Hendrik Epe: Keine Angst vor neuen Wegen

Hendrik Epe berät soziale Organisationen auf ihrem Weg in die Zukunft. Ein Universalrezept für die Digitalisierung des Dritten Sektors hat er nicht, aber die Überzeugung, dass durch den digitalen Wandel vieles besser werden kann.

Foto von Hendrik Epe auf der Social Innovation Night

Dass Berater:innen offen zugeben, sie hätten für Probleme keine Lösung, ist vor allem eines: verdammt selten. Für Hendrik dagegen ist es primär ein Fakt, mit dem er ganz offen umgeht. Der studierte Sozialmanager berät Organisationen aus dem Dritten Sektor. Er begreift sich selbst als „Pfadfinder“, der soziale Akteure auf dem Weg in die Zukunft begleitet. Immer wieder komme er dabei an den Punkt der Digitalisierung. Und immer wieder werde ihm dabei eine Frage von dem Mitarbeitenden gestellt, erzählt er: „Wie machen wir es jetzt konkret?“ Seine Antwort: „Ich weiß es nicht.“

So manche Beratung wäre an diesem Punkt beendet, wegen Erfolg- und Aussichtslosigkeit. Für Hendrik ist sein Eingeständnis erst der Start und ein wichtiger Schlüssel dafür, dass Digitalisierung eben doch gelingen könne und werde. Denn er ist von einer Sache überzeugt: „Lösungslosigkeit ist die Chance dafür, Vorgehensweisen und Methoden, die wir einmal erlernt haben, die sich aber als nicht zielführend erwiesen haben, wieder zu erlernen.“ Gelinge das, eröffne sich die Chance auf wirkliche Innovationen. Gerade in Sachen Digitalisierung gebe es nicht die eine Lösung, die – in praktische 10-Punkte-Pläne oder Checklisten verpackt – für alle (sozialen) Unternehmen gleichermaßen anwendbar sei. Wer das erkenne, könne sich auf einen Prozess des Ausprobierens einlassen und immer wieder neue Wege erkennen und einschlagen.

Im Kern geht es darum, die Möglichkeiten, die digitale Anwendungen etwa bei der Buchhaltung, Personalplanung oder Dokumentation bieten, so zu nutzen, dass die Mitarbeitenden ihrer eigentlichen Profession besser nachgehen können: der Arbeit am Menschen.

Gegen die gängigen Klischees

Dass Hendriks Kund:innen sich darauf einlassen, mag etwas mit seiner Glaubwürdigkeit zu tun haben, die sich aus vielfältigen eigenen Erfahrungen speist. Der 40-Jährige startete seinen beruflichen Weg als Diplom-Sozialarbeiter in der stationären Jugendhilfe, arbeitete dann fast zehn Jahre lang als Referent für Qualitätssicherung bei einer gemeinnützigen GmbH. 2017 stieß er als Forschungskoordinator an das Institut für Angewandte Forschung, Entwicklung und Weiterbildung (IAF) der Katholischen Hochschule Freiburg. Hier koordiniert er inzwischen den Bereich Weiterbildungen. Parallel dazu baute Hendrik sein eigenes Unternehmen IdeeQuadrat auf, mit dem er Organisationsberatung für die Sozialwirtschaft anbietet. Hendrik kennt den sozialen Sektor damit von innen wie außen extrem gut.

Zur Erfahrung gesellt sich ein weiterer Fakt, der den Berater für seine Kund:innen so einmalig macht: eine ganz besondere Leidenschaft für den sozialen Sektor. Der hat für viele, die nur von außen draufschauen, einen eher schlechten Ruf, wenn es um Arbeitsbedingungen und Umgang mit Mitarbeitenden geht. Er kenne das gängige Vorurteil, wonach insbesondere im Bereich der sozialen Arbeit alles andere als sozial gearbeitet werde, nur zu gut, sagt Hendrik. „Aber ich wäre mit diesen Narrativen extrem vorsichtig.“ Natürlich sei an vielen Stellen noch Luft nach oben, aber viele Sozialunternehmen seien seiner Erfahrung nach sehr bemüht darum, eine neue Unternehmenskultur zu etablieren und die eigenen Werte und Leitbilder auch wirklich zu leben.

Das sei im Übrigen auch betriebswirtschaftlich längst geboten. Der inzwischen hochgradige Fachkräftemangel des sozialen Sektors mache es für unzufriedene Mitarbeitende heute sehr schnell möglich, ein Unternehmen, in dem sie unzufrieden sind, zu verlassen. Schwer mache es den Einrichtungen wie Krankenhäusern, Kindergärten, Alten- und Pflegeheimen nicht der eigene Unwille, sondern die Strukturen, in denen sie arbeiten: „Ein katholisches Pflegeheim kann sich den eigenen christlichen Werten noch so sehr verpflichtet fühlen: Wenn es allein darum geht, Profit zu erzielen und die Einrichtung komplett abhängig ist von den Entscheidungen des Kostenträgers, ist der Handlungsspielraum begrenzt.“

Hier könne die Digitalisierung eine Chance sein – wenn man sie, wie ausgeführt, anders denke als es oft geschehe. „Im Kern geht es darum, die Möglichkeiten, die digitale Anwendungen etwa bei der Buchhaltung, Personalplanung oder Dokumentation bieten, so zu nutzen, dass die Mitarbeitenden ihrer eigentlichen Profession besser nachgehen können: der Arbeit am Menschen.“ Das aber laufe bisher „noch nicht so gut“.

