»Alle wollen Beteiligung – keine:r macht mit«. Über die Unterhaltung einer Beteiligungsplattform im Jahr 2020

Das Forum Digitalisierung und Engagement des Bundesnetzwerks Bürgerschaftliches Engagement hat sich einiges vorgenommen: Innerhalb des zivilgesellschaftlichen Diskurses sowie in seinem Verhältnis zu Staat und Wirtschaft will es die Grundlagen für ein gemeinsames Verständnis der Chancen und Risiken der Digitalisierung für die Bürgergesellschaft und das bürgerschaftliche Engagement erarbeiten. Zentrales Element: Eine Beteiligungsplattform. Doch die ins Rollen zu bringen – gar nicht so leicht.

Über die Schulter einer jungen Frau an zwei Regie-Laptops sieht man im Hintergrund eine Moderatorin beim BBE-Forum Digitalisierung und Engagement

Ein Rückblick

Vor nunmehr einem halben Jahr ist die Online-Beteiligungsplattform des Forums Digitalisierung und Engagement live gegangen. In dieser Zeit ist viel passiert – nur auf unserer Plattform nicht. Das mag zwar etwas überspitzt und dramatisch klingen, in großen Anteilen stimmt es jedoch. Die Plattform – einst angedacht als zusätzliches Forum der Beteiligung zum eigentlichen Veranstaltungsprozess – scheint ihren Zweck nicht ganz erfüllen zu wollen (oder zu können?). Aber erst einmal zurück zum Anfang.

Mit dem Aufsetzen einer Beteiligungsplattform ist das Forum Digitalisierung und Engagement einen ganz neuen Weg im Engagementsektor gegangen. Anstatt sich nur auf Veranstaltungen zu begegnen und auszutauschen oder die altbekannten sozialen Netzwerke zu verwenden, wurde eine Plattform ins Spiel gebracht. Sie sollte es ermöglichen, den gesamten Forumsprozess nicht nur transparent abbildbar und für jede:n nachvollziehbar zu machen, sondern auch Stimmen einzufangen, Ideen zu generieren und zur Diskussion zu stellen, Kommentare und Meinungen zu konkreten Themenschwerpunkten abzufragen, und ganz allgemein den Diskurs zum Digitalen Wandel zu beleben. So weit, so gut.

Um die genannten Ziele zu erreichen, haben wir mit Expert:innen einer Beteiligungsagentur eine Strategie erarbeitet, um die geplanten »Offline«-Veranstaltungen und die Online-Plattform gut miteinander zu verzahnen. Austausch, Beteiligung, Vernetzung online – das klang neu. Und dann kam die Corona-Pandemie. Wir alle fanden uns auf einmal mehr im digitalen Raum wieder als im analogen und auch mehr, als manch einer oder manch einem von uns mitunter guttat. Die Folge: neben all den Zoom-Konferenzen, virtuellen Arbeitsmeetings, Social-Media Auftritten, Online-Freiwilligenmanagementaktionen war eine »neue Plattform« – und eine, auf der man sich auch noch engagieren soll (statt einfach nur zu konsumieren) – auf den zweiten Blick gar nicht mehr so attraktiv.

Das Wichtige am Content ist der Content

Ein Blick auf die Anzahl der veröffentlichten Kommentare auf der Plattform machte uns schnell deutlich: unsere einstige Strategie schien nicht aufzugehen. Also verwarfen wir unser ursprüngliches Konzept, konsultierten abermals die Expert:innen der Agentur und gestalteten die Plattform mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln inhaltlich um. Anstelle vieler verschiedener Beteiligungsmodule und Dialoge ist die Plattform jetzt schon fast »lean«, was so viel bedeutet wie herunterreduziert auf die wirklich wichtigen Aspekte und ohne »Informationsverschwendung«. Und anstelle des »künstlichen« Einspeisens von Inhalten durch unser Team brachten wir mit der Kolumne »Das Forum fragt« die Stimmen und Einschätzungen von Expert:innen auf unsere Seite.

Mithilfe kurzer, prägnanter Stellungnahmen zu zentralen Fragen des digitalen Wandels erhoffen wir uns, den Besucher:innen Impulse für die eigene Positionierung zu geben. Denn Mitgestaltung der Digitalen Transformation bedeutet auch, sich eine Meinung zu ihr und den zentralen Themenschwerpunkten wie Digitale Kompetenz, Organisationsentwicklung, Datenschutz und Datensicherheit oder Demokratieentwicklung zu bilden. Zu jeweils einem dieser Themen findet sich ab sofort ein Gastbeitrag pro Woche in der Rubrik »Das Forum fragt« auf unserer Plattform.

Wie war das noch mit der Partizipation? Ach ja, man muss mitmachen.

Seit Beginn unserer neuen Kampagne haben wir im Direktvergleich mehr Plattformbesuche und Anmeldungen erreichen können – für uns also schon mal ein Gewinn. Allerdings zeigen sich die Besucher:innen noch immer verhalten, wenn es darum geht, von ihren ganz eigenen Erfahrungen zur Digitalisierung zu berichten oder zu artikulieren, welche Bedarfe sie bei der Arbeit oder im Ehrenamt haben. Wir merken also: Partizipation zu ermöglichen ist einfach, Partizipation erfolgreich zu gestalten, das ist wahre Kunst! Denn wie es so schön heißt: »Man kann niemanden zu seinem Glück zwingen«. Partizipation, das ist ein wechselseitiger Prozess. Wir können eine Plattform bauen, Anreize schaffen, über verschiedene Medien Aufmerksamkeit erzeugen, und doch: Letztlich steht und fällt jedes Beteiligungskonzept mit den Menschen, die zur Beteiligung eingeladen und aufgerufen werden.

