte übers Internet mobilisieren und zusammenbringen zu können, existentiell. Er finde die Erkenntnis spannend, dass nicht alle Menschen die Welt selbst bereisen müssten, um viele Eindrücke zu erleben, sagt Linus.

Das sei im Übrigen auch gar nicht nur eine Frage des Wollens:  „Für meine Generation ist es eben einfach nicht mehr möglich, mal eben nach Südfrankreich oder Kalifornien zu fliegen – schon allein wegen der Waldbrände.“ Das Internet sei für ihn und viele Freund:innen deshalb mehr als nur ein Mittel der Unterhaltung, es ersetze vieles, was für Ältere früher offline möglich gewesen sei. „Wir können heute eben nicht in jedem Fall physisch beieinander sein. Aber wir können unsere Treffen digital organisieren.“ Grundsätzlich aber ist der Schüler dagegen, Klimaschutz grundsätzlich von den Möglichkeiten des individuellen Verzichts her zu denken. Die Veränderungen müssten viel, viel größer sein: „Das System macht es, so wie aktuell geschaffen ist, den Menschen unmöglich, klimaneutral zu leben. Da muss die Politik grundlegend ran.“

Hauptberuf Schüler, Nebenjob Politik

Aktivist zu sein, sich mit den eigenen Anliegen Sicht- und Hörbarkeit zu verschaffen, wie Linus es als FFF-Pressesprecher tut, euphorisiert, ist aber auch gleichzeitig anstrengend. „Mehr als 20 Stunden pro Woche“ wende er für seine FFF-Aktivitäten auf, sagt Linus, „das hat mindestens den Umfang von einem Teilzeitjob, phasenweise auch mehr“. Ganz nebenbei besucht er noch die Schule – und hat auch hier zur Kenntnis genommen, dass „viele Forderungen, die wir schon seit Jahren haben, mit Corona erstmals umgesetzt wurden“. Als jemand, der sich seit seiner Geburt selbstverständlich im Digitalen bewege, habe er angesichts der ersten wackeligen Videokonferenzen während des Homeschoolings manchmal mit dem Kopf geschüttelt und sich gefragt, warum das System Schule sich „überwiegend in Trippelschritten bewegt“ – aber insgesamt sei er einfach froh, dass sich überhaupt so vieles bewegt habe.

Linus hofft, dass in der Schule jetzt langsam das normal wird, was seinen übrigen Alltag ohnehin ausmacht. Und dann solle sich bitte auch gern das antiquierte Bild vieler Älterer von der Generation Smartphone ändern. Wer sich daran störe, wie oft er sein Handy in der Hand habe, für den habe er nur eine Antwort: „Ich habe mit meinem Smartphone gerade erst einen Streik mit 100.000 Teilnehmenden organisiert und die Besetzung einer Bühne in Berlin organisiert, vor der dann 20.000 Menschen gestanden haben. Das ist kein Rumgedaddel. Damit verändern wir die Welt.“

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