Tool-Minimalismus: Mehr ist nicht immer besser

Braucht es ein Toolfeuerwerk für eine erfolgreiche Digitalisierung? Nicht unbedingt. Denn viel wichtiger als die große Menge an Tools ist die richtige Methodik. In diesem Beitrag zeigt Sören Etler von der Blaue Dächer Digitalwerkstatt, wie ihr auch mit wenigen, dafür aber gut ausgewählten Tools interaktive Online-Veranstaltungen durchführen könnt.

Foto eines minimalistisch eingerichteten Zimmers

„Does it spark joy?“

Vielleicht kennt ihr dieses zum Meme gewordene Zitat von Marie Kondo. Für alle, die diesen Spruch nicht kennen: Marie Kondo hat eine Serie auf Netflix, in der sie Tipps zum Aufräumen in den eigenen vier Wänden gibt, die neben äußerer Ordnung auch zu mehr Aufgeräumtheit im Inneren führen sollen. Ihr Glaubenssatz: Man soll nur Dinge aufbewahren, die Joy, also Freude bei einem auslösen. Alles andere kann weg.

So können wir auch mit digitalen Tools umgehen. Sicherlich gibt es bei euch im Alltag auch Tools, die euch nicht mit Freude erfüllen. Lasst uns also aufhören, diese zu nutzen – und uns lieber auf Tools, die wirklichen Mehrwert bieten, fokussieren. Und überhaupt: Viel wichtiger als das jeweilige Tool ist die Methode, mit der wir es einsetzen.

This one does not spark joy

Oft sind Workshops mit Tools überfrachtet. Teilnehmende hetzen für Stimmungsabfragen und das gemeinsame Brainstorming von einer externen Plattform zur nächsten und verirren sich zum Teil auf der “digitalen Route”. So stiften die eigentlich als digitale Helferlein eingeplanten Tools mehr Verwirrung als Nutzen. Überspitzt gesagt, kennt wohl jede:r von uns Workshops, die wie folgt aufgebaut sind.

Noch vor dem Start des Online-Workshops schicken wir den Teilnehmenden einen Link zu unserem Padlet, damit sie sich dort mit einem kurzen Vorstellungspost an der Netzwerkwand verewigen. Den Workshop selbst veranstalten wir über Zoom. Bei der Erwartungsabfrage nutzen wir Mentimeter, um ein Stimmungsbild zu bekommen. Die Gruppenarbeit findet dann in Breakout-Sessions statt, bei der jede Gruppe ihre Ergebnisse auf PowerPoint Online festhält. Vorher haben wir aber schon ein paar unstrukturierte Ideen über ein virtuelles Whiteboard wie MIRO oder Conceptboard gesammelt. Nach der Pause versuchen wir, mit Kahoot! lockere Stimmung zu verbreiten und ein wenig den spielerischen Ehrgeiz herauszukitzeln. Für das Feedback braucht es noch eine Zielscheibe, die wir mit ONCOO digital umsetzen. Nach 90 Minuten ist der Workshop vorbei, aber die Toolparty, bzw. der Einsatz von anderen Plattformen, endet hier noch nicht. Denn: Im Nachgang verschicken wir noch einen Link zu einer Umfrage – und die Präsentation kann, da sie etwas größer geworden ist, über WeTransfer heruntergeladen werden.

So muss das nicht sein

Ganz klar: Dieser Workshop ist überladen. Teilnehmende, die sich mit dem ein oder anderen Tool noch nicht so gut auskennen, sind leicht überfordert und wissen nicht, wo sie gerade hingucken sollen. Und auch in 2021 ist der Fensterwechsel zwischen Zoom und dem Browser (möglicherweise dann auch noch mit mehreren Tabs) für manche nicht so intuitiv, wie man eigentlich hoffen würde. Die Tools lenken von den eigentlichen Inhalten ab. Bei jedem Wechsel laufen wir Gefahr, Teilnehmende zu verlieren. Wenn man schon im Browser ist, kann man auch noch schnell die Mails checken oder die neuesten Fußballergebnisse nachgucken.

