Dagmar Hirche: Internet gehört in jede Wohnung, so wie Wasser und Strom

Die Unternehmerin Dagmar Hirche will, dass auch Menschen ab 65 die digitale Welt entdecken: Nur so sei wirkliche Teilhabe möglich. Um das zu erreichen, schult sie Senior:innen im Umgang mit Smartphones und PCs.

Twitter, Facebook und Co gelten nicht als die bevorzugten Plattformen für ältere Menschen. Dagmar Hirche kennt das Vorurteil – und nichts findet sie schöner, als es zu widerlegen. Für die 63-Jährige ist das Netz ganz natürliches Habitat, das Smartphone ihr ständiger Begleiter. Ihr Bestreben ist es, noch viel mehr Senior:innen davon zu begeistern, denn die Vorteile, die die digitale Welt biete, seien einfach zu groß, als dass irgendjemand sie sich entgehen lassen sollte.

Von Computern sei sie immer schon begeistert gewesen, erinnert sich die Unternehmensberaterin: Schon vor Jahrzehnten, lange vor dem Internet, sei sie in ihrer Firma „immer die Erste gewesen, die sich getraut hat, Computer-Projekte zu übernehmen. Ich war einfach neugierig und – das ist vermutlich entscheidend – ich hatte nie Angst vor neuen Dingen.“ Bis heute wisse sie nicht, wie die Technik in Computern, Tablets und Smartphones funktioniere. „Und das ist mir auch vollkommen egal. Das ist wie im Auto; da will ich auch nur den Schlüssel rumdrehen und losfahren.“ Wichtig sei, dass sie Apps und Anwendungen nutzen könne, denn ohne digitale Technik sei die Welt heute denkbar.

Wer sich im Digitalen nicht zurechtfindet, verliert den Anschluss

Dagmar setzt sich dafür ein, dass insbesondere bei älteren Menschen die Einsicht wächst, dass sie sich der Digitalisierung nicht verweigern können. Gerade die Einschränkungen der Corona-Pandemie hätten gezeigt, wie sehr sie das Leben von Senior:innen bereichere. „Zum einen wachsen die Anforderungen: Banken schließen Filialen, Behörden und medizinische Einrichtungen informieren auf Websites und vergeben Termine bevorzugt online.“ Zum anderen hätten digitale Angebote den Älteren die Möglichkeit gegeben, ihre Eigenständigkeit zu bewahren. „Viele ältere Menschen finden es furchtbar, auf Hilfe angewiesen zu sein. Und noch schlimmer war es für sie während des Lockdowns, dass sie das Gefühl hatten, die ganze Gesellschaft würde ihnen vorschreiben, wie sie ihr Leben zu führen haben und was sie alles nicht mehr tun dürfen. Für die, die es können, sind die digitalen Möglichkeiten dann wirklich zu Instrumenten der Selbstbestimmung geworden.“

Ein Problem aber sei, dass viele Ältere es eben nicht könnten. Noch nicht: Denn Dagmar arbeitet jeden Tag daran, das zu ändern. Mit dem Verein Wege aus der Einsamkeit, den sie vor 13 Jahren mit Geschäftspartner:innen gegründet hat, bietet sie kostenfreie Gesprächsrunden für ältere Menschen an, in denen diese den Umgang mit Smartphones und dem Internet lernen. In ihrem Buch „Wir versilbern das Netz“ gibt sie Tipps, wie das gelingen kann.

(Foto: Hirche)

30 Minuten Gerätetraining pro Tag

Dabei kann die Frau, die gern und viel lacht, auch durchaus streng sein: „Ich verstehe, dass es mühsam ist, wenn man diese Dinge ganz neu lernen muss. Aber man muss auch dranbleiben – ich sage meinen Teilnehmer:innen immer, dass sie sich mindestens 30 Minuten am Tag mit den Geräten beschäftigen müssen. Und wenn dann nach drei Wochen die Sachen, die wir im ersten Workshop besprochen haben, immer noch nicht sitzen, weil keine Zeit fürs Üben war, dann werde ich auch mal deutlich.“ Es führe einfach kein Weg an der einen Erkenntnis vorbei: „Wenn ich noch ein paar Jahre an dieser Gesellschaft teilhaben will, dann muss ich auch mit 70, 80 oder 90 noch lernen, wie ich mich in der digitalen Welt bewege.“