In seinem IdeeQuadrat-Podcast unterhält sich Hendrik regelmäßig mit Interviewpartner:innen aus dem sozial(unternehmerisch)en Sektor zu Zukunftstrends, Innovation, Veränderungsprozessen und die Organisationsentwicklung im Dritten Sektor. Hört doch mal rein!

Arbeit mit Sinn

Hendrik findet das außerordentlich bedauerlich. Denn gerade der soziale Sektor, davon ist der Freiburger überzeugt, könne wichtige Beiträge in den Diskurs über die Frage geben, „wie wir eigentlich miteinander leben wollen“ und so maßgeblich dazu beitragen, die Gesellschaft zu gestalten. Hendrik ärgert sich darüber, dass der soziale Sektor in volkswirtschaftlichen Diskursen zu wenig wahrgenommen werde. Mit rund 4,6 Millionen Beschäftigten sei der soziale Sektor „alles andere als eine Exotenbranche, die ist riesig. Zum Vergleich: Die Automobilindustrie kommt auf rund 900.000 – liegt aber in der öffentlichen und politischen Wahrnehmung ganz oft vorn. Das ist doch ein Unding.“

Was die Branche leiste und wie sie damit das ganze Land beeinflusse, müsse sichtbarer werden, davon ist Hendrik überzeugt. Auch hier könne die Digitalisierung helfen. Der Berater wünscht sich, dass die Großen seiner Branche wie Caritas oder Diakonie „zu Influencern werden“ und ihre Themen auch über Social Media viel stärker verbreiten. „Die haben viel Nachholbedarf in Sachen politischer Kommunikation.“ Das liege auch am eigenen Selbstverständnis der Menschen im Sektor, weiß Hendrik. Im Kern gehe es den meisten Sozialarbeitenden um die Arbeit mit Menschen, um sinnvolle Tätigkeit. Dass die Digitalisierung dabei helfen könne, genau das stärker zu tun, sei noch zu wenig verinnerlicht.

„Im Grunde geht es darum, gemeinsam herauszufinden, wie die Menschen innerhalb ihrer Organisation so zusammenarbeiten können, dass sie sich weitestgehend selbst organisieren und ihre Potentiale entfalten können. Das klingt soft, ist aber wesentlich.“ Digitalisierung sei kein Selbstzweck, sie könne sich nicht darauf beschränken, „mal was mit Whatsapp oder Facebook zu machen, ohne dass jemand wirklich weiß, was damit erreicht werden soll“. Vernünftig angegangen könne sie aber einen echten Mehrwert schaffen, „weil sie dazu beitragen kann, den eigentlichen Zweck der Organisation und die Arbeit für und mit Menschen wieder in den Mittelpunkt zu rücken“: Dass sei es, was für die allermeisten Menschen des sozialen Sektors wesentlich sei.

Textgrafik. Drei Fragen an Hendrik Epe: 
Was ist deine aktuelle Lieblings-App?
Twitter.
Auf welche Begleiterscheinungen der Digitalisierung 
könntest du am ehesten verzichten?
Auf die vielen Verschwörungstheorien und die gesellschaftliche
Spaltung, die durch die Kommunikation in Echokammern und Filterblasen immer massiver wird.
Angenommen, du wärest für einen Tag Digitalminister: 
Was wäre deine erste Amtshandlung?
Ich würde gemeinsam mit den Sozial- und Kultusminister:innen 
einen Digitalrat ins Leben rufen, der die Bereiche Digitales, 
Soziales und zeitgemäße Bildung verknüpft.

Gehör für den sozialen Sektor

Hat Corona dazu beigetragen? Immerhin hat die Pandemie im vergangenen Jahr an vielen Stellen die Digitalisierung immens befördert. Hendrik ist skeptisch. Es gebe eine „hippe Blase“ von Wissensarbeiter:innen, die im Homeoffice dank digitaler Tools schnell zu einer neuen Normalität gelangt sei. „Für Menschen, die in einer Hochhaussiedlung mit drei Kindern in drei Zimmern eingesperrt sind und neben ihrem Job noch Homeschooling leisten müssen, sieht das deutlich anders aus.“

Natürlich hätten digitale Möglichkeiten der Kontaktaufnahme die dramatische Situation etwa in vielen Pflegeheimen wenigstens lindern können. Insgesamt sei beim Thema Teilhabe aber noch viel zu tun. Und die im Frühjahr so viel beschworene Solidarität der Menschen sei doch schnell abgeebbt. In den letzten Monaten habe sich gerade in der Auseinandersetzung um die Corona-Maßnahmen eine immense gesellschaftliche Spaltung offenbart. Gerade in dieser Lage müsse sich der soziale Sektor mit seinen Werten und Überzeugungen stärker einbringen, sagt Hendrik. „Wir haben viele Antworten. Damit müssen wir endlich Gehör finden.“

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