Wenn die Zivilgesellschaft es zukünftig schaffen möchte, im Diskurs mit Wirtschaft und Politik mitzureden, dann sollte sie heute schon in der Lage sein, sich auf einer Plattform, auf der die zentralen Fragen diskutiert werden, einzubringen. Ein »Das haben wir so nicht gewollt« oder »Da wurden wir ja nie zu befragt« hat dann keine Gültigkeit mehr. Ob Ideen und Denkimpulse am Ende zu praktischen Lösungen führen können wir nicht versprechen.

Auftaktveranstaltung des Forum Digitalisierung und Engagement. Paulina Fröhlich moderiert, während die beiden Autorinnen dieses Texts die Regie übernehmen. Foto: BBE/ Jakob Marwein

Was wir aber versprechen können, ist, dass jede Form von Input, Meinungsäußerung, Erfahrungsbericht oder Feedback, der auf unserer Plattform eingeht, in die Erarbeitung der Handlungsempfehlungen miteinfließen, die am Ende des Projektes an die politischen Entscheidungsträger:innen in Form eines Abschlussberichtes übergeben werden sollen. Im Umkehrschluss bedeutet das: Wenn das Forum keinen Input aus der Praxis erhält, dann können die Handlungsempfehlungen am Ende auch nur auf eher grundsätzlichen Annahmen beruhen.

Es ist Zeit – macht jetzt mit!

Eine Erkenntnis, die das »Corona-Jahr« ebenfalls hervorgebracht hat: Es geht nicht mehr ohne Digitalisierung. Digitalisierung ist aber kein Endergebnis, sondern ein zu gestaltender Prozess und es wird Zeit, dass wir alle als Engagierte endlich zur Tastatur greifen, unsere Meinung artikulieren, mit anderen diskutieren, Ideen ersinnen, Kritik üben und uns am Diskurs BETEILIGEN.

Du hast eine Meinung, dich bisher aber auch noch nicht beteiligt? Dann freuen wir uns, mehr über die Gründe deiner Abstinenz zu erfahren. Die Beteiligungsplattform erfüllt keinen Selbstzweck, sie soll euch und euren Organisationen Gehör verschaffen.

Würdest Du dich gerne beteiligen, bisher war »dein« Thema aber noch nicht dabei? Dann lass uns doch einfach wissen, mit welchen Fragen du dich befasst und welche es zu diskutieren lohnt. Wir sind für jeden Hinweis dankbar.

Lasst uns das Forum Digitalisierung und Engagement gemeinsam ausgestalten, so, dass wir uns am Ende mit einer »gemeinsamen« Stimme (die durchaus auch ambivalent und kontrovers sein darf) positionieren können – in unseren eigenen Kreisen, gegenüber der Wirtschaft und der Politik. Hier gelangt ihr direkt zu den aktiven Dialogen auf der Plattform.

Dieser Artikel erschien zuerst im BBE-Newsletter Nr. 20 vom 8. Oktober 2020. Leichte Anpassungen in der Tonalität erfolgten für die Zweitveröffentlichung auf D3 – so geht digital. Titelfoto: BBE/ Jakob Marwein

Die Autorinnen

Dana Milovanovic, BBE vor grauer Wand.

Dana Milovanovic ist Referentin im Projekt »Forum Digitalisierung und Engagement« des BBE. Sie studierte Kulturwissenschaften im Bachelor und Soziokulturelle Studien im Master an der Europa Universität Viadrina in Frankfurt Oder. Zuletzt war sie für das Nachbarschafts-netzwerk nebenan.de tätig und hat dort die Zusammenarbeit mit gemeinnützigen Organisationen verantwortet.

Teresa Staiger ist Referentin im Projekt „Forum Digitalisierung und Engagement“ des BBE. Zuvor war sie am Max-Planck-Institut für Intelligente Systeme tätig. Sie hat ihr Studium an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und Cardiff University (B.A. Politikwissenschaft und Geschichte) und an der Philipps-Universität Marburg (M.A. Politikwissenschaft) absolviert. Privat engagiert sie sich bei Start with a Friend.

Du hast den Artikel zu Ende gelesen. Bewerte jetzt wie er dir gefallen hat oder
[Total: 6 Durchschnitt: 4.5]

2 thoughts on “»Alle wollen Beteiligung – keine:r macht mit«. Über die Unterhaltung einer Beteiligungsplattform im Jahr 2020

    1. Liebe Ulrike,

      vielen Dank, dass du deine Erfahrung ganz offen mit uns teilst, auch wenn diese natürlich nicht deinem Wunsch entspricht! Wir würden uns dir und uns natürlich auch mehr Beteiligung wünschen. Mit Veranstaltungen haben wir bisher im Forum ganz gute Erfahrungen gemacht, merken aber auch, dass jetzt gen Herbst/Winter eine Art “Zoom-Müdigkeit” durch das Land und im Besonderen den Engagement-Sektor zieht. Für uns ist es daher umso interessanter und relevanter, zu erfahren, zu lernen und zu diskutieren, wie wir trotz des Überflusses und Überdrusses an digitalen Formaten Interesse, Beteiligung und Engagement aus den Engagierten herausgekitzelt bekommen. Wir werden dazu in Kürze ein eigenes Beteiligungsformat auf unserer Plattform starten und würden uns freuen, wenn du dich mit deinen Erfahrungen dort ebenfalls einbringen würdest!

      Herzliche Grüße an dich!
      Dana vom Team Forum Digitalisierung und Engagement (BBE)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Mehr Beiträge aus dem Magazin

D3 – so geht digital ist ein Projekt der     gefördert durch