Thomas Leppert: Digitalisierung ist so viel mehr als Zoom und Facebook

Thomas Leppert ist Digitalisierungsfan – und würde mit seiner Begeisterung gerne die Engagierten des dritten Sektors anstecken. Aber ihm ist klar: Dieser Weg ist noch weit.

Thomas Leppert sitzt mit einem blauen Pullover gestikulierend vor einer grauen Wand, an der auf Zetteln steht: #otc19 Raum 1

Wenn Menschen sagen, es sei ihr berufliches Ziel, sich überflüssig zu machen, ist das oft Koketterie. Thomas Leppert hingegen meint diesen Satz ernst – und hat sogar schon eine Strategie für sein Vorhaben entwickelt. Er tut das nicht, weil er keine Lust auf seinen Job hätte. Wohl aber, weil er sein Thema wirklich lebt.

Der 48-Jährige ist Politologe und geschäftsführender Gesellschafter der Heldenrat GmbH. Seine Firma konzentriert sich auf den Bereich des nachhaltigen Wirtschaftens und berät vor allem Unternehmen, für die das im Fokus steht und die dabei Erfahrungen und Kompetenzen aus dem sozialen Sektor übernehmen wollen. Im gleichnamigen Mutter-Verein berät Tom ehrenamtlich soziale Bewegungen – und legt dabei einen Spagat hin, der ihm einiges abverlangt. Denn Toms Spezialthema ist die Digitalisierung. Und in diesem Bereich, sagt er, habe der zivilgesellschaftliche Bereich viel nachzuholen.

Zugegeben: Zwar hätten spätestens im Zuge der Corona-Pandemie auch viele Akteure des so genannten dritten Sektors erkannt, wie digitale Lösungen ihnen das Arbeitsleben erleichtern können. „Aber die Dimension des Themas ist noch lange nicht allen bewusst.“ Dass es mehr und möglicherweise Wichtigeres gebe als Zoom-Meetings, Dropbox und Facebook, „das haben bisher noch zu wenige verinnerlicht“. Dies betreffe oft das Verständnis über die konkrete Anwendung von Zukunftstechnologien.

Noch schmerzhafter sei aber die daraus resultierende unzureichende Fähigkeit zur dringenden nötigen Mitgestaltung des gesellschaftlichen Diskurses über den technologischen Wandel durch zivilgesellschaftliche Akteure. „Die braucht es aber, um eine kritisch-konstruktive Abwägung von Chancen und Risiken der Digitalisierung zu ermöglichen und die Debatte nicht nur Wirtschaft und Staat zu überlassen.“

Tom denkt groß. Wer ihn zu den Chancen der Digitalisierung fragt, bekommt im Schnelldurchlauf ein Briefing in Sachen Künstlicher Intelligenz, Open Data und Online-Beratung. „Aber in der Praxis konzentrieren sich die Angehörigen des zivilgesellschaftlichen Sektors am ehesten auf die Möglichkeiten, mit Mitgliedern und Mitarbeitenden effizient zu kommunizieren. Darüber hinaus werden höchstens die Chancen gesehen, die die Digitalisierung für das Fundraising und die Öffentlichkeitsarbeit auf Social Media bringt. Aber wie man damit die eigentliche Arbeit – nämlich eine soziale Wirkung zu erzielen – stärken kann, ist in der Regel eher unbekanntes Terrain.“

Fernsehbildschirm mnit Tom Leppert auf dem DSS 2020
Tom beim Digital Social Summit | Online 2020

Viele Möglichkeiten, keine Ressourcen

Tom kommt ins Schwärmen, wenn er über die neuen Möglichkeiten im Digitalen spricht. Warum, so fragt er, könnten nicht Chatbots schnell und unkompliziert Informationen liefern – etwa zu Fragen der Vereinsgründung, der Gemeinnützigkeit oder dem Steuerrecht? Wieso solle es nicht möglich sein, mittels Beacon-Technologie Passant:innen über ihr Smartphone darauf hinzuweisen, dass sie gerade an einem Hospiz vorbeilaufen und sie zu fragen, ob sie sich dort engagieren oder dafür spenden wollen? Und warum sollte ein Chor nicht über die Ferne Menschen das Mitmachen im virtuellen Raum ermöglichen?

Die Antwort auf all diese Fragen ist so simpel wie bitter: „Die Ressourcen fehlen.“ Leppert sagt, es gebe eine „riesige Kluft“ zwischen Wirtschaft und Non-Profit-Organisationen, die sich ständig vergrößere. „Der Leiter der Innovationsabteilung einer großen Bekleidungsfirma hat mir erzählt, er und seine Mitarbeitenden seien fasziniert gewesen von Alexa, der internetbasierten intelligenten Assistentin. Also was ist passiert? Die haben das Gerät einfach gekauft und damit rumgespielt. Seine Mitarbeitenden haben sich ein paar Tage Zeit genommen, rauszufinden, was man damit eigentlich alles für ihren Bereich anstellen kann.“ Eine zivilgesellschaftliche Organisation aber habe dafür weder das Geld noch die personellen Ressourcen.