Doch die Bereitschaft, sich darauf einzulassen, ist das eine. Häufig sei schon der Zugang ein Problem, erklärt Dagmar. Die Corona-Zeit habe ihr deutlich gemacht, dass sie eine wichtige Gruppe vernachlässigt habe. „Wir haben von März bis Juli unsere Workshops ja per Zoom abgehalten. Und dabei musste ich feststellen, dass mir fast alle meine armen Rentner:innen verloren gegangen sind.“ Wer im Alter unter Armut leide oder grade so über die Runden komme, der könne sich eben die 20 oder 30 Euro monatlich für WLAN in der Wohnung nicht leisten. „Und wenn dann der Zugang zu Bibliotheken oder Einkaufszentren versperrt ist, dann hat das dramatische Folgen.“ Dagmar hat deshalb eine klare Forderung an die Politik: WLAN für alle! „Der Zugang zum Internet muss im Grunde genauso wie Wasser und Strom in jeder Wohnung vorhanden sein.“ Dafür seien viele Modelle denkbar – vom gemeinsamen Router der Hausbewohner oder dem Datenvolumen für bedürftige Haushalte. „Da brauchen wir einfach mehr Fantasie für gute Lösungen.“

Niemand will Seniorenprodukte

Mehr Vorstellungskraft: Das wünscht sich Dagmar auch von den Unternehmen, die die digitale Welt gestalten. Zwar seien die speziellen Geräte für Senior:innen in den letzten Jahren deutlich besser geworden. „Aber wenn sie ehrlich sind, wollen Ältere keine speziellen Alten-Produkte. Die wollen das Smartphone, das auch ihr Enkel hat oder die Freunde.“ Sie frage sich, warum nicht alle Geräte einen einfachen Modus hätten, in dem Nutzer:innen erst einmal die Basisfunktionen kennenlernen und den Umgang mit der Technik trainieren könnten, um dann, wenn sie fit genug sind, auf den Normalmodus umzustellen. Die Industrie müsse hier und an anderen Stellen die besonderen Bedürfnisse mitdenken. „Es ist auch ganz normal, dass alte Leute viel vergessen und sich mit Änderungen schwertun. Es kann ein Problem sein, wenn man sich monatelang an ein Gerät und dessen Funktionen gewöhnt hat und dann nach einem Update des Betriebssystems alles anders aussieht. Das für viele frustrierend und ärgerlich.“

Dagmar selbst liebt es, sich in der digitalen Welt zu bewegen. Sie ist begeistert davon, wieviele Menschen sie etwa über Twitter erreicht, die richtigen Hashtags würden ihr und ihren Anliegen viel Reichweite verschaffen. Die große Skepsis vieler Altersgenoss:innen die neue Technik betreffend teilt sie nicht. „Als ich jung war und wir zum ersten Mal ein Telefon hatten, da habe ich nach der Schule direkt mit meiner Freundin telefoniert – und meine Oma war entsetzt und meinte immer, ich solle nicht über das ,komische Ding’ kommunizieren, sondern meine Freunde direkt treffen. Irgendwann hat meine Mutter sogar ein Schloss für die Wählscheibe besorgt. Das ist doch ganz normal: Jede Generation macht Dinge, über die die Älteren mit dem Kopf schütteln. Aber deshalb muss man sie doch nicht verdammen.“

Zurück ins Analoge

Doch bei aller Begeisterung: Von der analogen Welt will und kann Dagmar Hirche nicht lassen – und plädiert deshalb für eine entschiedene Gleichzeitigkeit von on- und offline-Angeboten. Gerade im Moment bräuchten viele eine kleine digitale Atempause. „Nach den Einschränkungen der Corona-Zeit sind die Leute unglaublich froh, wenn sie wieder persönlich zusammenkommen können – da geht es denn Teenagern, die endlich wieder in den Clubs tanzen wollen wie den Älteren, die es satt haben, daheim zu hocken.“ Nach den Monaten der Zoom-Meetings setzen Dagmar und ihre Mitstreiter deshalb jetzt wieder auf Formate, die den direkten Kontakt befördern – auch wenn dabei wegen der Hygieneregeln Kreativität gefragt sei. Wie in jedem Jahr feiere der Verein auch 2020 den Weltseniorentag – diesmal aber leider nicht mit den bisherigen Formaten wie Speed Dating oder Silent Disco. „Dafür machen wir aber einen Gedicht-Flashmob, da wird nicht gesungen und die Leute können sitzen bleiben.“

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