Das Gute ist: Den gleichen Workshop können wir auch mit wenigen und zum Teil einfacheren Tools umsetzen. Es gibt viele spannende Methoden, die wir auch über die Videokacheln oder den Chat durchführen können. Gerade der Chat ist gewissermaßen der Underdog und Allrounder der Online-Workshop-Tools – und bietet den Vorteil, dass die Teilnehmenden dabei auch in der Videokonferenz bleiben. Wie kann das ganz praktisch aussehen? Mit der Vorstellung können wir im Chat anfangen, sobald die ersten Teilnehmenden da sind. So ergeben sich schnell Gesprächsthemen für den ersten Smalltalk, bis es dann wirklich losgeht. Den Chat können wir natürlich abspeichern und bei Bedarf auch im Nachgang zur Verfügung stellen. Per Chat können wir außerdem Gespräche zwischen den Teilnehmenden anregen. 

Auch ein Quiz kann man direkt in der jeweiligen Videokonferenzplattform durchführen – ohne dabei auf externe Programme ausweichen zu müssen. So können Teilnehmende einfach ihre Antworten als Nachrichten im Chat verschicken und wir als Moderator:innen bekommen einen ungefähren Eindruck der Ergebnisse. Etwas visueller und aufgelockerter funktioniert das auch mit farbigen Karten, die alle Teilnehmenden zur Beantwortung von Fragen vor die Kamera halten. Im ersten Schritt sucht jede:r einen roten, blauen, grünen und weißen Gegenstand. Die Farben symbolisieren die verschiedenen Antwortmöglichkeiten und können dann entsprechend in die Kamera gezeigt werden. Für ein kurzes Quiz ist also nicht extra der Wechsel auf eine andere Seite notwendig. Ein buntes Siegertreppchen gibt es dann aber nicht.

Auch die Ergebnissicherung funktioniert ohne komplexe Tools. Eine Person aus dem Moderationsteam kann auch während der Inputblöcke Kernbotschaften im Chat platzieren und Namen und Links zur Verfügung stellen. Die Ergebnisse von Gruppenarbeiten hängen stark von den Aufgaben ab. Häufig reicht eine individuelle Sicherung in der Gruppe – z.B. ganz analog mit Zettel und Stift. Bei der Vorstellung im Plenum können dann zentrale Punkte festgehalten werden. Beim rotierenden Protokoll ist immer die folgende Gruppe für das Festhalten der Kernbotschaft zuständig. Während Gruppe 1 präsentiert, schreibt Gruppe 2 mit. Das hat den Vorteil, dass durch das gemeinsame Formulieren Verständnislücken aufgedeckt werden. Und wir können uns in der Moderation ganz auf die Vorstellungen der Gruppen fokussieren und bei Bedarf ergänzen.

Tooltip: Etherpad

Etherpad ist ein OpenSource Tool zum gemeinsamen Schreiben von Texten. Die Oberfläche ist sehr simpel gehalten. So kann das Tool auch in minimalistischen Workshops seinen Platz finden. Etherpad kann entweder auf einem eigenen Server gehostet werden oder auf vielen kostenlosen Instanzen – z.B. yopad.eu von jugend.beteiligen.jetzt.

Ganz viele Tipps & Videos zu weiteren Tools findet ihr auch in unserer „Plötzlich digital“-Reihe. Jeden zweiten Freitag stellen wir hier in einer interaktiven Sprechstunde ein Tools vor – alle Aufzeichnungen könnt ihr euch hier anschauen!

Höhepunkte schaffen

Von einem Workshop bleiben immer nur die besonderen Momente in Erinnerung. Wir merken uns nicht den Durchschnitt von dem, was passiert ist, sondern nur die Übergänge (Anfang & Ende), Höhepunkte und Tiefpunkte. Das können wir beim Tool-Minimalismus nutzen. Durch den gezielten Einsatz von besonderen Tools und Methoden schaffen wir bleibende Momente. Der Workshop wirkt nicht wie ein Einheitsbrei: Es stechen einzelne Phasen heraus, auf die wir besonderen Wert legen – und in denen wichtige Inhalte vermittelt werden.