Professionalisierung entstehe häufig dort, wo sich Menschen schwerpunktmäßig um ein Thema kümmern und sich spezialisieren können, sagt Tom. „Wo der Vorstand aber nebenbei noch Öffentlichkeitsarbeit und Fundraising machen muss, gibt es keine hauptamtlichen Strateg:innen für Digitalisierungsprozesse.“

Die Wirtschaft ist gefordert

Tom weiß gut, wie die Aktiven und ihre Organisationen arbeiten. Fünf Jahre lang hat er als Projektleiter und Leiter des Themenbereichs Gesellschaft bei der Robert Bosch Stiftung Projektpartner aus dem Bereich der Zivilgesellschaft betreut und begleitet, bevor er 2019 von Stuttgart zurück in seine alte Heimat Hamburg zog und dort seither als Berater arbeitet. Dort und in seinem bald 15-jährigen Engagement bei Heldenrat habe er eine „große Demut“ gegenüber den rund 670.000 Organisationen des dritten Sektors in Deutschland mitgenommen, sagt er. „Ihre Arbeit ist gar nicht hoch genug zu schätzen.“

Dass viele Organisationen nicht so professionell arbeiten könnten, wie sie es selbst gerne täten, schmerze viele der Beteiligten. „Aber man kann es nicht anders konstatieren: Das Geld fehlt in diesem Sektor an allen Ecken und Enden. Das wird durch Digitalisierung noch schlimmer.“ So gebe es weder eine ausreichende technische Ausstattung noch geschultes Personal, ganz zu schweigen von Ressourcen für eine professionelle und dauerhaft wirksame Beratung in diesem Bereich.

Wie sich das ändern könnte? Tom will nicht weniger als einen gravierenden Umschwung. Zusammenarbeit und Kooperation bis hin zur teilweisen Fusion sei der Schlüssel. So wie es für die öffentliche Hand oder die Sparkassenlandschaft zentrale Gruppen-IT-Dienstleister gebe – Dataport in Hamburg oder die Finanz IT in Frankfurt sind da nur zwei Beispiele –, müssten diese für den dritten Sektor geschaffen werden. Dessen Organisationen und Akteure könnten sich dann Rechenzentren, Software und Personal teilen.

Tom sieht dabei auch die Unternehmen in der Pflicht: „Wenn es nach mir ginge, würde Microsoft Deutschland dem zivilgesellschaftlichen Sektor 100 Entwickler:innen in einem solchem Zentrum befristet im Rahmen von Corporate Volunteering zur Verfügung stellen, die sich dann Gedanken machen könnten, wie man zum Beispiel künstliche Intelligenz in der Arbeit der Aktiven einsetzen könnte.“

Neue Wege finden, ohne die alten zu versperren

Ein Projekt, das der Hamburger gern weiterspinnen würde: „Aber dafür fehlt mir aktuell leider die Zeit.“ Denn Toms Plan, in seinem Job überflüssig zu sein, hängt momentan in der Theorie fest – zu sehr wird das analoge Beratungsgeschäft im Moment noch genutzt. Gefragt, wie weit er die Digitalisierung in seinem eigenen Unternehmen schon vorangetrieben habe, muss er lachen. „Meine Kolleg:innen würden sagen, dass wir schon sehr weit sind. Ich finde, dass wir noch meilenweit von dem entfernt sind, was möglich wäre.“

Tom träumt mit einem Augenzwinkern von einer weitgehend digitalen Beratung, mit einer hoch effizienten Mensch-Maschine-Kommunikation für Standardprojekte, von Workshops, die komplett online stattfinden können und für die es nicht einmal eine Moderation durch Heldenrat gibt, weil die Teammitglieder der Kund:innen in speziellen Online-Modulen selbst entsprechend geschult werden.

Dass das, was er für erstrebenswert hält, von vielen Aktiven des dritten Sektors nur bedingt positiv gesehen wird, ist Tom bewusst. Es sei gerade der „menschliche Faktor“, der die Arbeit dort definiere. „Die Idee, dass man Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren wollen, online betreuen kann, ist für viele gar keine wirklich gute, da zählt oft der Wunsch nach einem konkreten Ort, einem Büro, in dem man physisch zusammenkommen kann. Und das ist auch richtig so.“

Leppert versteht diesen Wunsch – und wirbt doch gleichzeitig darum, neue Wege zu eröffnen, ohne die alten zu versperren. Die Non-Profit-Organisationen will er dabei durchaus an der Ehre packen. „Es gehört ja zu ihren zentralen Aufgaben, Menschen die Teilhabe an gesellschaftlichen Prozessen zu ermöglichen.“ Ja, natürlich hätten nicht alle Zugang zum Internet und die Möglichkeit, online an einer Veranstaltung teilzunehmen.

Aber es gebe auch viele Menschen, die in ihrer Mobilität, ihren finanziellen Ressourcen oder Zeit eingeschränkt sind, sodass sie Offline-Termine und -angebote einfach nicht wahrnehmen könnten. „Wenn man ihnen mit hybriden Veranstaltungen und Angeboten, die beide Welten miteinander verbinden, den Zugang ermöglichen könnte: Das wäre doch ein riesiger Gewinn.“

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Tom Leppert schreibt auch selbst für D3 – so geht digital

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