Wenn wir uns auf wenige Tools festlegen, schafft das Freiheit. Die Struktur, auf die wir uns vorab festgelegt haben, ermöglicht es uns als Moderation flexibel auf das Geschehen im Workshop zu reagieren. Mit einem komplexen Tool ist es nahezu unmöglich, mitten in einem Workshop noch eine weitere Dimension zur Zielscheibe hinzuzufügen oder die Vorlage für die Ergebnisse der Gruppenarbeitsphase anzupassen. Bei einer einfachen Abfrage im Chat oder einem geteilten Etherpad-Dokument ist das allerdings kein Problem.

Fazit

Ich habe diesen Blogpost nicht geschrieben, um euch den Spaß an neuen Tools auszureden. Wir müssen ja auch nicht alle minimalistisch in einem Tiny House wohnen. Es macht aber Sinn immer wieder kritisch zu evaluieren, welche der Tools, die ihr einsetzt, einen wirklichen Mehrwert für die Teilnehmenden bieten. Mehr Tools machen vieles komplexer – mehr Abos, die wir im Auge behalten müssen, mehr Schulungen damit sich auch alle damit zurechtfinden – und es wird immer schwerer den Überblick zu behalten.

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Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung-Nicht kommerziell 4.0 International Lizenz.

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4 thoughts on “Tool-Minimalismus: Mehr ist nicht immer besser

  1. Hallo Sören,

    Danke für den Impuls und Anlass zur kritischen (Selbst) Toolreflexion. Ich liebe Mentimeter, werde den Chat aber stärker nutzen.

    Was setzt du, neben Etherpad, denn selbst ein?

    Viele Grüße,
    Christian

    1. Hallo Christian,
      ich nutze neben Etherpad für Gruppen, die ich länger begleite, auch Conceptboard (oder miro). Dafür brauch man aber wesentlich mehr Zeit und eine intensivere Einführung.
      Bei Mentimeter hat mich immer wieder gestört, dass die Teilnehmenden dann auch zoom verlassen. Es wurden jetzt aber zoom Apps eingeführt (darunter auch mentimeter), sodass die Umfragen im zoom Fenster bleiben. Momentan funktioniert es aber noch nicht perfekt. Bei älteren Zommversionen werden die Umfragen dann nicht angezeigt.
      Zusätzlich habe ich mir im letzten Jahr selbst ein Tool geschrieben. Chattarize visualisiert den zoom Chat z.B. als Wortwolke oder Abstimmung. So kann man dann die „mentimeter Umfrage“ im Chat machen, sich den Chat abspeichern und anschließend schön darstellen. Du kannst es auch unter chattarize.de benutzen. Ich bin leider momentan noch nicht dazu gekommen eine ausführliche Dokumentation zu schreiben. Falls du dazu Fragen hast, kannst du mir einfach schreiben.
      Viele Grüße,
      Sören

  2. Hi Sören,
    chattarize sieht cool aus, wenn du magst freue ich mich da über mehr Infos.

    Conceptboard nutze ich auch gerne, die Einarbeitung ist nur, wie du schreibst, deutlich aufwändiger als in andere Tools.

    Die Zoom Apps funktionieren aktuell ja nur, wenn die Teilnehmenden sie bei sich auch installiert haben. Das macht sie, zumindest für meine Arbeit, eher weniger nutzbar.

    Chattarize werde ich aber gerne testen. Habe übrigens beim Socialbarcamp am Freitag deinen Rat befolgt und rein auf ein Etherpad als Doku gesetzt, hat hervorragend funktioniert. Danke dir :).

    1. Ein kurzer Ruf vom Seitenrand: Sören hat uns sein Tool Chattarize am Rande seiner Plötzlich digital-Sprechstunde zu dem Tool „votesUp!“ für Mitgliederversammlungen vorgestellt. Wer einen ersten Einblick bekommen möchte, ist hier richtig.

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